Er galt als der "Vater der Wimmelbücher": Am Abend des 10. Jänner 2022 ist Ali Mitgutsch, der laut Ravensburger Verlag "nie ohne Stift und Papier aus dem Haus ging", im Alter von 86 Jahren in München gestorben. Das teilten seine Literaturagenten Ingmar Gregorzewski und Oliver Brauer mit. Clemens Maier, Vorstandsvorsitzender der Ravensburger AG, dazu: "Ali Mitgutschs Werk hat in all den Jahrzehnten, die er uns im Verlag begleitete, nichts an seiner Strahlkraft und Faszination verloren. Als Sohn des damaligen Verlegers bin ich mit seinen Büchern aufgewachsen, wie auch jetzt meine Kinder. Wir sind traurig, aber dankbar, dass wir ihn so lange begleiten durften."

Mitgutsch war laut Ravensburger Verlag Schwabinger durch und durch, schaute neugierig und mit einem scharfen Auge für Details und Kuriositäten auf die Welt um ihn herum. Der humorvolle und oft entlarvende Blick auf Missgeschicke, Absurditäten und das Komische in Alltag und Beziehungen floss in seine "sich selbst erzählenden Geschichtenbücher" ein, wie er seine Wimmelwelten bezeichnete.

Das Komische in Alltag und Beziehungen floss in seine "sich selbst erzählenden Geschichtenbücher" ein, wie Ali Mitgutsch seine Wimmelwelten bezeichnete. 
- © anja koehler | andereart.de

Das Komische in Alltag und Beziehungen floss in seine "sich selbst erzählenden Geschichtenbücher" ein, wie Ali Mitgutsch seine Wimmelwelten bezeichnete.

- © anja koehler | andereart.de

Wie der Spitzname Ali entstand

Mitgutsch wurde am 21. August 1935 in München geboren. Doch das Leben war hart: Der Zweite Weltkrieg, Heimatlosigkeit, Hunger und bittere Not prägten seine Kindheit. Sein großer Bruder fiel in Russland an der Front. Als München in den letzten Kriegsjahren bombardiert wurde, floh die Familie aufs Land. Dort waren sie ungeliebte, arme Flüchtlinge. Der schüchterne Bub, der eigentlich Alfons hieß, litt unter den Demütigungen anderer Kinder.

Nach dem Krieg besserte sich die Lage der Bäckerfamilie mit zwei Töchtern und einem Sohn kaum. Hungrig, aber mutig eroberten sich die Kinder die Stadt zurück: Sie spielten zwischen Trümmern und in ausgebombten Kellern, suchten nach Altmetall und lieferten sich Bandenkämpfe. Sogar den Keller der zerstörten Gestapo-Zentrale in München erforschten sie, vorbei an kaputten Aktenschränken und leeren Gefängnis-Zellen. Ihre Beute: eine Kiste voller Nazi-Mutterkreuzen, die sie für Kaugummi und Schokolade an US-amerikanische Soldaten verscherbelten. Von solchen Streifzügen kehrte Alfons oft völlig verdreckt zurück - wie "Ali Baba und die 40 Räuber", erklärte er mal seinen Spitznamen Ali.

Was ihn in dieser schweren Zeit besonders faszinierte, waren die Geschichten seiner Mutter. Sie konnte ihren Kindern zwar kein wohlhabendes Elternhaus bieten, dafür aber ihre reiche Fantasie. "Sie hüllte uns regelrecht ein mit ihren Worten, und wir gaben uns ihnen ganz und gar hin und fühlten uns darin geborgen", schrieb Mitgutsch in den Kindheitserinnerungen "Herzanzünder". "Egal wie steil der Weg war, ob große Hitze oder bittere Kälte herrschte oder von welcher Not unsere kleine Familie gerade heimgesucht wurde - Mutter behütete uns auf ihre ganz eigene Art mit ihren Geschichten und lockte uns mit ihnen in eine andere, wundersame Welt."

Ein prägendes Erlebnis: die Fahrt mit dem Riesenrad auf dem Münchner Jahrmarkt Auer Dult, eine seltene Freude für Ali und seine Schwester. Was der Bub aus der Gondel sah, faszinierte ihn. "Es waren Bilder mit vielen Details, es passierte so viel gleichzeitig, die Geschichten gingen nicht aus: Menschen liefen über den Platz, kamen zu Gruppen zusammen, lösten sich wieder auf, Kinder jagten hintereinander her, Karren wurden gezogen, eine Frau sammelte ihren Einkauf vom Pflaster und ein Junge kletterte einen Laternenpfahl hinauf", erinnerte sich der spätere Student der Graphischen Akademie.

Deutscher Jugendbuchpreis

Das Riesenrad findet sich im ersten Wimmelbuch "Rundherum in meiner Stadt" von 1968, das im Ravensburger Verlag erschien. Seine Karriere begann Mitgutsch als Grafiker. Als er ein paar Ideen und Skizzen für Kinderbücher nach Ravensburg schickte, erkannte eine junge Redakteurin namens Dorothee Hess-Maier das Potenzial des neuartigen Illustrationsstils, den besonderen Witz der Darstellung und den Ideenreichtum. Was klein anfing, wurde für ihn zum Lebensthema. Das Innovative des ersten Buches "Rundherum in meiner Stadt" fiel auch der Fachwelt auf: 1969 erhielt Mitgutsch für das Buch den Deutschen Jugendbuchpreis. Seitdem war sein Illustrationsstil unverkennbar. Mehr als 70 Bücher, Poster und Puzzles erschienen mit seinen Figuren und Zeichnungen. Mit den Wimmelbüchern hat er ein neues Genre geschaffen.

In Interviews zu seinem 80. Geburtstag sagte Ali Mitgutsch: "Jedes einzelne Wimmelbild ist ein Teil von mir. Meine Wimmelbücher sind gemacht, um die Kinder in die Gärten der Fantasie zu führen, dass sie selbst weitermachen."

Ab 2007 konzentrierte er sich auf das Schaffen seiner "Traumkästen", kleine gerahmte Bühnen. Seit 2017 war er im Ruhestand und hatte sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Anfragen für neue Illustrationen erhielt er noch mit 85. Mit dem Alter nahmen seine Kräfte ab, den Humor verlor er jedoch nie, so der Ravensburger Verlag. "Das Zeichnen war für mich eine unendlich lange, oft auch beschwerliche, aber stets glückliche Lebensreise, auf die mir nur noch die Rückschau bleibt." (temp, apa)