Es gibt so Bücher, die passen einfach perfekt in die Zeit, in der sie erscheinen. Der Band "Dummheit", eigentlich ein etwas längerer Essay, geschrieben von der österreichischen Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner, ist so ein Volltreffer geworden. Denn angesichts des seltsamen Benehmens nicht gerade weniger Zeitgenossen im Corona-Alltag stellt sich die Frage, warum da draußen eigentlich so viele Deppen herumlaufen, erkennbar etwa daran, dass sie in öffentlichen Verkehrsmitteln die Maske als eine Art Halskrause tragen, und was es mit dieser Dummheit eigentlich auf sich hat; wie man sie vermisst, was ihre Ursachen sind und welche Folgen sie hat.

Die Autorin, und das macht die Lektüre ihres Buches einigermaßen vergnüglich, neigt zu einem milde zynischen Humor, etwa wenn sie in einem Interview zum Thema ihres Buches mit ernster Miene erklärt: "Es gibt Hinweise darauf, dass viele Menschen ungern denken." Wer wird ihr da wiedersprechen wollen.

Beschaffung von Fakten

- © Kremayr & Scheriau Verlag
© Kremayr & Scheriau Verlag

Kastners Definition von Dummheit: "Es ist die Tendenz, Fakten zu ignorieren. Und im Sinne des kurzfristigen, unmittelbaren und scheinbaren Vorteils langfristige negative Folgen für sich und andere zu ignorieren. Dumme Menschen verstehen sich nicht als Teil eines Gefüges, für sie kommen immer nur die eigenen Belange an erster Stelle."

Dummheit, erläutert sie, steht auf einigen "unerschütterlich und äußerst stabilen Säulen". Dazu zählt sie etwa "den Unwillen, aus Erfahrungen zu lernen", oder "die Faulheit, wenn es darum geht, die eigene Entscheidungsgrundlage über die Beschaffung von Fakten zu erweitern". Was in Zeiten des Internets besonders paradox sei, wie sie anmerkt: Es ist "nachgerade erstaunlich, dass sich das weltweite Netz eher zu einem weltweiten Problem entwickelt hat als zu einer Lösungsmaschine für Fehlentscheidungen durch Unwissen, Bildungsdefizite und medial vorselektierte Meinungen".

Die fatale Folge: Menschen suchen im Netz, das solcherart zum Booster der Verblödung wird, nicht nach Fakten, sondern nach quasireligiösen Überzeugungen, nicht nur, aber gerade auch Corona betreffend.

"Die Bereitschaft zur kritiklosen Übernahme vorgegebener Positionen erwächst hierzulande aus kulturtraditionell gut aufbereitetem Boden", diagnostiziert sie. "Über ein Jahrtausend lang wurde der einzig zulässige Blick auf gesellschaftliche und weltanschauliche Fragen und Themen von Kirche und Staat vorgegeben und es war mit einem hohen Risiko für die eigene soziale Stellung oder gar das Leben verbunden, diese Vorgaben laut zu hinterfragen oder sich explizit dagegen zu positionieren."

"Emotionale Denkhemmung"

Andere stabile Säulen, auf denen die Dummheit ruht, sind "innere emotionale Denkhemmungen", wenn Menschen "etwas nicht verstehen wollen, weil das Verstehen Angst- oder Schuldgefühle auslösen könnte". Was dazu führen kann, so die erfahrene Gutachterin, "dass Menschen sozusagen unter der Hand, ad hoc, verblöden".

Und da gibt es noch die gerade in diesen Tagen häufig zu beobachtenden "Faktenverweigerer". Entgegen dem in der Politik beliebten Narrativ von der Notwendigkeit, auf diese Menschen zuzugehen, ist Kastner da eher skeptisch. "Dialogbereitschaft ist zwar prinzipiell zu befürworten, aber nur, wenn sie auf beiden Seiten vorhanden ist. Alles andere benennt man besser als das, was es ist, nämlich eine zweckbefreite Kombination zweier Monologe, und spart sich Mühe, Ärger und Zeit mit Menschen, die das Recht auf eigene Meinung mit dem Recht auf eigene Fakten verwechseln."

Es dürfte nicht nur, aber auch der spürbare Ärger über die Unvernunft mancher Zeitgenossen in der Causa Corona gewesen sein, der Kastner dazu getrieben haben dürfte, sich Ihren Ärger von der Seele zu schreiben. Man kann das gut verstehen.