"Das Nichts ist ungewohnt nah", heißt es zu Beginn von Michel Houellebecqs achtem Roman, "Vernichten" (frz. "anéantir"). Welchen Sprengstoff würde der sogenannte Skandalautor diesmal zünden? Der Verlag hielt den Inhalt geheim, lenkte alle Aufmerksamkeit auf die von der landesüblichen Broschur abweichende Gestaltung der Erstausgabe. Houellebecq hatte sich eine zeitbeständige Edition gewünscht, nahm Maß am deutschen Festeinband und für das Cover am weißen Album der Beatles. Noch im November wurden seine ersten drei Romane ("Ausweitung der Kampfzone", "Elementarteilchen" und "Plattform") als Hardcover neu aufgelegt. Die französische Tageszeitung "Libération" meinte süffisant, der Autor habe sich damit seine "eigene Pléiade" geschaffen.

Ob die vor Ablauf der Sperrfrist im Web aufgetauchte Raubkopie auch Teil der Marketingstrategie war, sei dahingestellt; Ähnliches passierte jedenfalls schon beim Roman "Unterwerfung".

Konventionell & perfekt

Nun ist die Katze also aus dem Sack - und das Echo weniger gespalten als bei diesem Autor üblich. Denn Houellebecq wird seinem Ruf als Meisterprovokateur diesmal nicht gerecht, ganz im Gegenteil. Er verstört, gerade weil er nicht schockiert. Wohl liefert er ein kritisches Tableau der heutigen Gesellschaft, doch nicht bar aller Hoffnung. Er erzählt auktorial, in sehr konventionellem Stil und handwerklich perfekt. Das Vorbild Balzac geistert durch die Seiten. Auch die Verortung der Handlung zwischen Paris und der Provinz erinnert an den französischen Roman des 19. Jahrhunderts: das absolute Zentrum und die France profonde, zwei gegensätzliche Kraftquellen, an denen gallische Romanhelden wachsen oder zerbrechen. Der lineare Plot ist kunstfertig aufgelockert: durch literarische Verweise wie durch Abschweifungen in Träume, metaphysische Anwandlungen und philosophische Betrachtungen.

Die französische Ausgabe von "anéantir". 
- © afp / Thomas Coex

Die französische Ausgabe von "anéantir".

- © afp / Thomas Coex

"Vernichten" ist ein politischer Roman und ein Familienroman. Beide Stränge laufen in die gleiche Richtung: hin zum Untergang, zum Tod. Doch da und dort flackert ein Licht der Gnade: der Glaube, die Liebe. Houellebecq, selbst Vater eines Sohnes und in dritter Ehe verheiratet, macht die Religion immer öfter zum Thema. Das Abendland sei eine metaphysische Brache, in der esoterische Seelenfänger und der Islam an Einfluss gewännen. Aber wie ernst ist es dem "Agnostiker" Houellebecq (O-Ton: "Gott will mich nicht") um die Wiedererstarkung des Christentums? Ist das metaphysische Heimweh des tragischen Helden in "Vernichten" mehr als bloßer Bedarfskatholizismus eines Menschen in großer Not?

Ganz allgemein bleibt der Autor, der 2018 den ersten Oswald Spengler Preis erhielt, seinen Leitthemen treu: Der Westen zerstört sich selbst. Ursachen und Treibstoff dieses Prozesses sind der Neoliberalismus, der Finanzkapitalismus, die Spitzentechnologie, die Fortpflanzungsindustrie, die Macht der Medien, die Migration; desgleichen der Materialismus und Egozentrismus, die Auflösung von Ehe und Familie, das Elend des Menschen ohne Gott (und ohne Sex) und, ja, auch der "Mistkerl" Rousseau. Houellebecqs Bestandsaufnahme der realen Schieflagen des Abendlands lässt mitunter beinahe die Fiktionalität seiner Romanwelt vergessen, eines Universums, in dem übrigens die Geißel Covid völlig ausgeblendet bleibt.

Zeitlich ist die Geschichte in naher Zukunft angesiedelt, nämlich rund um die Präsidentschaftswahlen des Jahres 2027. Hatte der Autor in "Unterwerfung" für die Amtszeit ab 2022 einen islamischen Präsidenten imaginiert, so regiert in seinem neuen Roman zu dieser Ära ein namentlich nie genanntes, aber an Emmanuel Macron erinnerndes Staatsoberhaupt.

Rätselhafte Botschaften

"Vernichten" beginnt als Politthriller. Mysteriöse Botschaften kursieren im Internet und ziehen das Interesse des Inlandsgeheimdienstes auf sich: Die verwendeten Formen und Symbole geben Rätsel auf, die Urheber nicht minder. Für Alarmstimmung sorgen die technisch perfekten Videos, die im Zugriff auf diese Zeichen viral gehen und sich nicht löschen lassen. Eines zeigt die fiktive Guillotinierung des französischen Wirtschafts- und Finanzministers Bruno Juge (dt. Richter).

- © DuMont
© DuMont

Bruno erinnert nicht nur mit seinem Vornamen an den realen Amtsinhaber, Bruno Le Maire (der im Übrigen mit dem Autor befreundet ist). Weitere Anschläge, das Abfackeln einer dänischen Samenbank und die Sprengung eines Containerschiffs vor La Coruña, ereignen sich nicht mehr nur virtuell; desgleichen die Torpedierung eines Flüchtlingsschiffs im Mittelmeer mit hunderten Toten. Hatte man es mit Weltverschwörern aller Couleur oder mit einer teuflischen Allianz von technisch hochversierten Chaosstiftern und eiskalten Spekulanten zu tun?

Da kommt die Hauptfigur des Romans, zugleich Sprachrohr des Autors, ins Spiel: der Spitzenfunktionär Paul Raison (dt. Vernunft), Vertrauter und Freund des Wirtschaftsministers. Er ist für den Staatshaushalt verantwortlich; als ehemaliger Beamter des Innenministeriums stellt er auch die Verbindung zwischen Bruno Juge und dem Geheimdienst sicher. Bruno Juge wiederum war der rechte Mann, um die Träume des Präsidenten zu verwirklichen, welcher Frankreich einst die nächsten "Trente Glorieuses" verhieß, eine Anspielung auf die dreißigjährige Prosperität des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg. Tatsächlich hat Juge, ein Technokrat der Elitehochschule für Ingenieurswesen, ganze Arbeit geleistet. Frankreich ist wieder fünfstärkste globale Wirtschaftskraft, direkt hinter dem rangvierten, großen Rivalen Deutschland. Das Staatsdefizit beträgt nun weniger als ein Prozent des BIP, die Schulden wurden konsequent abgebaut; "das alles ohne Proteste, ohne Streiks, in einem Klima erstaunlichen Einverständnisses (...)."

Bruno Juge gilt als potentieller Präsidentschaftskandidat. Der amtierende Staatschef beendet soeben sein zweites Mandat in Folge, er darf erst wieder zur übernächsten Wahl antreten. Doch er nominiert nicht Juge, sondern einen politisch bestens vernetzten, als niveaulos geltenden TV-Moderator. Der soll nicht mehr als sein Platzhalter sein - ein möglicherweise "faustischer Pakt" mit ungewissem Ausgang. Detailreich und mit einem Hang zur Groteske malt Houellebecq die unerbittlichen Strategien moderner Wahlkampagnen aus.

Öko-Mystizismus

Parallel zum Wahlkampf und der Serie von Terroranschlägen entwickelt Houellebecq den zweiten Handlungsstrang, der die Politik sukzessive in den Hintergrund drängt. In den Fokus rückt Pauls Privatleben - und allmählich dessen ganze Familie. Paul ist mit der Realverfassung des Landes nicht einverstanden, trägt als loyaler Teil des Staatsapparates aber eine gewisse Mitverantwortung. Seine Frau Prudence ist Finanzinspektorin und sucht ihr Heil bei der Wiccaner-Sekte, deren heidnischer Öko-Mystizismus auf den Amerikaner Scott Cunningham zurückgeht.

Ein Kontext, den Paul - gedanklich - mit beißendem Spott quittiert: Obwohl die Amerikaner "das unklugerweise begonnene Spiel gegen die Chinesen verloren hatten", hatten sie uns "vielleicht doch noch irgendetwas zu sagen, schließlich hatten sie das Weltgeschehen fast ein Jahrhundert lang beherrscht, daraus mussten sie doch eine gewisse Weisheit gezogen haben, sonst wäre es doch zum Verzweifeln". Paul und Prudence haben keine Kinder, unterschiedliche Weltbilder, getrennte Fächer im Kühlschrank und getrennte Betten. Sie "hatten eine Art vereinheitlichte Hoffnungslosigkeit erreicht". Zumindest in Fragen der Kapitalbesteuerung sind sich die beiden ENA-Absolventen, der Elitehochschule für Spitzenbeamte, einig.

Michel Houellebecq - neben ihm Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein - erhielt im Juli 2019 den Staatspreises für Europäische Literatur in Salzburg. 
- © apa / Neumayr / Leo

Michel Houellebecq - neben ihm Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein - erhielt im Juli 2019 den Staatspreises für Europäische Literatur in Salzburg.

- © apa / Neumayr / Leo

Als Pauls Vater, ein pensionierter Geheimdienstler, nach einem Schlaganfall ins Koma fällt (die Mutter lebt nicht mehr), treten auch Pauls Geschwister auf den Plan. Pauls Schwester Cécile, eine glühende Katholikin und mit einem arbeitslosen Notar verheiratet, lebt im verarmten Norden Frankreichs. Das Paar wählt "Marine", und der Gatte zitiert gern einen Schlachtruf aus "Herr der Ringe": "Haltet stand, Männer des Westens!"

Die französische Provinz ist längst kein Idyll mehr. Cécile weiß, anders als Paul, der Absurdität des Daseins offenbar etwas entgegenzusetzen. Sie hat Kinder bekommen und "ihre Seele in die Hände des Herrn gelegt (...), er musste sich Cécile einfach als glücklich vorstellen." Es wäre freilich nicht Houellebecq, folgte nicht ein Aber: Wie jeder wisse, habe die Beziehung zu den Kindern, diese "Zauberinsel inmitten eines Ozeans von Egoismus", keinen Bestand. Kinder erwiderten die Elternliebe nicht, zerstörten deren Paarbeziehung und warteten nur auf das Erbe.

Familiärer Schicksalsort

Der labile, musische Bruder Aurélien wiederum und dessen skrupellose Frau, eine Journalistin, sind die großen Außenseiter. Sie haben einen späten Auftritt und erschüttern das familiäre Gefüge auf tragische bzw. brutale Weise. Unterdessen erwacht der Vater aus dem Koma, vollständig gelähmt und sprechunfähig. Als seine Pflegeeinrichtung kaputtgespart wird, holt man ihn in einer konzertierten, halblegalen Aktion heim. Sein Haus in einem Dorf des Beaujolais wird zum Zufluchts- und Schicksalsort dieser von Dramen gebeutelten Familie, deren neu gewonnene Nähe ebenso fragil ist wie die zwischen Paul und Prudence wiedererwachte Liebe. Paul hat Mundkrebs: "Was er nicht ertrug, stellte er besorgt fest, war die Vergänglichkeit an sich". Er, der Agnostiker, betritt wieder Kirchen: "...sein Atheismus war prinzipiell brüchig, er beruhte auf keiner konsistenten Ontologie".

Houellebecq erzählt den Todeskampf seines Helden in allen Details, mit viel Empathie, und setzt elegische Landschaftsbilder als schmerzhaften Kontrast zur traurigen Realität. "Vernichten" klingt als großes, beeindruckendes Memento mori aus; mit einem Spaziergang von Paul und Prudence im Wald von Compiègne, einem Erinnerungsort der Weltgeschichte - und Symbolort der Kapitulation. Auf den letzten Satz im "Dank" des Autors würden wir freilich nicht wetten: "Ich bin (...) gerade zu einer positiven Erkenntnis gelangt; für mich ist es Zeit aufzuhören."