Sarah Biasini ist die Tochter der 1982 verstorbenen Romy Schneider und ihres Privatsekretärs Daniel Biasini. In ihrem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch "Die Schönheit des Himmels" versucht die berühmte Tochter, ausgelöst durch die eigene Schwanger- und Mutterschaft, eine Aufarbeitung ihres großen Verlustes. Das Buch ist stilistisch ein Mittelding aus Brief, Tagebuch und Autobiografie und an Biasinis Tochter Anna gerichtet, die im Februar 2019 geboren wurde.

Auf dem Einband sieht man eine Frau, die in inniger Liebe ihre kleine Tochter küsst. Es ist ein berührendes Bild, ein sehr privater Moment - und doch für die Öffentlichkeit festgehalten. Die Frau auf dem Bild ist Romy Schneider, das Kind ist Sarah Biasini. Mit diesem Coverfoto wird das Dilemma der Autorin deutlich: Einerseits leidet sie darunter, dass jeder außer ihr die verstorbene Mutter zu kennen meint - andererseits nützt sie die Popularität ihrer Mutter auch selbst und gibt ihre eigene Intimität preis.

- © Zsolnay
© Zsolnay

Romy war und ist eine Kultfigur - ihre Entwicklung vom "zuckersüßen Wiener Mädel" zur "Femme fatale" war spektakulär und endete dramatisch.

Ein Jahr vor ihrem Tod verlor Romy ihren 14-jährigen Sohn bei einem Horrorunfall, danach fehlte ihr die Kraft zum Weiterleben. Zurück blieb ein fünfjähriges Mädchen, eben jenes Kind vom genannten Buchcover. Zurück blieb auch eine schockstarre Öffentlichkeit, die nicht bereit war, ihre Ikone freizugeben. Noch Jahre nach ihrem Tod wurden Romy Schneiders Abstürze verklärt und cineastisch ausgeschlachtet.

Sarah wuchs indessen behütet bei ihren Großeltern väterlicherseits auf. Und so ist Biasinis Buch auch eine Hommage an ihre Großmutter Monique, die ihr stets die Mutter ersetzt hat. "Die Mutter hat mir nie gefehlt, als ich klein war. Die Frau hat mir gefehlt, als ich erwachsen war", sagt sie heute. Sie wehrt sich gegen das Bild, das von ihrer Mutter zurückgeblieben ist. Für das gefeierte Biopic "3 Tage in Quiberon" (2018) etwa kann sie nur Abscheu empfinden.

Biasini, selbst Schauspielerin, ist mit dem französischen Regisseur Gil Lefeuvre verheiratet. Der Wunsch nach einem Kind blieb dem Paar lange verwehrt. Als das Grab von Romy Schneider und ihrem Sohn David im Mai 2017 in Boissy-sans-Avoir von Unbekannten geschändet wird, löst dies in Sarah Biasini eine Welle von Emotionen aus. Kurz darauf ist sie schwanger.

In dem Brief an ihre Tochter, den Biasini nun zu schreiben beginnt, arbeitet sie nicht nur ihre Beziehung zu ihrer Mutter auf - das unaufhörliche Sehnen -, sondern sie flicht aus ihren emotionalen Turbulenzen auch einen kausalen Zusammenhang.

Sarah Biasini vor einem Foto von Romy Schneider und Alain Delon bei einer Ausstellung  in Cannes (2012). 
- © AFP / Verlery Hache

Sarah Biasini vor einem Foto von Romy Schneider und Alain Delon bei einer Ausstellung  in Cannes (2012).

- © AFP / Verlery Hache

Man kann es ihr nicht verdenken. Jede Frau, die in die "Babywelt" gekippt ist, kann sie nachempfinden, diese Mischung aus unendlichem Glück, Trauer und Verwirrung. Verlust- und Versagensängste sowie die Größe dessen, was da passiert, sind schier überwältigend. Nichts ist mehr, wie es war, wird niemals wieder so sein. Dies ist die Zeit, in der die Beziehung zur eigenen Mutter schmerzvoll hinterfragt wird - ob es sich bei dieser nun um Romy Schneider handelt oder nicht.

"Warum schreibe ich?", fragt die Autorin. "Ich werde nicht sterben. Nicht sofort. Nicht in einem Jahr, nicht mit knapp vierundvierzig Jahren wie meine Mutter. Aber falls doch, muss ich dir etwas von mir hinterlassen. Von meiner eigenen Mutter habe ich so wenig. Ich hätte mir auch gewünscht, dass sie mir schreibt..."

Der Prozess, wie sich eine Frau von der Tochter zur Mutter formt, ist in diesem Buch auf beeindruckende Weise herausgearbeitet - Biasinis Sprache ist flüssig, ansprechend und passagenweise auch durchaus poetisch. Das emotionale Chaos in jedem Satz spürbar. Man fragt sich allerdings: Warum sucht Sarah Biasini eine Öffentlichkeit, unter der sie doch ihr Leben lang gelitten hat? Die Autorin erkennt diesen Widerspruch schließlich selbst: "Mein Kind, ich verwechsle meine Bedürfnisse mit deinen."