"Macht besteht zu großen Teilen aus der Fähigkeit zu erkennen, wie bereitwillig andere sie einem überlassen." Auch in ihrem neuen Roman sind es wieder markante Sätze, die hineinziehen in Rachel Cusks Erzählwelt - und hier nun in einen langen Brief, den eine Frau namens M an einen vertrauten Menschen namens Jeffers schreibt.

M ist nicht mehr jung, sie hat viel hinter sich, aber nun mit ihrem späten Ehemann Tony in einem schönen, meernahen Gelände abseits der Welt genau jenen Rückzug geschaffen, der sie erfüllt und der ihr eine Ruhe gibt, die sie nie hatte. Eine Ruhe allerdings, die sie selbst gefährdet, als sie in das kleine Gästecottage den berühmten Maler L einlädt, dessen Bilder sie in existenzieller Weise umtreiben. Sie haben in ihr ein "Gefühl der Verbundenheit geweckt, gerade so, als hätte ich plötzlich meine wahre Herkunft entdeckt".

Als L in der unangekündigten Gesellschaft einer jungen Frau tatsächlich anreist, wird er zum rücksichtslosen Nutznießer nicht nur der ihm erwiesenen Gastfreundschaft, sondern tritt offensiv, ja, zerstörerisch ein in Ms und Tonys Welt. So klar M dies sieht und die eigene Kränkung realisiert, kann sie sich dennoch nicht von der Sehnsucht distanzieren, die Ls Kunst bei ihr ausgelöst hat und die sie als "Sehnsucht nach Auflösung" beschreibt.

- © Suhrkamp
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In dieser Thematik erkennt die Leserin dann eine der Grundfragen wieder, die auch Rachel Cusks Roman-Trilogie "Outline" / "Kudos" / "Transit" bestimmt hatte: Ist es nicht das Wesen der Kunst, dass sich der Künstler, die Künstlerin völlig in ihr auflöst? Die Ich-Erzählerin der Trilogie war vollständig hinter den Geschichten verschwunden, die ihr zustießen und die sie mit der neutralen Distanz der Beobachterin wiedergab.

In "Der andere Ort" löst Cusk nun ihren eigenen Plot in einer anderen, historisch verbürgten Geschichte auf. Im Anhang schreibt sie: "‚Der andere Ort‘ verdankt sich ‚Lorenzo in Taos‘, Mabel Dodge Luhans Erinnerungen an die Zeit, die D.H. Lawrence 1922 als ihr Gast in Taos, New Mexico, verbrachte." Mabel Dodge Luhan, geboren 1879, war eine reiche Kunstmäzenin ihrer Zeit, die in Florenz, New York und schließlich in Taos Salons begründete und viele Künstler förderte. Tatsächlich war sie in vierter Ehe mit Tony Luhan, einem Pueblo, verheiratet; tatsächlich ließ sie sich auf eine Affäre mit ihrem Gast, dem berühmten D.H. Lawrence ein.

Cusk nutzt nun diese Vorlage von Luhans Erinnerungen nicht nur für die Frage nach der künstlerischen Identität, sondern auch für ihr anderes großes Thema des Geschlechterkampfs als oft zerstörerisches Spiel von Macht und Unterwerfung. Wieso gesteht M dem sie kontinuierlich zurückweisenden L eine Macht zu, die ihr eigenes Leben aus den Angeln zu heben droht?

"Die Abgehobenheit der Kunst fühlte sich plötzlich an wie meine eigene Abgehobenheit, wie die größte, kälteste Distanz in der Welt, die mich von wahrer Liebe und Zugehörigkeit trennte." Es ist ein dramatisches, auch folgenreiches Spiel um Kunst und Leben, das Cusk hier spannend gestaltet.