Niemand ist eine Insel, viele Dinge und fast alle Menschen haben zwei Seiten, und die Tschechische Republik ist eine parlamentarische Demokratie mit präsidialen Elementen, die qualitativ nicht stärker sind als jene der österreichischen Bundesverfassung. Lassen wir den vor zehn Jahren verstorbenen Burgherrn, der den Hradschin innerlich komplett neu gestaltete, selbst sprechen: "Die größte Gefahr für Europa ist Europa selbst", das ist ein Havel-Zitat, oder: "Die Macht lebt von der Macht der Ohnmächtigen", ein Diktum noch aus der Zeit der Unterdrückung, die der langjährige Dissident am eigenen Leib zu spüren bekam.

Zwar gibt es Leidgenossen unter den Regimekritikern und Dissidenten, die meinen, dass das Husák-Regime den Prager Autor und Theaterarbeiter im Vergleich zu anderen mit Glacéhandschuhen angegriffen habe. Doch das stimmt so nicht. Solange er sich in sein Landhaus, genannt "Hrádeček", zurückzog, beschränkte die KP-Führung die Maßnahmen auf eine sichtbare Überwachung ohne Brutalität. Man kannte einander und einmal ging ein Polizist sogar in ein Wirtshaus, um eine Kiste Bier für eine Feier im Havel-Haus zu holen. Später griff man zu Zwangsmaßnahmen, Havel saß jahrelang im Gefängnis, wo er den späteren Kardinal Tomáek (1899-1992) kennen und schätzen lernte. Deutlich zeigte sich Havels spirituelles Interesse sowohl in seiner Kooperation mit dem Kirchenmann als auch in direkten Begegnungen mit dem Dalai Lama und schließlich, in seiner letzten Lebensphase, durch die Betreuung des Moribunden, welche geistliche Schwestern übernahmen.

Energie in Symbolik

Als Dissident stand Havel auf der Seite der Verfolgten und war mit Pavel Kohout und Jiři Dienstbier Sprachrohr der "Charta 77", ohne stets die treibende Kraft des Reformprozesses zu sein. Als Präsident der ČSFR war er ungemein populär, verwandte aber womöglich zu viel Energie auf Symbolik, Design und äußeren Umbau des Staates, der bereits mächtig in Richtung eines marktwirtschaftlichen Systems drängte und in dem zentrifugale Tendenzen spürbar wurden, die auch schließlich zur Aufspaltung in zwei Republiken führten. Die zwar friedliche, aber nicht friktionsfreie Trennung zwischen Tschechen und Slowaken passierte unter Václav Klaus’ Federführung als Ministerpräsident, doch unter den Augen Havels, dem hier auch Fehler unterliefen, wie Kritiker meinen.

Hier soll aber auch an die Zeit des Aufbruchs vor 30 Jahren, nach der "samtenen" Revolution erinnert werden, an die Aussöhnung mit den Deutschen, vertreten durch Bundespräsident Weizsäcker und Kanzler Kohl, an die zwei markanten Staatsbesuche 1990 bei George Bush sen. im Weißen Haus und im Kreml bei Generalsekretär Gorbatschow und Außenminister Schewardnadse, die sich eine Versöhnungsurkunde und den Truppenabzug der Sowjets abringen ließen. Später traf Havel auch Boris Jelzin, für den er Sympathien hatte und dessen markante Gestalt ihn an eine Gogol-Figur erinnerte. Mit Präsident Putin hingegen wurde Havel nie "warm", im Gegenteil: Er sah die nunmehrige Russische Föderation in Richtung einer gefährlichen Mischung aus Kommunismus und Kapitalismus driften. Das hatte auch persönliche Gründe. Havel hatte den Geheim- und Sicherheitsdienst der kommunistischen Partei genau kennengelernt. Die lange Haftdauer der 1980er-Jahre zeitigte Folgen und war mit verantwortlich für die dramatischen gesundheitlichen Krisen, die aber auch Havels Rauchen und dem ausufernden Terminplan ein Jahrzehnt später zuzuschreiben waren. Der mutige Mann, der freimütig eingestand, kein Held zu sein, lernte die Angst kennen, entwickelte aber eine Strategie, wie auch Ohnmächtige aufbegehren können.

Glück und Pech

Havel lebte 75 Jahre und 3 Monate. Er hatte das Glück und Pech zugleich, als Sohn privilegierter Eltern auf die Welt zu kommen. Das bescherte ihm und seinem Bruder Ivan zwar vorerst ein nobles bürgerliches Ambiente an der Moldau, doch bereits als Kindergartenkind fand sich Václav in einem von NS-Deutschland in Geiselhaft gehaltenen, besetzten und im Fall von Widerstand auch terrorisierten Staat, dem "Protektorat", wo nicht nur aufmüpfige Studentenführer dem Henkersbeil zugeführt wurde, sondern auch Massaker stattfanden wie der grauenhafte Rachefeldzug in Lidice (10. Juni 1942) anlässlich der Ermordung des RSHA-Chefs Reinhard Heydrich. Nach 1945 keimte Hoffnung, aber nur kurz. Als Havel 13 Jahre alt war, folgten die Enteignungen seitens der ČSSR, die Havels waren von einem Tag auf den anderen arm und standen nicht auf der Prioritätenliste des stalintreuen Regimes, das auch die weitere Ausbildung des Maturanten behinderte. Hier zeigte sich die Wendigkeit des jungen Pragers, er studierte nicht nur ein Fach, dessen Kenntnisse er als eine Art Finanzreferent für die "Charta 77"-Dissidenten er auch nutzen konnte, sondern er verdingte sich auch als Bühnenarbeiter und schleppte auch Hopfen- und Gerstensäcke in einer Brauerei. Wenn ein schwitzend abgearbeiteter, Lampen und Requisiten schleppender Theaternarr zum Theaterautor wird, ist das eine schöne Metaphorik, die das Leben schrieb.

Wichtige Partnerin

Havel wäre nicht der berühmte Autor geworden, hätte er nicht mit Olga Havlová eine interessierte und kritische Gattin gehabt. Sie war ihm ein wichtiger Widerpart, Gastgeberin in Hradeček, Gefährtin bei Wanderungen - eine bemerkenswerte Frau, die früh starb; als sie als First Lady im Januar 1996 (vor mehr als 25 Jahren!) begraben wurde, galt sie als die moralische Autorität des Landes, derer man auch 2021 mit Respekt am Friedhof Prag-Weinberge gedachte.

Havels zweite Frau Dagmar (Daša) Havlová lernte er schon kennen, als seine erste Gattin noch lebte. Dass er nochmals heiratete, und zwar bereits am 3. Januar 1997, nahmen ihm einige Gefährten und Bürger übel. Aber Havel hatte soeben eine lebensgefährliche Krise überwunden, er wusste nicht, wie viele Jahre ihm noch blieben. Zeitweise nannte er die Frau, die von Mitarbeitern der Staatskanzlei angefeindet wurde, seine "Retterin", weil sie unorthodoxe Entscheidungen bei seiner Behandlung durchsetzte. Die Schauspielerin an seiner Seite sorgte für Glamour, auch im Ausland, als die beiden mit ihrer Schwester Nina neuerlich die USA (Administration Bush) besuchten und später auch (allein) die Clintons im Weißen Haus aufsuchten, wo Havel ein Tänzchen mit Hillary wagte, ein Charmeur und willkommener Gast. Havels Witwe ist heute noch auf dem gesellschaftlichen Parkett zu sehen. In die Fußstapfen von Olga konnte sie nicht treten, aber man muss auch die schwierige Rolle respektieren, die sie einnahm, und ihre Loyalität zum rasch verfallenden Autor hervorheben.

Uraufgeführt in Wien

Als Autor ist Havel in Wien wohl bekannt, vor allem jener Generation, die in den 1970er und 1980er-Jahren die Theater besuchte. So fand im Akademietheater am 23. Mai 1981 die Uraufführung von Havels Stück "Das Berghotel" mit der Schauspielerin Blanche Aubry statt, als er in Haft war. Die Serie war Verdienst des heute noch lebenden und Essays schreibenden Achim Benning, damals Direktor, der fünf Dramen von Havel brachte und diesen damit moralisch und materiell unterstützte. Dabei handelt es sich oft um subkutan sprach- und systemkritische Satiren. Da diese 1966/67 auch in Prag aufgeführt werden durften, machten ihn die Dramen im ABC-Theater noch vor dem Prager Frühling 1968 bekannt.

Zunächst tastete sich Havel mit "Das Gartenfest" an das Thema verklausulierter Systemkritik heran, dann folgte mit "Die Benachrichtigung" ein Meisterwerk der Intrige. Eine neue Sprache, die als Machtinstrument verwendet, dann aber "verunreinigt" wird, bringt einen aufrichtigen Bürger bzw. Genossen namens Gross an den Rand der Existenzvernichtung; auch die "Gauneroper", ein alter Stoff, aufbauend auf John Gays und Johann Chr. Pepusch’ "Beggar‘s Opera" aus 1728, an dem sich schon Brecht/Weill erfolgreich versuchten, zählt zu Havels bekannten Stücken. Unter gewissen Umständen, so der Sukkus, sind die Gauner nicht mehr von den Guten zu unterscheiden.

Frank Zappas Mandat

Havel faszinierten die Figuren, die Widerstand leisteten, sei es auch passiv, wie Hašeks guter Soldat Schwejk. Er förderte als Kulturpolitiker Auftritte renitenter Musiker wie der Stones und Frank Zappas, dem er sogar eine Art Mandat zur kulturellen Vertretung verschaffte, was später als Gag abgetan wurde, aber Havels Vorliebe für kritische Geister zeigt. Immerhin führte der aus Baltimore stammende Abkömmling griechisch-italienischer Einwanderer einen Feldzug für die Meinungsfreiheit; nur ging es nicht gegen die staatliche Bevormundung der Medien, sondern um die Einschnürung von Pop-Künstlern durch dubiose Hinweise an Eltern über angeblich zu "explizite" Texte. Wie wir heute wieder lernen, ist die Freiheit immer in Gefahr, und als Erstes trifft es immer die Kultur und die Künstler. Und so halten wir es mit Havels Aphorismus: "Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass es einen Sinn macht, egal wie es ausgeht."