Es sind die schlechtesten Bücher nicht, die, aus einer Laune heraus auf der letzten Seite aufgeschlagen, gleichsam vom Ende her fesseln: "Ich musste lernen, mit der Zeit anders umzugehen. Ich kannte sie nur als etwas, das man einzuteilen hatte, nicht als etwas, das man erleben durfte", schreibt Martin Sieghart im Kapitel, das er "Kein Epilog" nennt und das unter dem Eindruck der Corona-Krise einerseits, andererseits aber auch unter dem der erfolgreichen Entwicklung wirksamer Impfstoffe steht.

Es sind die schlechtesten Dirigenten nicht, die Österreicher sind, aber im Ausland ihr Renommee erarbeitet haben: Martin Sieghart, 1951 in Wien geboren mit familiären Wurzeln, die tief ins Innviertel reichen, und einer weltbürgerlichen Gesinnung, legt in "Übergänge" eine Autobiografie vor, die entscheidende Lebensabschnitte selbstanalytisch unter die Lupe nimmt und, es sei mit allem Nachdruck vermerkt, stilistisch glänzend geschrieben ist. Einmal das Buch begonnen, liest man die 315 Seiten in einem Zug durch, und hat biografische Informationen samt reichlich Stoff zum Nachdenken bekommen.

Dieses Buch ist so reich an Einsichten, dass man nicht weiß, worauf man das Augenmerk des Lesers lenken will.

Erkenntnisse und Erlebnisse

Musikalisches: Die Erkenntnis, dass es Unfug ist, Anton Bruckners Sinfonien von Anton Bruckners Gläubigkeit zu trennen. Wie Sieghart sich dem Komponisten Bruckner als Mensch nähert, ist überzeugender als alles, was an Theorien zusammengebastelt wird, um die als bedeutend erkannte, aber religiös konnotierte Musik für unsere immer profanere Zeit verständlich zu machen.

Dann ist da ein wunderbares Kapitel über Mozart, fast mehr eine hoffmanneske Kurzgeschichte, ein glänzendes Kapitel über Antonín Dvořáks Siebte Sinfonie, immer wieder Gustav Mahler und Ludwig van Beethoven. Sieghart gelingt es, die Musik zu erzählen, er nimmt sie nicht analytisch auseinander, er verliert sich auch nicht im Nur-Anekdotischen, bei ihm gewinnt die Musik im Wort eine eigene Plastizität, mit einem Mal verbindet der Leser auch ihm längst bekannte Werke mit neuen Eindrücken.

Biografisches: Vom Solocellisten der Wiener Symphoniker zum Dirigenten - es gibt solche und ähnliche Karrieren. Doch in Siegharts Erzählung schwingt mehr mit. So uneitel hat kaum je ein Künstler über sich selbst berichtet, über Erfolge, Probleme, Misserfolge, erreichte und verfehlte Ziele. Genau dieses Spannungsfeld aber ist es, das den Künstler, im konkreten Fall den Dirigenten interessant macht. Es ist wesentlich leichter, sich als Star auf hohem Podest zu inszenieren denn als Musiker im Ringen um Werke und Interpretationen. Diese Glut in der Auseinandersetzung mit Werken hat freilich auch Siegharts Interpretationen immer schon den Stempel des Außergewöhnlichen verliehen.

So erlebt der Leser den Dirigenten Sieghart auf musikalischen und biografischen Lebensstationen (als könnte man das trennen) und unterhält sich nicht zuletzt auch glänzend bei den anekdotischen Episoden mit wunderlichen Komponisten, eigensinnigen Musikern und allerlei Bizarrerien an der wichtigen Peripherie der Berufung zum Musiker.

Und dann ist da das Kapitel "Der Heurigensänger", genau genommen eine Erzählung. Sie ist wunderbar. Sollte Martin Sieghart einen weiteren Übergang wagen und, zum Musiker dazu, auch Autor von Geschichten werden - es wäre nach diesem Buch nicht weiter erstaunlich.