Sie befeuerten den Krieg, die sogenannten "Patronenfrauen", die im Zweiten Weltkrieg Munition für den propagierten "Endsieg" herstellten. Klara war eine von ihnen, 18 Jahre jung und stolz darauf, nun zum "kriegsgewichtigen Personal" zu zählen. Pro Tag wurde in Hirtenberg eine Million schussfertige Munition hergestellt, keine andere Patronenfa-brik in Mitteleuropa wies ähnlich hohe Produktionszahlen auf. Das Werk lief - und die Heerschar an Arbeiterinnen in immer höherem Tempo mit. Dieser Teil des Krieges war weiblich. Die Männer waren an der Front, auch Klaras Vater, der in einem Feuergefecht zu Tode kam.

In ihrem dritten Roman, "Was bei uns bleibt", erzählt die österreichische Autorin Didi Drobna ein Kapitel Zeitgeschichte aus der Perspektive einer Frau, die in ihrem Leben auf unterschiedliche Weise damit konfrontiert wird, Verantwortung zu übernehmen. Eine Verantwortung, vor der sie in jungen Jahren zunächst die Augen verschließt. Erst als Ende 1944 in Hirtenberg eine der vielen Außenstellen des KZ Mauthausen eingerichtet wurde, begann Klara zu dämmern, welcher Tortur die über 400 Zwangsarbeiterinnen ausgeliefert waren, mit denen sie Seite an Seite in der unterirdischen Fabrik zusammenarbeiteten.

Plötzlich bekamen kursierende Gerüchte über existierende Konzentrationslager ein Gesicht, einen Namen, (mit)helfende Hände im täglichen immer härter werdenden Schichtbetrieb. Obwohl Sprechverbot zwischen freiwilligen Arbeiterinnen und Zwangsarbeiterinnen herrscht, entwickelt sich zwischen Klara und der slowakischen Jüdin Lujza eine Form von Zuneigung, die zugleich ihre Einstellung zum Nazi-Regime ins Wanken bringt.

Alternierend zu dieser historischen Rückschau wird in Drobnas Roman auf einer zweiten Zeitebene das gegenwärtige Leben der mittlerweile 84-jährigen Klara geschildert, die gemeinsam mit ihrem Enkelsohn Luis in einem alten Bauernhaus lebt. Für Luis war und ist seine Großmutter alles: "Sie war Vater, Mutter, Tante, Onkel, beide Großeltern, alles, was er brauchte. Obwohl sie nur zu zweit waren, waren sie eine Familie. Sie waren vollzählig. Niemand fehlte."

Als Klaras Tochter in jungen Jahren an Lungenkrebs starb, sah sich Klara mit der Tatsache konfrontiert, Luis bei sich aufzunehmen, ihn alleine großzuziehen, ungeteilte Verantwortung zu übernehmen. Sie wusste, wie man ein eigenes Kind großzieht, doch wie erzieht man einen Enkel?

1988 in Bratislava geboren, lebt seit 1991 in Wien: Didi Drobna. 
- © BARBARA WIRL

1988 in Bratislava geboren, lebt seit 1991 in Wien: Didi Drobna.

- © BARBARA WIRL

Letztlich dürfte ihr dies gelungen sein. Man lernt den nunmehr 32-Jährigen als einen fleißigen, introvertierten Mann kennen, der aufgrund seiner eigenen Familiengeschichte einen guten Draht zum kleinen Nachbarsmädchen Dora entwickelt. Dora hat große Ähnlichkeiten mit ihrer Großmutter, die als Kind drei Jahre allein im Wald gelebt hat und später dann ihrem Sohn Horst zwar keine mütterliche Nähe und Wärme vermitteln konnte, aber umfassende Kenntnisse über die Natur. Diesen von großmütterlicher Seite "vererbten" unbändigen Freiheitsdrang trägt Dora in sich, ebenso wie eine nicht minder große Wut, die sie ihren Vater Horst täglich spüren lässt. Auch er ist Alleinerzieher und fühlt sich außerstande, über generationsübergreifende blinde Flecke zu sprechen.

Das Schweigen über die eigene Vergangenheit und daran gekoppelt "die Einsamkeit, an der man zwar nicht stirbt, aber Herz und Seele verkümmern", sind neben der zeitgeschichtlichen Komponente die Kernthemen des Romans. "Die Vergangenheit", so Klara, "tut niemandem gut. Ein Enkel muss nicht alles wissen. Niemand muss alles wissen. Es ist ein Trugschluss, dass vollkommene Ehrlichkeit Menschen einander näherbrächte."

Doch als Dora eines Tages in Klaras Schlafzimmer zwei Parabellum-Patronen aus der damaligen Hirtenberger Munitionsfabrik findet, kommt es zum "Knalleffekt" und Luis beharrt darauf, dass seine Großmutter ihm doch noch von diesem Lebensabschnitt erzählt.

"Was bei uns bleibt" ist ein historisch präzise recherchierter Roman, fern von Schuldzuweisungen oder Vorverurteilungen und vielleicht gerade deshalb berührend. Dass Didi Drobna am Ende des Buches leise Anklänge einer versöhnlichen Aussprache ihrer Protagonisten in Aussicht stellt, passt zu deren Lebensphilosophie, wonach allein schon "die Abwesenheit von Unglück ein Glück an sich ist".