Ach, ist das schön!

Beschneites Feld.

Die Luft so klar, dass man Großmutters Vanillekipferl darin riechen kann.

Glöckchengebimmel.

Rudi Rentier putzt sich seine rote Nase.

Eine Leiche im Schnee.

Die Mutter brät Äpfel mit viel Butter und Zimt und Vanille und Zucker.

Wo sind die Geschen. . .

Moment: Wie war das? - Nach dem triefnasigen Rentier und vor der Bratapfelorgie? Leiche im Schnee?

Genau: Gruselzeit Weihnachten ist angesagt!

Da geht es nicht um den blanken Horror, in den paar Tagen zwischen Lockdown-Teilende und Bescherung schnell zu kaufen, was Kindern, Mutter, Vater, Frau, Freundin, Tante, Onkel und so weiter noch nie gefehlt hat. Den Überfluss hat man längst bei Amazon besorgt. Und, nebenbei, meine Herren, Bucherer liefert auch über Internetbestellung.

Stille Nacht, schreckliche Nacht

Es geht um den echten Horror, um den leichenreichen, um die Weihnachtsteufel und Weihnachtsdämonen, seien es metaphysische Wesen oder solche aus Fleisch und Blut. Ausgerechnet das Fest der Liebe steckt voller Grauen. Stille Nacht, schreckliche Nacht? Wer hätte das gedacht!

Es ist aber tatsächlich so. Zum Beispiel die Filmindustrie: Weihnachten ist entweder lakritziger Beziehungskitsch, dass Rudi schniefen und schon wieder seine rote Nase putzen muss, oder es ist der blanke Horror.

Für den Kitsch ist heute kein Platz, nur für den Horror. Aufgrund der Materialfülle eine unvollständige Aufzählung: "A Christmas Horror Story", "Krampus", "Red Christmas", "Christmas Evil", "Deadly Games", "Santa‘s Slay", "Black Christmas". Letztgenannter hat sich zum Kulthorrorfilm gemausert und ist von Blumhouse neu adaptiert worden. Selbstverständlich mordet auch Dexter, unser aller liebster Serienserienkiller, in der elften Folge der ersten Staffel zu Weihnachten.

Darf man die "Kevin allein"-Filme anführen? - Knirps genießt sadistische Spiele mit geistig wehrunfähigen Einbrechern. Uminterpretiert, zugegeben. Aber wenn Macaulay Culkin in die Kamera grinst, ist Jack Nicholson in Stanley Kubricks "Shining" dagegen ein Weihnachtsmann.

Literarisch geht’s kaum zahmer zu. Der deutsche Gruselgeschichtenschreiber Markus Heitz ist mit seinen "Der Tannenbaum des Todes"-Geschichten nicht der Einzige. Die meisten der alten grausig gruseligen Weihnachtsgeschichten spielen seit Märchenzeiten nicht dezidiert zu Weihnachten, sondern in der Weihnachtszeit, also um die drei magischen Tage herum, etwas vorher, etwas nachher. Wenn der Schnee liegt. Wenn die Winterdämonen umgehen.

Weil ja Weihnachten überhaupt. . . - also: urchristlich ist das Fest nicht. Dass die frühe Kirche dem christlichen römischen Kalligraphen Furius Dionysius Filocalus folgte und Weihnachten auf den 25. Dezember legte, war dem Sol-Invictus-Fest am selben Tag geschuldet. Einerseits konnte man das heidnische Fest christlich überschreiben, andererseits war es der Tag der Geburt des Sonnengottes Mithras, und schon waren Mithras und Jesus zu einer Gestalt verschmolzen. So geht Christianisierung.

Doch der schönste neue Glaube nützt wenig in Barbarenlanden: Da kann man die unzivilisierten Frauen und Männer, die nicht einmal die Segnungen von Fischlake und Fußbodenheizung kennen, noch so sehr zum Christentum bekehren, tilgen kann man ihre alten Vorstellungen dennoch nicht, zumindest nicht vollständig. So prangt etwa in den Verzierungen der Stabkirchen Norwegens neben dem christlichen Symbol auch der Thorshammer. Hilft der eine nicht, hilf der andere.

Metaphysischer Konflikt

Was das mit den weihnachtlichen Gruselgeschichten zu tun hat? - Alles! Ob russische Weihnachtsgeschichten, ob Weihnachtsgeschichten aus dem hohen Norden oder aus ursprünglich keltischen und germanischen Gefilden: Das christliche Deckweiß des Friedensfestes ist dünn aufgetragen über den Vorstellungen von Frostdämonen und Wintergeistern, die in den langen Nächten über den Schnee huschen. Weil nun gerade in der Weihnachtszeit heidnische Glaubensvorstellungen verstärkt auf christliche treffen, entsteht ein sozusagen metaphysischer Konflikt.

Aus ihm hat nicht zuletzt der heute nahezu vergessene österreichische Dramatiker Richard Billinger seine Stücke "Perchtenspiel" und "Rauhnacht" geschöpft.

Dass Weihnachten eine Zeit der Geister ist, hat uns bleibend Charles Dickens gelehrt, vor allem mit der "Weihnachtsgeschichte" um den mürrischen und geizigen Onkel Scrooge, dem Vorbild für Onkel Dagobert Duck, der im Original Scrooge McDuck heißt. Ihn bekehren drei Weihnachtsgeister zu Milde und Wohltätigkeit.

Allerdings: So harmlos, wie die Geschichte in Filmen und auf weihnachtlich gesinnten Bühnen meistens dargestellt wird, ist sie keineswegs: Scrooge wird sein eigener Tod vor Augen geführt, er bekommt die große Liebe seines Lebens trotz seines Sinneswandels nicht und, noch schlimmer, sein verstorbener Kompagnon Marley bleibt als Geist an die Ketten gefesselt und ohne Aussicht auf Erlösung verdammt.

Theaterhorror mit Dickens

Das Paderborner Theater spielte 2018 eine Dramatisierung der Erzählung, die es mit dem Unheimlichen ziemlich weit getrieben haben dürfte: Schulen sagten reihenweise den Besuch der Gruselmär ab - und das, obwohl der Unheimlichkeitsfaktor noch während der Proben heruntergeschraubt worden war. Sollte Regisseurin Danielle Strahm am Ende gar Dickens verstanden und statt eines überzuckerten Weihnachtsstollens einen echten, wenngleich weit ruppigeren Plumpudding kredenzt haben?

Ist es kein Gespenst und kein Höllenbewohner auf winterlichem Abkühlungsurlaub, dann ein Teufel aus Fleisch und Blut: Der Serienkiller-Santa meuchelt Weihnachtssüchtige mit der Kaltblütigkeit eines Geflügelhändlers, der für die Weihnachtsgänse und Weihnachtstruthähne sorgt. Damit stehen die blutigen Weihnachtsfilme in alter Tradition, und wie bei allen Traditionen fragt keiner mehr nach deren Wurzel. Oberflächlich scheint es nur noch mit Alfred Hitchcocks Antwort zu tun zu haben, weshalb er Blondinen bevorzuge: "Weil man auf ihnen das Blut besser sieht", antwortete der Suspense-Meister. Aber erst, wenn das Blut auf den weißen Schnee rieselt, ist es richtig rot.

So rot, dass nicht einmal die Röte von Rudi Rentiers roter Nase mithält.

Schnell einen Glühwein darauf! Hilft zwar nicht gegen die Angst vor den Dämonen der Weihnachtszeit - schmeckt aber!