Ein Buch liegt auf meinem Schreibtisch. Wochen schon. Es ist ein sehr schönes Buch, schwarzer, hochwertiger, plüschig-samtiger Einband, in der Hand nicht zu schwer und nicht zu leicht. Wäre da nicht der Inhalt, der auf jeden Fall jede und jeden verstören muss, dann fiele es mir leichter, dieses Buch zu öffnen und zu lesen. Wie ich es vor vierzig Jahren schon öffnete und las. Ich fand den Inhalt damals widerlich. Er ist es nach wie vor.

Das Buch "Josefine Mutzenbacher. Oder die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt" zählt zu den Klassikern der pornografischen Literatur. Jeder hat schon von dem Werk gehört, wenige nur haben es gelesen. Jene, die es gelesen haben, taten das vor allem in der Zeit der späten 1960er Jahre bis hinein in die Mitte der 1980er Jahre, als die Mutzenbacher kurz und heftig Kultstatus erlangte. Das auch, weil sie so extrem gegen alles Sittliche verstößt.

Das Werk beginnt gleich mit Kinderpornografie und setzt dann mit fast allem Denkbaren fort, das in der Sexualität stattfindet. Das alles in der Sprache der Gosse jener Stadt, die damals Schmelztiegel eines Vielvölkerstaats war, und dreckiger, lasterhafter, bigotter und gesellschaftlich kaputter als Berlin oder Paris, wo sich Sexualität weniger verstecken musste, wo Sexualität nicht nur Trieb war, sondern auch elegantes Spiel sein konnte - gerade auch in der gehobenen Prostitution. All das findet bei der Mutzenbacher nicht statt, die Ausdünstungen, Sperma, Urin, die alten Laken, der Müll auf den Straßen des Proletariats: Das alles kann man förmlich riechen.

Spricht nicht genau das für das Werk? Dass es die Zeit und die Zustände gut vermittelt? Macht die direkte, unverstellte und dauergeile Beobachtung dieses Buch zu jenem Meisterwerk, zu dem es der kürzlich verstorbene Oswald Wiener vor mehr als fünfzig Jahren ausrief und "vom wohl einzigen deutschen pornografischen Roman von Weltrang" schrieb?

Clemens Ruthner sitzt in einem angesagten Lokal am inzwischen gentrifizierten Wiener Vorgartenmarkt. Ruthner, Professor für German & European Studies am Trinity College in Dublin, ist hier in einem der angrenzenden Gemeindebauten aufgewachsen; damals, als die Gegend das Gegenteil von hip und schick war, als sich Gangs die Straßen teilen und die Polizei nicht eingriff, als Luden am Ilgplatz um die Dominanz am Kinderstrich stritten - mit Messer und Pistole. In diesem Teil der Leopoldstadt lebte in Ruthners Kinder- und Jugendtagen viel Proletariat aus alter Zuwanderung (Böhmen, Mähren, Balkan); Menschen, die sich ihr Zusammenleben oft ohne Staat ausmachten, und Menschen auch, die heute selten gewordene Zeitzeugen jenes kaputten Wien sind, das die Bildungs- und Kulturpolitik der Kreiskyjahre mitsamt der Infrastrukturpolitik der Wiener SPÖ hinwegfegte. Heute riecht es am Vorgartenmarkt nach frischen Austern und japanischen Suppenküchen. Der Kohlgeruch der Mundljahre ist Vergangenheit.

Ruthner ist gemeinsam mit Melanie Strasser und Matthias Schmidt Herausgeber einer neuen "Wiener Ausgabe" der Mutzenbacher, die vor wenigen Wochen im Wiener Sonderzahl-Verlag erschienen ist. Es ist ein Werk mit vielen Anmerkungen auf fast jeder Seite, einer editorischen Nachbemerkung, dann auch mit erotischen Karikaturen aus der Ära der Erstauflage und einem Nachwort. Zudem finden sich auch Oswald Wieners "Beiträge zu eine Ädöologie des Wienerischen" im Buch. Dieses Wörterverzeichnis lässt einen die Sprache besser verstehen - auch wenn sie fern und tot ist wie das Wien dieser Tage.

Aus dem Milieu befreit

Warum soll ich die Mutzenbacher, diese Wiener Ausgabe lesen? "Weil wir sie aus dem Milieu komischer deutscher Kleinverlage befreit haben, die das Werk zudem meist nicht im Originalen wiedergegeben haben, weil es durch keine Autorenschaft geschützt ist", sagt Ruthner, der Kritik an Werk und Sprache durchaus versteht. "Als die Mutzenbacher 1969 in der Studentenbewegung als fröhlich-anarchistisches Monument gefeiert wurde", erklärt Herausgeber Ruthner, "da war man in Sachen Kinderpornografie blind. Und es gab auch keine Gender Studies." Klar: Würde die Mutzenbacher heute erscheinen, dann wäre sie nicht nur sofort auf dem Index, sondern auch Gegenstand einer feministischen Kampagne, die die kinderpornografische Basis des Werks festmachen und auch drauf hinweisen würde, dass es sich hier ausschließlich um ein Werk frauen- und kinderverachtender männlicher Sexualvorstellungen handelt - was auf die Mutzenbacher von 1906 auch tatsächlich zutrifft. Schnell landet man auf dem Glatteis, wenn man heute wie vor fünfzig Jahren anführen würde, dass kindliche Sexualität auch freie Sexualität ist und befreit werden muss. Der seltsame Kreis intellektueller Pädophiliebefürworter, nicht wenige jener in Vorfeldorganisationen der deutschen Sozialdemokraten und Grünen tätig, feierte das Mädchen Josefine in Zeiten des sexuellen Everything-Goes als emanzipiertes Kind, das sich seine Lust nicht vorschreiben lässt. Nur selten wurde je ein Buch so falsch verstanden und zugunsten der eigenen Interessen fehlinterpretiert.

Clemens Ruthner und seinen Mitherausgebern ist all das bewusst. Warum dann überhaupt an einem Werk anstreifen, das dieser Tage gleich doppelt aus der Welt gefallen scheint? Ruthner, der die Mutzenbacher wie viele seiner Generation Ende der 1970er-Jahre gelesen hat, wurde an das gedanklich längst im Staub des Vergessens abgestellte Werk erinnert, als er 2016 an einer akademischen Tagung teilnahm. "Da waren", erinnert sich Ruthner, "Sozialhistorikerinnen, Queeraktivistinnen, Feministinnen, Rechtshistorikerinnen und Literaturwissenschaftlerinnen anwesend." Nachsatz: "Männer sind mitgemeint." Ruthner erzählt, dass diese wissenschaftlichen Verhandlungen über das Werk sein Interesse weckten, die Mutzenbacher neu und kritisch hinterfragt wieder aufzulegen. Und sicher auch als ein Werk, das mit seinen meist unkommentierten, verfälschten, dümmlich ergänzten oder im vergangenen Zeitgeist festgemachten Vorgängern nichts zu tun haben will.

Funktioniert das? Jedenfalls funktionieren die zahlreichen Vermerke auf den jeweiligen Seiten. Sie bremsen zwar den Lesefluss, sorgen aber im Augenblick für eine die Distanz aufrufende Reflexion. Man sieht sich an der Seite jener, die hier das erste Mal in der Geschichte dieses Romans Hintergründe beleuchten. Und ja: Das macht das Lesen auch der manchmal unerträglichen, kinderpornografischen Stellen möglich. Leicht ist es trotzdem nicht, mit manchen Sätzen ein Auskommen zu finden.

Und Felix Salten? War diese unglückliche Person der Wiener Literaturgeschichte nun tatsächlich der Autor der Mutzenbacher? Salten selbst hat das je weder bestätigt noch geleugnet. Ruthner, der die Salten-These für widerlegt hält, wirft eine Überlegung in den Raum. "Was wäre", fragt Ruthner, "wenn der Autor entgegen allen Annahmen eine Autorin war? Oder wenn ein Chronist jener Zeit tatsächlich nur die Gespräche einer Prostituierten aufzeichnete, die ihm über ihre Kindheit und frühe Jugend erzählt hätte - authentisch wirkt das erzählte Umfeld allemal. Und nehmen wir an, sie wäre keine vierzehn, sondern achtzehn Jahre alt. Dann würden wir womöglich von weiblichem Empowerment sprechen. Und Josefine Mutzenbacher nicht nur als Opfer lesen, sondern auch als starke Person, die eine unangenehme, soziale Realität beschreibt."

"Dieses Buch behandelt viele Fragen", finalisiert Ruthner. "Da ist etwa die Schamhaltung der Germanistik, die über die Mutzenbacher schweigt. Und da ist die Sexualität, vor der Kinder heute mehr und besser geschützt werden als je, obwohl auf deren Smartphones heftigste Hardcorefilme laufen." Ist es ein Fehler, die Mutzenbacher nicht als vollwertiges Literaturwerk wahrzunehmen? "Es wäre ein Fehler, diese pornografische Lebensbeichte des frühen 20. Jahrhundert ohne Begleitkommentare zu veröffentlichen, wie das über Jahrzehnte geschehen ist", so Ruthner. "Genauso wäre es ein Fehler, die Mutzenbacher einfach nur in der Schmuddelecke liegen zu lassen."