Einer ist auf die Nase gefallen, sein Hut weit geflogen. Andere bewegen sich leicht voran, genießen das Gleiten. Wieder andere spielen eine frühe Variante von Hockey. Ein Paar hält sich an den Händen. Sie alle genießen das dicke Eis auf dem Fluss, den Winter, die Kälte - und dass sie sich auf dem gefrorenen Wasser auf Kufen voranbewegen können.

Hendrik Avercamps Winterlandschap met ijsvermak (Winterlandschaft mit Eisläufern), entstanden um 1608, ist wohl eines der anmutigsten, sicherlich eines der heitersten und der am reichsten bevölkerten Wimmel-Bilder von Winterfreuden in den Niederlanden um 1600. Dass das Rijksmuseum in Amsterdam, das diese 132 auf 76 Zentimeter messende Arbeit des taubstummen Künstlers besitzt, der 1634 mit 49 Jahren starb, ihm vor Jahren eine kleine Retrospektive widmete, ist verständlich.

Dieses Bild war der visuelle Einstieg in Philipp Bloms 2017 erschienene Kultur-Klima-Geschichte der Kleinen Eiszeit zwischen 1570 bis 1700, die dramaturgisch nicht frei von Raffinesse war, allerdings argumentativ nicht durchgängig überzeugen konnte.

Nun beginnt auch der Roman "Diebe des Lichts" des seit 2007 in Wien lebenden deutschen Historikers und (Radio-)Moderators wie ein Bild. 1572, die Spanischen Niederlande, ein Dorf wird von spanischer Soldateska überfallen, nicht wenige werden gehängt, zwei kleine Buben, von denen der eine unabsichtlich verräterische Hinweise gegeben hatte, retten sich in die Wälder.

27 Jahre später ist der Ältere, Sander, ein hochbegabter Maler in Rom, sein jüngerer Bruder Hugo ist - man denke an Avercamp - verstummt. Seit dem traumatischen Massaker spricht er kein Wort mehr. Sander dient er als Gehilfe und mischt mit sicherer Hand die Farben an, die dieser verwendet. Es gibt Liebe und Liebesverwicklungen, es gibt Intrigen und Tod, es gibt die mörderische Macht der katholischen Inquisition, dubiose bis moralfreie Kirchensekretäre, heuchlerische Kirchenfürsten. Es gibt gesellschaftliche Außenseiter, schrankenlose Lust - und vor allem gibt es Rom, Neapel und Palermo, in die es die beiden verschlägt, Städte voller Unrat, Grausamkeit, Not, Qual und Volksfrömmigkeit. Und es gibt Kunst, viel Kunst. Besonders diese vermag Philipp Blom mit süffiger Opulenz in Worte zu überführen.

Er entrollt einen farbenprächtigen Teppich der Renaissance um 1600. Das macht er wortreich und atmosphärisch angereichert mit durchaus leichter, beschwingter Hand. Schon bei seinen erfolgreichen historischen Sachbüchern fiel bereits mehr und mehr ins Auge, dass die Nachweise immer weniger wurden, dass er immer punktueller Quellen und Belege zitierte. So ist der Schritt zum historischen Roman wohl naheliegend gewesen.

Bei diesem populären Genre, das zwischen trivialen Untiefen à la Iny Lorentz, Tanja Kinkel oder Ken Follett und höchsten Höhen - Hilary Mantel, Robert Ranke-Graves, Leo Perutz, Umberto Eco - oszilliert, stellen sich stets Fragen wie: Roman oder Biografie? Eng der Historie folgen oder eher liberal? Vor allem: Wie nah sind uns die Figuren von einst? Spiegelt Geschichte die Gegenwart?

Zum Glück hat sich Philipp Blom für historische Faktizität entschieden, auch wenn hie und da dem Lektorat Ausdrücke und Worte entgingen, die zeitlich zu avanciert und sprachlich unbehaglich sind, und nicht für eine juvenile Mischform wie etwa jüngst Franzobel ("Die Eroberung Amerikas") oder der Deutsche Michael Römling ("Mercuria"), deren Erzählerstimmen bizarr gegenwärtiges Deutsch von sich geben.

Nun ist dieser historische Roman nicht Bloms literarisches Debüt. 2006 erschien im winzigen Kölner Tisch 7 Verlag mit "Luxor" ein eher mattes Pasticcio von Anlehnungen, Zitaten und Zitatkopien von Nabokov über Emma-
nuel Bove bis zu Woody Allen. Und 2016 erschien aus Bloms Feder ein Gegenwartsroman, "Bei Sturm am Meer", eine Familiengeschichte mit nicht wenigen Abgründen. "Diebe des Lichts" ist auch voller Abgründe. Wenn auch im letzten Drittel dramaturgisch etwas vorhersehbar, ist dies ein gelungener Roman, eine angenehme Lektüre.