Lesen ist ein Akt der Hingabe - nicht nur an die Geschichte, sondern auch an die- oder denjenigen, der sie erschafft. Immerhin hat diese Person die Macht, ihre Figuren zu erheben oder sie zu vernichten. Als Lesende hoffe ich stets, dass Autoren verantwortungsvoll mit dieser Macht umzugehen verstehen. Dabei lasse mich durchaus auch in die Düsternis führen, solange ich mir im Prozess des Lesens etwas Wesentliches herausholen kann: Hoffnung - einen Funken nur. Bleibt diese aus, fühle ich mich irgendwie benutzt.

"Zum Paradies" ist der dritte Roman Hanya Yanagiharas, den ich gelesen habe. Der erste, "Ein wenig Leben", ein absoluter Welterfolg, hat mich besonders in seinen Bann gezogen. Gnadenlos und mit unbarmherziger Kompromisslosigkeit hat die Autorin, die 1974 in Los Angeles geboren wurde und in Hawaii aufwuchs, darin die Themen Freundschaft und Verletzlichkeit aufgearbeitet. Der Protagonist wird regelrecht durch den Roman geprügelt. Obwohl es notwendig ist, dieses Leid auch lesend zu erfahren, war es mir zu viel - und zu manipulativ.

Beim zweiten Roman (eigentlich Yanagiharas erstem, der nur später übersetzt wurde), ging es mir ähnlich: "Das Volk der Bäume" behandelt die Frage, ob gesellschaftlicher Fortschritt Moral braucht. Das Lesen war spannend, die grausam überbordete Szenerie teilweise verstörend.

Und nun also der dritte Yanagihara-Wälzer: "Zum Paradies" heißt der über 900 Seiten starke Roman, der sich in drei Teile, drei Zeitabschnitte, drei Jahrhunderte gliedert. Der erste Teil spielt im Jahr 1893, der zweite 1993, der dritte zeichnet ein dystopisches Bild des Jahres 2093 und schaut zwischendurch auf die Jahre 2043, 2064 und 2088 zurück.

Alle drei Abschnitte spielen im selben Haus am Washington Square in Manhattan - der zweite Teil driftet allerdings bald in eine Rückblende und führt ins Hawaii der 70er Jahre. Die drei Teile des Romans spielen nicht nur am selben Ort, die Personen tragen auch dieselben Namen. Doch nach familiären oder sonstigen Zusammenhängen zu suchen, ist zwecklos. Genauso wie die Autorin manchmal Parallelen schafft, lose Enden wieder aufgreift, um sie dann erst recht wieder fallen zu lassen.

"Zum Paradies" spielt in einem Amerika, das sich anders entwickelt hat, als wir es kennen, und erzählt von der Sehnsucht nach Freiheit und deren Grenzen. Welche Opfer sind wir zu bringen bereit? Nebenbei handelt der Roman von fehlenden Müttern und gütigen Großvätern, von Fürsorglichkeit und Vertrauen. Homosexualität spielt, wie in allen Romanen Yanagiharas, eine zentrale Rolle.

Im ersten Teil (1893) ist New York ein vom Rest der Welt abgeschotteter Freistaat. Das Grundrecht der sexuellen Freiheit ist in den Statuten verankert. Während Homosexualität geächtet wird, sind die Bewohner frei, zu lieben und zu heiraten, wen sie wollen. Um dieses Recht zu schützen, haben sich die Bewohner des Freistaats mehr oder weniger eingebunkert, schützen ihre Grenzen und haben ein entsprechendes "Flüchtlings-Problem". Dieses wird nur am Rande erwähnt, denn das Augenmerk der Geschichte gilt einem anderen Aspekt von Freiheit: nämlich jener, zu scheitern.

David, Spross einer vornehmen Gründerfamilie und seelisch instabil, verzichtet auf die von seinem behütenden Großvater arrangierte Ehe mit dem gutherzigen Charles und lässt sich auf eine Beziehung mit einem windigen Kerl ein, der ihn ausnutzt und betrügt. David entsagt der Sicherheit und dem Recht sexueller Entfaltung - für die Freiheit, selbst über sein Leben zu entscheiden. Das Ende dieser Geschichte, obwohl abzusehen, bleibt offen, wird ein paar hundert Seiten später wieder aufgegriffen und bleibt - leider - wieder offen.

Der zweite Teil des Romans ist eher ein Nebenschauplatz. Wie dramatisch unsere gesellschaftliche Entwicklung von Aids gebremst wurde, hätte mehr Raum verdient.

Im dritten Teil wird das Thema des ersten Teils fortgeführt: Was ist wichtiger: Sicherheit oder Freiheit? Ausgehend von unserer beklemmenden Corona-Gegenwart, ist dieser Roman-Abschnitt der aufwühlendste. Die Welt von 2093 wird von immer neuen multiplen Pandemien erschüttert. Unsere aktuelle, also jene der 20er Jahre, war nur der Anfang einer katastrophalen, alles zerstörenden Serie. Konsequent führt Yanagihara vor, wie schnell sich eine schützende staatliche Bevormundung zur autoritären Bedrohung wandelt.

Da geht es dann nicht mehr um die Heilung von aktuellen Krankheiten, sondern bloß darum, die nächste Mutation vorauszusagen; in den Krankenhäusern gibt es fast nur noch Infektionsstationen; Masken sind die geringste Lästigkeit: Das Tragen von Kühlanzügen und Helmen ist vorgeschrieben, Dekontaminierungen sind an der Tagesordnung. Nur noch die Alten erinnern sich an das Internet.

Die Menschen sind rechtlos, unter Dauerkontrolle, sie wohnen in streng überwachten Zonen mit reglementiertem Ausgang. Lebensmittel sind rationiert, es gibt Proteincoupons und gelegentlich solche für Waschbären- oder Hundefleisch. Kranke werden in Lager zum Sterben geschickt, mancherorts werden einfach nur Planen über ganze Stadtviertel geworfen, damit die darunter verrecken. Wer erkrankt, wird aussortiert. Die Wissenschaft hat das Ruder übernommen und fragt nicht nach Moral.

Verschwörungstheorien

"Eine Krankheit hat keinen besseren Freund als die Demokratie", lässt die Autorin eine der Personen sagen, einen Wissenschafter, der sein Engagement für Quarantänemaßnahmen später bereuen wird. Recht bald wird klar, wem Yanagihara damit aus der Seele spricht. Auf einer Bühne, deren Horrorkulisse aus abstrusen Verschwörungstheorien zusammengezimmert wurde, sind Wissenschafter nur stumpfsinnige Handlanger, ist gemeinschaftlich getragene Verantwortung nichts als ein naives Konstrukt.

So weit, so schlecht. Neben dem dichten unheilvollen Szenario darf man aber Sätze wie diesen nicht überlesen: "Die Krankheit hat uns in jeder Hinsicht darüber aufgeklärt, wer wir sind; sie hat die Fiktionen enthüllt, die wir alle in Bezug auf unser Leben konstruiert haben. Sie hat enthüllt, dass dieser Fortschritt, diese Toleranz nicht zwangsläufig mehr Fortschritt oder Toleranz erzeugt. Sie hat enthüllt, dass Freundlichkeit nicht mehr Freundlichkeit erzeugt. Sie hat enthüllt, wie fragil die Poesie unseres Lebens wirklich ist - sie hat Freundschaft als etwas Fadenscheiniges und Bedingtes entlarvt, Partnerschaft als etwas von äußeren Umständen Abhängiges, Zufälliges. Kein Gesetz, keine Vereinbarung, kein Ausmaß an Liebe war stärker als unser eigenes Bedürfnis zu überleben, oder, bei den Großzügigeren von uns, unser Bedürfnis nach dem Überleben der Unseren, wer auch immer sie sein mochten."

Wer sind wir im Grunde? - Um diese Frage drehen sich alle Bücher Yanagiharas, es ist ihr Zentralmotiv, das sie als schwere Kost serviert.

"Zum Paradies" ist ein starker, herausfordernder Roman, der im Kopf bleibt - aber auch in einem dumpfen Unwohlsein nachhallt. Es liegt wohl (auch) an unserer herausfordernden Gegenwart, die das Lesen dieses Romans zur Zumutung macht. Denn wir befinden uns in einer Zeit des Zweifelns sowie des Staunens über all jene, die meinen, sich ganz genau auszukennen. Es ist die Stunde der Welterklärer, der Mansplainer, der Besserwisser und Warner, der Sich-moralisch-ins-rechte-Licht-Rücker, der Egoisten und der Streithammeln. Die Zeit der Übertreiber.

Und das kann diese Autorin halt auch selbst wirklich gut, das Übertreiben - und das Zerstören von Hoffnung. In ihrer Konsequenz erspart Yanagihara ihren Protagonisten nichts. Und auch nicht ihrer Leserschaft.