"Es war nur so, dachte sie, dass Principaux’ Schmerz eine ungewöhnliche Gestalt annahm", findet Maître (Me) Susane, als sie über den schrecklichen Fall nachdenkt, dessen Verteidigung ihr, der weder besonders bekannten noch besonders erfolgreichen Anwältin, angetragen worden ist.

Seit Gilles Principaux in ihrer erst kurz zuvor eröffneten Kanzlei aufgetaucht ist, damit sie seine Frau Marlyne verteidige, die ihre drei gemeinsamen Kinder getötet hat, kann Me Susanne an gar nichts anderes mehr denken. Wer ist dieser Principaux überhaupt, den sie seltsamerweise zu kennen meint aus einem der freundlichsten und inspirierendsten Momente ihrer Kindheit? Und warum wirkt er so gefasst, so gar nicht "von dem Grauen durchdrungen", das ihn doch unmittelbar getroffen hat?

"Hatte nicht auch ihr eigener Schmerz rätselhafte Formen angenommen ...?", fragt sich die kinderlose, unverheiratete Anwältin, die ihrerseits vor allem durchdrungen ist vom Gebot der Liebe zu den eigenen alten Eltern. "Ja, sie liebte sie so sehr, dass sie manchmal nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollte, mit ihren lieben, ermüdenden, so wenig hellsichtigen Eltern" - diesen Eltern, die "Stopp!" riefen, wenn ihr einziges Kind von Fällen erzählte, die sie zu beunruhigend fanden, um mehr erfahren zu wollen.

Innerlich gespalten

Gefühle, dieser endlose Strom, der durch Menschen geht und sie antreibt, Dinge zu tun oder zu lassen, sind in ihrer ganzen alarmierenden Widersprüchlichkeit auch der Stoff, aus dem Marie NDiayes Roman gewebt ist. Maître Susane, die Anwältin Anfang vierzig, kennt sie gut, die Spaltung in innerlich empfundene und nach außen hin gezeigte Gefühlswahrheit - denn wie hätte sie sonst in jüngeren Jahren ihrem Kollegen und damaligen Freund Rudy offen zeigen können, dass seine Trennungsabsicht sie keineswegs betrübte? "Sie hatte mit ihm geweint, trockene, falsche Schluchzer, um ihm zu helfen, da er ja gehen wollte ... Sie hatte ein bisschen geweint, während ihr wahres Herz vor Freude kräftig schlug."

Und doch machen diese Spaltungen nun etwas mit ihr; Spaltungen, mit denen Me Susane leben gelernt hat, die sich aber plötzlich, seit sie in die Fänge des zutiefst verstörenden Falles Principaux geraten ist, in etwas anderes, Bedrohliches und Übermächtiges zu verwandeln scheinen. Denn was ist mit Sharon, ihrer jungen Haushaltshilfe, die Me Susane nur beschäftigt, um ihr das Überleben zu sichern - warum empfindet sie die ihr eigentlich ergebene Sharon nun plötzlich als schroff, ja herablassend, fast so, als behaupte die Mauritierin ohne Aufenthaltsgenehmigung ihr, der gestandenen Anwältin, gegenüber eine kühle Überlegenheit? Sieht sie Gespenster?

- © Suhrkamp
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Alles, was sich Me Susane innerlich zurechtlegt, der wilde innere Kosmos des nie Ausgesprochenen, scheint über ihr zusammenzubrechen. Im Hin und Her zwischen Gefängnis und Kanzlei, ausgesetzt sowohl dem Redestrom von Marlyne, der Mörderin, als auch jenem von ihrem Mann Gilles, der sich als Opfer sieht, wird es zerrieben zwischen deren beiden Stimmen.

"Monsieur Principaux? Aber ich bin mir sicher, dass die Kinder ihm nicht fehlen (...) Aber warum schrie er nur so? Lasst mich in Frieden? Aber ich hatte immer Angst. Aber davor, dass es Lärm gab, aber Unordnung, aber Ärger. Aber ob die Kinder mir fehlen. Aber das weiß ich nicht. Aber darüber möchte ich lieber nicht sprechen. Aber das wäre nicht recht. Aber ich habe meine Tat verrichtet, meine Tat verrichtet. Aber es wäre ungehörig, von meinen Gefühlen zu reden."

Auf ganz andere Art ist der Mann dem Geschehen entfremdet. "Wir durchleben gerade schlechte Zeiten", sagt er Me Susane ins Gesicht, die sich in die Kanzlei geschleppt hat, nachdem sie auf dem vereisten Gehweg gestürzt war und nun verletzt ist, was er nicht einmal bemerkt. "Ich liebe sie, ich werde sie nicht verlassen, ich liebe sie vielleicht mehr und besser als vorher (...) Jetzt sind wir auf tragische Weise verbunden." Seine Frau sei nun zu einer "düsteren Heldin" geworden, monologisiert er vor einer immer verzweifelteren Anwältin.

Destruktive Enge

Es ist der Bereich innerhalb der Kluft zwischen der Tat und der Fähigkeit beider Eltern, diese Tat zu verkennen, an ihr vorbeizuschauen, in der das wahre Grauen entsteht. Dass Me Susane wiederum sich aus ganz anderen, eigenen Motiven vor dieser Kluft nicht zu retten vermag, setzt die große Verstörung, von der Marie NDiaye meisterhaft erzählt - und die Claudia Kalscheuer ebenso meisterhaft übersetzt -, auf noch weiteren Ebenen fort.

"Die Rache ist mein" ist ein beklemmender, großartiger Roman, der nicht zuletzt auf etwas verweist, das uns Leserinnen und Lesern viel näher liegt als ein derart monströses Verbrechen: das Gewalttätige der Konvention, ja, der Funke Gewalt, der auch in dem liegt, was die Konvention als "Liebe" definiert, wenn sie keine Widersprüchlichkeit, keine Bandbreite zulässt - Liebe zwischen Eltern und Kindern, Liebe zwischen Eheleuten. Während sie die Gesetze dieser Liebe vollkommen verinnerlicht haben, haben weder die Anwältin Maître Susane noch die Täterin Marlyne Principaux eine Vorstellung davon, wie man jener inneren, höchst realen Gefühlswelt, die nicht in diese Konventionen passt, einen Raum schaffen soll.