Wer sagt, es gibt keine Drachen?

Das wäre ja noch schöner! Hunderte Ritter können doch nicht lügen! Georg - ein heiliger Schwindler vor dem Herrn? Dazu die ganzen uralten Berichte von Siegfried, aber auch aus Asien: Das alles soll Erfindung sein? Was gibt als Nächstes nicht? Einhörner? Trolle? Bielefeld?

Gäbe es keine Drachen, wäre es sinnlos, sie diesen Sonntag zu feiern, am "Ehre-den-Drachen-Tag".

- © getty / DoctorEgg
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Aber selbstverständlich gibt es Drachen! Man denke etwa an die nur mühsam und oberflächlich als Spielfilm getarnten Dokumentationen "Dragonheart", "Age oft he Dragons" und "Wyvern". Sogar Lehrfilme über den richtigen Umgang mit Drachen wurden gedreht, etwa "Drachenzähmen leicht gemacht".

Wobei naturgemäß ein Unterschied ist zwischen Drachen und Drachen. Das ist weiter gar nicht verwunderlich, schließlich ist auch nicht jedes Huftier automatisch ein Pferd. Daraus erklären sich mühelos die oft disparaten Darstellungen des Drachen.

Nachrichten über Drachen

Schon die Sumerer kannten den Unterschied zwischen Schlangendrachen und Löwendrachen, also Drachen, die eher Schlangen ähneln, und Drachen, die eher an Löwen erinnern. Der griechische Dichter Hesiod, der nicht nur die "Theogonie" über die Entstehung der Götter schrieb, sondern auch als Bauer und Viehzüchter ein Chronist des Alltaglebens war, berichtet glaubwürdig von einem mehrköpfigen Wasserdrachen, den er "Hydra" nennt. Die Zahl der Köpfe ist ungesichert. Simonides von Keos berichtet von 50, Euripides von 100, wobei abgeschlagene Köpfe doppelt und dreifach nachwachsen. Der griechische Haudrauf Herakles hat die Hydra von Lerna erschlagen, indem er die Wunden der abgehauenen Köpfe ausbrannte. Heute wäre das ein Fall von Drachenquälerei , der zu einer Schulkinderaktion "Wednesday for Dragons" führen würde. Aber damals galt das Drachentöten als gute Tat.

Apropos: Der Babylonier Marduk, der vorhin erwähnte Herakles, die germanischen Schlägertypen Siegfried, Dietrich von Bern und Wolfdietrich - alle sind sie unrühmlich als Drachenterminatoren in die drakonalen Annalen eingegangen. Beowulf freilich, bedichtet dafür, Herrn Grendel samt Mutter erschlagen zu haben, hat seine unbegründete Attacke auf einen friedlichen Feuerspeier mit dem Leben bezahlt.

Frauen sind mit den Drachen auch nicht nur sanft umgegangen. So hat etwa die Heilige Margareta von Antiochia einen Drachen getötet, und zwar mittels Bekreuzigung.

Dass man es anders angehen kann, zeigen die Beispiele der Heiligen Martha von Bethanien und des Heiligen Marcellus von Paris. Die beiden haben alles richtig gemacht und ihre Drachen nicht umgebracht, sondern gezähmt. Dass Franz von Assisi der Tierschutz-Heilige ist, kommt einem angesichts dessen irgendwie ungerecht vor.

Korrekterweise muss man freilich anmerken, dass die Drachen vielfach zu einer etwas absonderlichen Ernährungsweise neigten. Dieses Beharren auf Jungfrauen-Mahlzeiten, bei besonderen Drachen-Gourmets sogar auf Jungfrauen adeliger Herkunft, kann in Zeiten, zu denen man sich als durchschnittlicher Bürger nur alle heiligen Zeiten eine Speckschwarte zum Gerstenbrei leisten konnte, schon einen gewissen Unmut verursachen.

Glück mit Drachen

Asiatische Drachen haben das wesentlich klüger angefangen. Statt in irgendwelchen Waldhöhlen auf Schätzen zu sitzen und im eigenen Feueratem geröstete Jungfrauenkeulen zu kauen, haben sie sich weitergebildet und offenbar auch Kurse in gutem Benehmen belegt. Deshalb gelten viele Drachen Asiens als Erfüller von Wünschen, sie gelten weise und mächtige Ratgeber, und wer sie sieht, wenn sie den Himmel durchstreifen, nimmt den Anblick als gutes Zeichen. Zum Beispiel war der japanische Fuku-Ryu solch ein Drache des Glücks.

Chinesischen Erddrachen sind im Prinzip gutmütig, solange man sie nicht verärgert. Ein grollender Erddrache kann freilich schon mit einer Naturkatastrophe abreagieren. Die chinesischen Tianlong sind Flugdrachen, auf deren Rücken weise Männer durch die Luft reiten. In China baut man in hohe Häuser auch heute noch wie in früheren Zeiten Löcher ein, damit die Flugdrachen von den Bergen her zum Wasser fliegen können, um zu trinken und etwas Strand-Wellness zu treiben. Man sieht: Mit etwas gutem Willen kann man sich mit Drachen arrangieren.

Allerdings sind auch unter den asiatischen Drachen rechte Rabauken. Uwibami etwa fand es amüsant, Menschen aus den Wolken heraus anzugreifen. Yegara-no-Heida hat ihn getötet. Selber schuld.

Und das alles sollen bloße Mythen sein? Nichts als Märchen und Legenden?

Weil heute niemand mehr einem Drachen begegnet?

Auf in die Flores-See zu den Komodo-Inseln. Die dortigen Warane werden drei Meter lang. Ihr Speichel ist giftig. Sie verspeisen zwar am liebsten Wildschweine. Aber wenn ein Mensch ihnen zu nahe kommt . . . Und wenn dieser Mensch eine jungfräuliche Prinzessin sein sollte . . .

Also: Wer sagt noch einmal, Drachen gibt es nicht?