Franz Kafka war der erste Beatle. Denn wie von den Fab Four gibt es auch von dem tragikomischen österreichisch-tschechischen, vor allem wohl jüdischen Autor kaum noch ein Fitzelchen, das er zeit seines Lebens irgendwo produziert hat, das nicht im Nachhinein veröffentlicht worden ist. Und das, obwohl Kafka selbst seinen Freund, Mentor und Nachlassverwalter Max Brod gebeten hatte, alles von ihm erhaltene Unveröffentlichte eben nicht zu veröffentlichen, sondern zu vernichten.

Mit "Die Zeichnungen" ist bei C.H. Beck ein echter Prachtband erschienen, eine zweite Auflage ist für den kommenden März angekündigt. Die Editionsgeschichte dieses schweren Coffee-Table-Buchs liest sich so spannend wie ein Justizroman: Erbstreitigkeiten mussten schließlich vom höchsten israelischen Gericht geklärt werden, nur dank dessen Urteils ist dieses Buch überhaupt möglich geworden.

Es versammelt die Zeichnungen des großen Autors. Auf den ersten Blick kennt man die wichtigsten: nämlich jene, die die Taschenbuchausgaben aus dem Fischer Verlag zierten. Sie gehören zum Eindruck des Oeuvres, sie bilden Kafka auch graphisch ab.

- © C.H. Beck
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Die Zeichnungen, die hier darüber hinaus erstmals gänzlich versammelt sind, machen zunächst den Eindruck von Gekritzel, vielleicht noch von kleinen Studien. Erst auf den zweiten und dritten Blick zeigen sich auch hier Kafkas Abstraktionskunst, sein Humor, sein Sinn fürs Absurde und Verdrehte. Eine Frau sieht wie ein Pfefferstreuer aus; pfeilgerade Bewegungen (Speerwerfer, Reiter) interessierten Kafka besonders. Und hier und da sieht es ein wenig aus, als ob er Penisse gezeichnet hätte.

Toll ist in dem Zusammenhang der Essay des Herausgebers Andreas Kilcher. Hier kommt Kafka-Forschung at its best zum Tragen: Kafkas schon frühes Interesse für Kunst ist keineswegs posthum behauptet, vielmehr hingen Brod und er in zahlreichen kunstinteressierten Studentenkreisen ab, standen im Kontakt mit zu der Zeit namhaften Künstlern wie Alfred Kubin - und schließlich betrieben sie gerne etwas Kunsttourismus, zum Beispiel im Louvre zu Paris.

Judith Butler versucht sich im Anschluss an einer Exegese des Körperlichen bei Kafka, sowohl bei seinen Texten wie seinen Zeichnungen. Auch das ist höchst interessant. Aber auch so verspürt man die Lust, einmal wieder Kafka zu lesen. Ja, zu lesen, denn die Zeichnungen reichen bei allem Respekt doch nicht im Entferntesten an die Wirkmacht heran, die Kafkas Texte hatten - und immer noch haben.

Franz Kafka hat gezeichnet, und das gar nicht einmal schlecht. Und wer gerne hochformatige Bücher sein oder ihr Eigen nennt, die man schwerlich in die Bahn mitnehmen wird können - der wird an dieser Ausgabe eine helle Freude haben. Für alle anderen empfiehlt sich: Man nehme ein Fischer-Taschenbuch, sagen wir "Der Prozess". Oder auch ein anderes. Das ist bei Kafka nämlich fast egal; überirdisch schöne Kunst ist seine Literatur immer.