Was haben ein Auftragskiller im Kongo und ein Polizist in Boston gemeinsam? Sie stecken beide plötzlich mittendrin in derselben Verschwörung, die - das wird aber erst im Verlauf der bisher vier Staffeln des Thriller-Hörspiels "Die weiße Lilie" klar - sich bis in die höchsten Kreise Washingtons zieht. Das Thema Energiewende und -versorgung spielt dabei ebenso eine wichtige Rolle wie das Nervengift Nowitschok. Die Handlung beginnt mit einem Auftragsmord im Kongo, auf den Daniel Porter angesetzt ist: Er soll einen Warlord ausschalten, tappt dabei aber in eine mörderische Falle - und wird vom Jäger zum Gejagten. Eine Rolle, in der er für die weiteren elf Folgen bleibt - und in die er auch noch in der zu erwartenden fünften Staffel schlüpfen wird (denn am Ende von Staffel vier ist die Geschichte noch lange nicht auserzählt). 

Porter ist einer Geheimorganisation, die sich "weiße Lilie" nennt, in die Quere gekommen und schwankt nun zwischen Flucht und Gegenangriff. Irgendwann kreuzen sich seine Wege auch mit dem Bostoner Detective Henry Miles, der einem unfassbaren Gewaltverbrechen auf der Spur ist, das mit den Vorgängen in Afrika zusammenhängt. Und mit einem Oligarchen, der mitten im Machtgefüge der US-Regierung agiert. und den Miles zur Strecke bringen will. Davor werden aber noch mehrere andere Figuren in verschiedenen eingeführt: Einer Journalistin wird ein USB-Stick mit sensiblen Daten zugespielt, der sie ebenfalls zur Gejagten macht. Eine Rednerin der Münchner Sicherheitskonferenz gerät in einen Terroranschlag. Ein Sidestep in den Kosovo leuchtet Porters Vergangenheit aus, die bis heute nachwirkt. Ein irakisches Journalistengeschwisterpaar deckt die Machenschaften der "weißen Lilie" auf - und wer sich mit ihr anlegt, muss mit dem Schlimmsten rechnen.

Es sind viele Fäden, die das Autorenduo Benjamin Oechsle und Timo Kinzel erst breitflächig auslegt und dann miteinander verwebt. Wie ein brutaler Tanz bewegt sich die Story von Afrika über den Balkan und die Ukraine bis in die USA - und deren Herz Washington ist auch das Epizentrum der Ereignisse, die Porter und die anderen Protagonisten mitreißen. Allianzen werden geschmiedet, Zweckgemeinschaften gebildet im Kampf gegen den einen gemeinsamen Feind, dessen mächtiges Netz so fein gesponnen ist, dass es trotz allem nur schwer sichtbar ist. Und man überlegt sich besser zweimal, ob man sich ihm entgegenstellt. 

Komponist Jochen Mader und Sounddesigner Robin Großkopff (auch Oechsele betätigt sich als solcher) sorgen neben bekannten Stimmen wie Mark Bremer, Martin Sabel, Achim Buch oder Stephan Benson (um nur vier der vierzehn Sprecher zu nennen) für ein spannendes Hörerlebnis. Es sind nicht weiß Gott was für Sound-Tricksereien, die hier zum Einsatz kommen; die Arbeit der Macher dieses Hörspiels, dessen Ton recht rau und oft auch pathetisch ausfgeladen daherkommt, ist handwerklich solide. Für jene, die irgendwann den Überblick verloren haben, weil es doch recht viele Szenenwechsel und Handlungssprünge gibt, werden auf der Website https://dieweisselilie.com alle relevanten Informationen über die handelnden Figuren und auch die Länder, in denen sie agieren, übersichtlich dargestellt (Video-Trailer und Animationen stammen von Florian Schäfer, die Illustrationen von Alexander Maus).

Mitunter hat man das Gefühl, nicht nur einen packenden fiktiven Thriller zu hören, sondern auch ein Stück Gegenwartskritik, etwa wenn ein US-Killerkommando in ein irakisches Haus geschickt wird oder von den Schwierigkeiten der Energiewende die Rede ist. Die Handlung selbst füllt mittlerweile zwölf CDs und wird wohl noch mindestens drei weitere füllen. Schließlich geht es jetzt, in Staffel vier, erst so richtig ans Eingemacht: Die Fäden der einzelnen Handlungsstränge bilden immer mehr einen einzigen Strang, und als nächstes gilt es einen Anschlag in den USA zu verhindern. Porter muss Miles erst noch beweisen, dass sie auf derselben Seite stehen, und die Zahl der Personen, die die "weiße Lilie" ausschalten will, weil sie ihren im Hinterzimmer der Macht entwickelten Plänen im Weg stehen, wächst von Folge zu Folge. Und nein, man hat wirklich keinen Schimmer, wie das Ganze ausgehen und was sich daraus noch entwickeln wird. Was einerseits gut ist, weil es Spannung verspricht - und gleichzeitig schlecht, weil man sich als Serienkonsument halt doch gerne ein bisschen darauf einstellen würde, wie viele Stunden Hörspiel noch vor einem liegen.