Annalena Baerbock, die nunmehrige deutsche Außenministerin, hatte im Bundestagswahlkampf mit heftigen Plagiatsvorwürfen zu kämpfen. In ihrem Buch "Jetzt. Wie wir unser Land erneuern" habe sie ohne Quellenangabe fremde Texte übernommen. Zu ihrer Verteidigung führte sie unter anderem an, man schreibe ein Buch bekanntlich nie allein. Auch dafür gab es von vielen Seiten Häme und Kritik, etwa von der Schriftstellerin Nora Bossong, die auf Twitter schrieb: "Wer jahrelang zehn Stunden täglich allein am Schreibtisch sitzt, ist einfach etwas fassungslos bei Baerbocks Äußerungen."

Dass das Schreiben aber selbst bei notorischen Eigenbrötlern kein ganz einsames Geschäft ist, zeigt die in Zürich tätige Literaturwissenschafterin Ines Barner. Anhand von vier Fallbeispielen (Robert Walser, Rainer Maria Rilke, Peter Handke, Marcel Beyer) führt sie detailliert und eindringlich vor Augen, wie aus der engen, oft fast intimen, aber auch enorm konfliktbehafteten Zusammenarbeit von Autor und Lektor große Literatur entsteht.

Besonders interessant ist ihre eingehende, mit viel unveröffentlichtem Archivmaterial arbeitende Detailstudie zu Peter Handke und seiner Suhrkamp-Lektorin Elisabeth Borchers. Als Handke sich im Textdickicht von "Langsame Heimkehr" verirrt hatte, einem der zentralen Texte in seinem Werk, der eine wichtige Wende markiert, sah er nur noch einen Ausweg: "Liebe Elisabeth - es ist schon so, daß ich Dich bitten möchte, mir mit dem endgültigen Text zu helfen, und zwar so, daß Du allein entscheidest. ... Die Zeit gestern mit Dir hat mich ganz überzeugt, daß Du für den Text das Richtige weißt."

Barners faszinierende Studie ist nicht nur eine Ehrenrettung der "unsichtbaren" Lektoren, die so gut wie immer vollständig hinter die Autoren (und deren Ruhm) zurücktreten, sondern entzaubert unaufgeregt den Mythos vom einsamen Genie, das ganz allein Weltliteratur verfasst. Literaturwissenschaft vom Feinsten!