Als leuchtender Fixstern steht Molière unverrückbar am Firmament des Welttheaters. Dieses Genie der geistsprühenden Lustspiel-Unterhaltung hat als Schöpfer der neueren Charakterkomödie mit einem runden Dutzend herrlich frecher, pointenreicher Meisterstücke das klassische Dramenrepertoire bereichert. Anreiz und Triebkraft dafür war ihm seine eigene Gesellschaft: die des französischen Hofes wie des aufkommenden Bürgertums in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

Das Lachen war Molières Metier. Mit ihm ging das Theater unter die Leute, sahen die Zuschauer ihre eigenen Schwächen und Dummheiten dem Gelächter preisgegeben. Der König applaudierte. Das gab dem Mimen Sicherheit. Jedes Lachen des Publikums wurde eine Salve seines Erfolgs.

Spiellust und Satire

Molière gab dem Theater, was des Theaters ist: Nährstoffe für brillante Schauspielkunst. Als genuiner Dramenautor, der seine Stücke selber spielte, entwickelte er ein vielfältiges Bühnengeschehen, das von der typisierenden Tradition des römischen Mimus und der späteren Commedia dell’arte ausging und eine neue, tiefschürfende Form der Lustspielkunst begründet hat.

Es gibt eine zentrale Formel, die den überragenden Erfolg dieses Meisters des Bühnenzaubers zusammenfasst: Kritik. Und ein einziges Wort, das seine Neuheit treffsicher beschreibt: Aktualität. Die ganz gegenwartsnahe Bloßstellung von Schamlosigkeiten, Verstellung und Heuchelei seiner Zeitgenossen erhob dieser Komödienschreiber zum Programm.

Seine Bühnenstücke sind wahre Lektionen in lachbereiter Entlarvungskunst. So viel komödiantische Turbulenz, so viel respektlose Lust an der Demaskierung dummdreister Anmaßungen und bösartiger Manifestationen von Selbstsucht, so viel unbeschränktes Vertrauen in die theatralische Spielsucht war vordem nicht auf Bühnenbrettern anzutreffen.

Im Mittelpunkt stehen stets jene vielfältigen menschlichen Laster und Abgefeimtheiten, die einen beträchtlichen Störfaktor für ein erträgliches gesellschaftliches Zusammenleben darstellen. Das vorgeführte Geschehen wird hochgradig komisch, weil der Autor für seine reinigende Verspottung den schärfsten satirischen Stift ansetzt.

Manchem Nachgeborenen erscheint diese Figurenzeichnung zu wenig tiefgründig und gehaltvoll, zu oberflächlich komödiantisch. Aber die gesellschaftlichen Zusammenhänge und psychologischen Konflikte sind in seinen besten Stücken zeitlos kennzeichnend gestaltet und enthüllen ein nur bedingt wohlwollendes, meist abgründiges und illusionsloses Menschenbild. Molière wurde ab seinem 35. Lebensjahr erfolgreich, indem er dem königlichen Zerstreuungsbedürfnis eilfertig nachkam. Für die Menschen unter dem jungen Herrscher Ludwig XIV. war das Theater am Hof wie in der Stadt der maßgebliche Versammlungsort, um Unterhaltung einschließlich der amüsanten Konfrontation mit den Auswüchsen in der eigenen Gesellschaft zu erleben.

Molière auf einem Ölgemälde von Pierre Mignard (1658). - © Public domain / Wikimedia Commons
Molière auf einem Ölgemälde von Pierre Mignard (1658). - © Public domain / Wikimedia Commons

Lange Zeit indes war der Weg zum Erfolg für den am 15. Jänner 1622 in Paris als Sohn eines königlichen Hoftapezierers geborenen Mimen vom Staub der Landstraßen im südlichen und südwestlichen Frankreich umweht. Jean-Baptiste Poquelin, wie er bürgerlich hieß, sollte eigentlich den Beruf seines Vaters ergreifen und hatte mit sechzehn Jahren die erforderliche Tapeziererlehre absolviert. Doch der Jesuitenzögling, der nach einem kurzen Studium in Orléans 1642 bereits als Advokat in Paris zugelassen war, lernte als Zwanzigjähriger die vier Jahre ältere Schauspielerin Madeleine Béjart kennen. Mit der Geliebten und deren Geschwistern gründete er 1643 die Theatergruppe "Illustre Théâtre". Fortan nannte er sich als Schauspieler Molière.

In die Hauptstadt

Nach zwei Jahren war die Unternehmung bankrott und Molière landete im Schuldturm, aus dem er dank eines Darlehens des Vaters freikam. Dreizehn Jahre gastierte er von da an mit einer neuen Wandertruppe, der er bald als Direktor vorstand, in Städten und auf Adelssitzen der Provinz und sammelte jene Schätze an Menschenkenntnis, die seinem szenischen Gedächtnis zugutekamen.

Ab 1658 fasste dann seine Theatertruppe in der Metropole Fuß. Sie hatte im Monsieur genannten Bruder des Königs, dem Herzog von Orléans, einen Fürsprecher gewonnen. Mit seinen Stücken, zunächst Possen, eroberte Molière die Hofgesellschaft ebenso im Sturm wie das Pariser Publikum im vom König für ihn eingerichteten Theatersaal im Palais Royal. Bald schon durfte sich seine Spieltruppe "Troupe du Roy au Palais Royal" nennen.

Die vielfältigen Ballettkomödien, die Molière nun über Auftrag verfasste, stellten seinen Tribut an das Hoftheater dar. Wichtig waren neben der zugkräftigen szenischen Vorlage vor allem die originellen pantomimischen Einlagen, wobei es sich der spielbegeisterte König nicht nehmen ließ, bei Gelegenheit selber als Statist mitzuwirken. Sieur Molière persiflierte zum Vergnügen der Zuschauer die überspitzt-galanten Stücke und die ins Pathetische gesteigerten heroischen Romane, die gerade hoch in Mode waren, und lieferte sie der Lächerlichkeit aus.

Unterhaltung bei Hof

Im "Impromptu de Versailles", einer Stegreif-Farce aus Rache für Kritik an ihm und seinem Ensemble, brachte Molière das Kunststück zuwege, eine Komödie über Komödianten (seine eigenen) voranzutreiben, indem er erstmals "Theater auf dem Theater" zeigte: vorgeblich improvisiert und mit der Ungeduld des Königs jonglierend, der unbedingt ein neues Stück sehen will und nun ein unfertiges serviert bekommt. In diesem brillanten Spiel zwischen Probe und halbfertiger Vorstellung treibt Molière die szenische Verstellkunst mitten hinein in ein Spiegelkabinett voll absurder Vexierreflexionen, aus denen sich für den verwirrten Zuschauer in fliegender Eile ein Bild von der Mühsal der Theaterarbeit zusammensetzt.

Molières Ballettkomödien waren Teil des Repräsentationsprogramms des Sonnenkönigs, das ab 1664 in opulenten, oft tagelangen Festveranstaltungen in Versailles gipfelte. Sämtliche Gattungen der schönen Künste waren aufgefordert, ihren Teil beizutragen. Als Gegenleistung wurde das Füllhorn großzügiger Dotationen und Ehrungen ausgeschüttet. Zugleich hungerten große Teile des Volks. Doch um die soziale Frage kümmerte sich damals niemand, "weil die gesamte Epoche auf diesem Auge blind war", wie der Romanist und Molière-Biograph Johannes Hösle anmerkt.

Mit großer Geschwindigkeit schrieb Molière allein in den 14 Jahren seines Pariser Aufenthalts rund zwei Stücke pro Jahr. 32 Komödien sind von ihm erhalten. Fortwährend stand er unter Zeitdruck. Der königliche Auftrag kam zuweilen so prompt, dass ihm beispielsweise 1665 für die Abfassung und Einstudierung der kleinen dreiaktigen Prosakomödie "L’Amour médecin" (Die Liebe als Arzt) nicht mehr als fünf Tage blieben.

Der "Molière" ist Frankreichs höchste Auszeichnung für die Bühnenkunst: Die goldenen Büsten werden seit 1987 verliehen. 
- © afp / Stephane de Sakutin

Der "Molière" ist Frankreichs höchste Auszeichnung für die Bühnenkunst: Die goldenen Büsten werden seit 1987 verliehen.

- © afp / Stephane de Sakutin

Neben dem laufenden Verfassen neuer Stücke hat Molière als Betreiber seiner eigenen Bühne unentwegt alle Hände voll zu tun. Ein Strudel von Geschäftigkeiten hält den Impresario in Atem. Er muss das Stück adaptieren, berichtigen, durchkämmen, muss auf oft zermürbenden Leseproben bei allen Mitwirkenden diverse Einwände und Zweifel ausräumen. Das ist nicht wenig.

Doch dann heißt es die Inszenierung vorbereiten, die Rollen besetzen, das Bühnenbild bestimmen, die Kostüme auswählen, sich um die Requisiten kümmern, die Maskenbildner unterweisen und schließlich - das Beschwerlichste - den mühsamen Weg der Proben bis zur Premiere beschreiten, mit allen Widerreden, Unwägbarkeiten und nicht vorauszusehenden Zwischenfällen, die solch tolldreiste Unternehmungen stets mit sich bringen.

Und über allem schwebt die Angst vor dem Misserfolg, vor dem Fiasko! An Atempausen ist in diesem aufreibenden und beschwerlichen Alltag, der ständigen Einsatz abverlangt, nicht zu denken.

Energische Frauen

Molière, dieser Erzkomödiant auf der Bühne, war im Leben immer wieder auf der Flucht vor den tragischen Fallgruben seiner Biographie. Wegen Zahlungsunfähigkeit seiner Truppe saß er, wie erwähnt, vorübergehend im Gefängnis und kam nur gegen Kaution wieder frei. Sogar ein Inzestvorwurf im Zusammenhang mit seiner um mehr als zwanzig Jahre jüngeren Ehefrau, der Schauspielerin Armande Béjart, wurde gegen ihn erhoben, der freilich glaubhaft widerlegt werden konnte. Am stärksten jedoch plagte ihn der leichtlebige Umgang seiner Frau mit anderen Männern. Die Qualen des Eifersüchtigen sind in seinem persönlichsten Stück, "Der Menschenfeind", deutlich nachzuspüren.

Es sind die vielschichtigen Männerrollen, die in Molières Dramen durchleuchtet werden. Aber auch die Frauen in seinen Bühnenstücken erhalten Profil. In "Die Schule der Männer" will ein Griesgram sein Mündel zur Ehefrau erziehen, doch sie zieht den einfühlsameren Liebhaber vor. Die Selbständigkeit der Frau, die hier szenisch gestützt erscheint, wird in dem Gegenstück "Die Schule der Frauen" noch vertieft: Die natürliche Vernunft eines liebenden Mädchens siegt über die ihr zugedachte Unfreiheit in einer ungewollten Ehe.

Der neureiche Geschäftsmann Monsieur Jourdain ist der zentrale Charakter in der Ballettkomödie "Der Bürger als Edelmann", der in allem - Sprache, Haltung, Kleidung - den Adel nachzuahmen sucht. Im Zuschauerraum in Versailles saß der versammelte Hochadel und amüsierte sich köstlich über den Möchtegern-Aufsteiger, dessen hochtrabende Ambitionen an den noch strengen Klassengrenzen zerschellen.

Als ein "Plädoyer gegen eine verlogene Gesellschaft" sah der Molière-Forscher Jean Firges vor allem die späten Stücke des Dramatikers. Dem Publikum dieser herausragendsten Werke Molières werden die psychischen Deformationen von Menschentypen vorgeführt, die sich in der Alltags- und Geschäftswelt des frühen Merkantilismus bereits breitgemacht hatten: der von der Allmacht des Geldes überzeugte Geizhals etwa, der bedenkenlos nach Einfluss strebende wie scheinheilige Karrierist ("Tartuffe"), der abgründig verdorbene Frauenverführer ("Don Juan"), aber auch die Leidtragenden dieser gesellschaftlichen Entwicklung ("Der Misanthrop", "Der Hypochonder"). Zugleich zeigt Molière in seinen reifsten Stücken die Brüchigkeit der Charaktere, den zugrundeliegenden seelischen Zwiespalt. Das sind die Sternstunden des tiefgründigen Humors im Welttheater.

Louis de Funès als Harpagon in der "Der Geizige", filmisch interpretiert von Jean Girault (1980). - © afp
Louis de Funès als Harpagon in der "Der Geizige", filmisch interpretiert von Jean Girault (1980). - © afp

Vorerst aber legte er sich bewusst mit den mächtigen kirchlichen Autoritäten seiner Zeit an. Im "Tartuffe", seinem brisantesten Stück, stellte er die Kritik auf messerscharf. Die Entlarvung von religiösem Eifer und inquisitorischer Intoleranz in Gestalt eines parasitären Heuchlers und Hochstaplers zielte auf die Bigotterie der klerikal beherrschten Gesellschaft. Nachdem das Werk 1664 - noch unter dem ersten Titel "Der Heuchler" - verboten wird, hofft Molière auf die Hilfe des Königs, der sich köstlich dabei amüsiert hat. Als die Freigabe ausbleibt, legt er in einer Bittschrift Seiner Majestät die Absicht seiner Autorschaft offen:

"Sire! Die Pflicht der Komödie ist, die Menschen zu bessern, indem man sie amüsiert. Ich habe in der Stellung, in der ich mich befinde, geglaubt, nichts Besseres tun zu können, als die Laster meines Jahrhunderts in zum Lachen reizenden Bildern darzustellen. Ohne Zweifel ist die Heuchelei eines der verbreitetsten, gefährlichsten und übelsten. Ich wähnte also, den ehrlichen Leuten Ihres Königreichs keinen kleinen Dienst zu erweisen, wenn ich eine Komödie verfasste, um die Heuchler zu entlarven."

Charakterstücke

Doch auch für den König ist der Konflikt mit der Kurie vorerst zu heikel. Molière musste die Exkommunikation durch die Kirche erdulden. Sogar mit dem Scheiterhaufen wurde er von den eifernden "Devoten" bedroht. Fünf Jahre blieb das Aufführungsverbot aufrecht, ehe Ludwig XIV. gegen den Willen des Pariser Erzbischofs das Stück doch freigab.

Molière freilich gab nicht klein bei. Noch während des "Tartuffe"-Verbots schob er bereits den "Don Juan" nach, seine Version des gewissenlosen Verführers, der bei ihm nicht nur die dämonischen Züge eines machtbesessenen Triebtäters annimmt, sondern als atheistischer Freigeist auch allen irdischen und göttlichen Regeln spottet.

In "Der Geizige", einer glänzenden Adaption des "Goldtopfs" von Plautus, geißelt Molière in der Figur des Harpagon früh die Haltung eines mit Leib und Leben an der Vermehrung seines Vermögens hängenden Geldhamsterers, der eine Standarderscheinung der Moderne geworden ist.

Sincérité (Aufrichtigkeit) ist wiederum das Schlüsselwort für das Verhalten von Alceste in "Der Menschenfeind". Dieser Fanatiker des unverblümten Wahrheitsbekenntnisses brüskiert seine Umwelt, indem er in einer von ihm verachteten Welt der Anpassung und Schmeichelei jedem unverhohlen seine Meinung sagt. Doch auch die von ihm begehrte Célimène weiß sich ungeniert der Lügen und Verstellung zu bedienen. Alceste kommt dennoch nicht von ihr los. In diesem in die Tragikomik kippenden Lustspiel findet der Dichter in der Gestaltung der Titelfigur, wohl auch durch eine äußerst kritische Selbstschau, den überzeugendsten Ausdruck für die Fragilität der menschlichen Entscheidungen.

Molière hatte in seinen kurzen juristischen Studienzeiten das antike Lehrgedicht "Über die Natur der Dinge" des Lukrez übertragen, und dessen Erkenntnisse prägten seine Auffassung von natürlichem, angemessenem Verhalten maßgeblich. Sein stets sichtbarer Leitstern blieb die praktische Vernunft. Im "Eingebildeten Kranken" lässt er die Dienerin Toinette zu ihrem Herrn sagen: "Wenn der Herr und Meister nicht weiß, was er tut, darf die Magd, die nicht auf den Kopf gefallen ist, ihm Vernunft beibringen."

Das "Registre de La Grange", geführt von Molières Kollegen Charles Varlet, genannt "La Grange", verzeichnet u.a. Molières Tod. 
- © afp / Bertrand Guay

Das "Registre de La Grange", geführt von Molières Kollegen Charles Varlet, genannt "La Grange", verzeichnet u.a. Molières Tod.

- © afp / Bertrand Guay

Dieses letzte Stück, eine scharfe Satire auf das damalige Ärztewesen voller Quacksalber und Scharlatane, ist sein Vermächtnis geworden. Als hypochondrischer Argan saß der Autor auf der Bühne im Krankenstuhl und ließ sich von profitgierigen Kurpfuschern traktieren - ganz wie es sein königlicher Mentor Ludwig XIV. erdulden musste, der unter anderem mit Pferdemist "behandelt" wurde. Doch Molière war längst schwer lungenkrank. Am 10. Februar 1673 fand die Uraufführung statt. Am 17. Februar brach er während der vierten Vorstellung auf offener Bühne zusammen und wurde eilends nach Hause gebracht, wo er nach einem Blutsturz, noch im Kostüm des "eingebildeten Kranken", starb.

Zeitlos gegenwärtig

"Letzte Worte" hatte er bereits 1668 am Schluss seiner Komödie "George Dandin oder Der betrogene Ehemann" den Diener Scapin sagen lassen: "Man trage mich an das Ende der Tafel, dort will ich den Tod erwarten!"

Molière ist unsterblich. Auf deutschsprachigen Bühnen ist er nach Shakespeare der meistgespielte klassische Dramatiker. In Frankreich wurde 1680, sieben Jahre nach seinem Tod, mit der Gründung der Comédie-Française durch Ludwig XIV. der Ensemblegedanke von Molières Theatertruppe fortgesetzt. Noch heute trägt das Theater den Namen "La maison du Molière".

Charles-Augustin Sainte-Beuve, Frankreichs Kritikergröße des 19. Jahrhunderts, hielt in seinen "Literarischen Porträts" im Schlusswort fest: "Neue Größen, neue berühmte Geister und Bücher mögen erscheinen, die Kultur der Zukunft ändern und ergänzen: Es bleiben fünf oder sechs unvergängliche Werke, die fest in der Wurzel allen menschlichen Denkens eingegraben sind. Molière gehört zu jener Schar derer, die immer gegenwärtig sein werden."