Preisfrage zum heutigen Phileas-Fogg-Tag: In Jules Vernes Roman "Reise um die Erde in 80 Tagen" - wird Phileas Fogg bei der Ballonfahrt luftkrank oder nicht?

Wie bitte? Gleich beantworten? Mitnichten! - Diese Reise geht langsam. Immer diese Hetzerei von einem Ort zum anderen, das ist doch kein Vergnügen!

Jawohl, Phileas-Fogg-Tag ist heute. Und weil man sich gerade in Zeiten der Pandemie schon auf eine Reise von Wien nach Rekawinkel zu freuen beginnt, kann man diesen Tag zum Anlass nehmen, das eigene Reiseverhalten zu überdenken.

Dieser Phileas Fogg - macht der nicht im Grund alles falsch, was man beim Reisen falsch machen kann?

Die Erde schrumpft

Natürlich muss man ihn, respektive seinen Erfinder Jules Verne, in Schutz nehmen. Fogg reiste schließlich nicht, weil er andere Länder sehen und andere Menschen kennenlernen oder seinen linken großen Zeh ins Wasser einmal nicht in den Ärmelkanal, sondern ins Hafenwasser von Shanghai halten wollte. Das waren nur Nebeneffekte. Fogg reiste, weil es um eine Wette ging: Man könne in 80 Tagen die Welt umrunden.

Ja, konnte man damals, 1873, als der Roman erschien. Jules Verne bezog sich dabei auf die Weltumrundung des US-amerikanischen Autors George Francis Train im Jahr 1870.

Wenig später war die Erde schon ein Stück erschlankt: 1888 brauchte die US-amerikanische Journalistin Nellie Bly nur noch 72 Tage, wobei sie sich genau an die Route von Phileas Fogg hielt.

Nach einer weiteren Erd-Abmagerungskur schaffte der deutsche Journalist Michael Quandt die Strecke Singapur - Sydney - Los Angeles - Houston - Caracas - London - Kairo - Kuala Lumpur - Singapur in 66 Stunden und 31 Minuten. Freilich: Er flog. Immerhin aber benützte er nur Linienflüge. Im Jahr 2013 brauchte eine Gulfstream G650 nur noch 42 Stunden und 7 Minuten.

Irgendwie ist das die letzte Konsequenz aus der Reise des Phileas Fogg: Man betritt die Länder und Nationen nicht einmal mehr, man fliegt über sie hinweg.

Und was bringt’s?

Das eben ist die große Frage: Wozu dient das Reisen?

Natürlich kann jeder das nur für sich selbst beantworten. Denn Reisen ist mehr, als von einem Punkt A zu einem Punkt B zu gelangen.

Überhaupt: Was will man mit einer Reise erreichen? Damals? Heute?

Damals entsprangen die Reisen vor allem entweder dem Handel oder Raubzügen. Selbst die bedeutendsten Reisen zumindest der Europäer hatten mit Gewürzen oder mit Gold zu tun. Wenn man dabei auf einen Kontinent stieß, der sich ungebeten zwischen Europa und Indien schob - Schwamm drüber. Immerhin hatten die Einwohner allerhand Gold zu bieten, das in den Schatzkammern der spanischen oder der portugiesischen Krone besser aufgehoben wäre als bei den "Indianern".

Hand aufs Herz: Ob Wikinger, Conquistadores oder Sir Francis Drake - Reise war identisch mit Plünderung.

Die Forschung kam erst später - und mit einem Gran Bosheit könnte man anmerken: Selbst bei einem großen Seefahrer und Kartographen wie James Cook war sie ein Nebenprodukt. Denn ausgesandt wurde er für seine große zweite Reise, um den legendären Südkontinent zu entdecken und für die britische Krone in Besitz zu nehmen. Doch was bringt es, den Pinguinen die Antarktis zu klauen - dann erklärt man schon lieber den australischen Aborigines, dass ihr Land jetzt ein Teil von Großbritannien sei.

Erkenntnis und Vergnügen

Die Humboldts, Alexander und Wilhelm, die reisten wirklich zum Erkenntnisgewinn. Eine Österreicherin war auch unter den Neugierigen um der Neugier willen: Ida Pfeiffer, die erste weltreisende Frau. 1857 dokumentierte sie beispielsweise die Terrorherrschaft der madegassischen Königin Ranavalona.

Auch Johann Wolfgang von Goethe war vom Erkenntnisgewinn getrieben, als er Italien erkundete - aber nur die Seele nach Griechenland ließ, weil er fürchtete, das Ideal-Griechenland seiner Vorstellungswelt könnte am Real-Griechenland einer potenziellen Reise dorthin Schaden nehmen.

Die Reise zum Vergnügen entwickelt sich dann im 19. Jahrhundert, natürlich in Kreisen, die es sich leisten können. Aber von Lust auf Reisen angesteckt sind alle. Und wer sagenhafte Länder und Kontinente wie Afrika, Amerika, Indien, Russland und China aus Geldgründen nicht in natura erleben kann, erliest sie in den Romanen eines Jules Verne und eines Karl May.

Nun gut, Karl May war ein Reiseschwindler. Aber auch Jules Verne, der selbst viel gereist war (wenngleich weder 20.000 Meilen unter dem Meer noch zum Mond), flunkerte manches zusammen.

Die Hetze zum Ziel

Und so kommen wir wieder zu Mr. Phileas Fogg, der um die Welt reiste.

Reiste er?

Oder muss man nicht besser sagen: der um die Welt hetzte?

Womit Jules Verne eine ganz heutige Einstellung zur Reise vorwegnimmt: Möglichst schnell ans Ziel kommen, damit man möglichst lange den Strand auf den Seychellen genießen kann.

Was aber hat der Strand der Seychellen dem Strand am Neusiedlersee voraus? - Nichts, im Prinzip, außer der Entfernung.

Was aber ist eine zurückgelegte Strecke wert, deren Länge man weder mit zeitlichem Aufwand noch im Reichtum menschlicher Begegnungen erfährt?

Das eben ist das große Phileas- Fogg-Problem. Man braucht es ja nicht gleich so radikal zu lösen wie der US-Amerikaner Andrew Siess, der die Welt zu Fuß umrundet hat. Drei Jahre benötigte er für die 24 Länder, die auf der Strecke von 38.000 Kilometern lagen. Man könnte ja auch ganz einfach mit dem Ballon gondeln.

Apropos: Phileas Fogg ist nicht luftkrank geworden, denn er hat keinen Ballon benützt. Der Ballon ist eine Zutat der Verfilmungen. In diesem Sinn: Gute Reise, Mr. Fogg! Und allen, die mit der Seele oder ganz real auf Reise gehen.