Fußball und Literatur finden immer wieder zusammen. Angefangen von Peter Handkes geflügeltem Satz über das Kultbuch des Briten Nick Hornby bis hin zu Günter Grass’ Ode an das WM-Spiel. Nun haben sich der Schweizer Bestsellerautor Martin Suter und Fußball-Held Bastian Schweinsteiger zusammengetan. Mit einer Mischung aus Biografie und Roman skizziert der 73-jährige Star-Autor das Leben des Weltmeisters von 2014, vom Buben aus dem bayrischen Oberaudorf, der eine Karriere als Skistar zwar verfehlte, dafür später im Fußball Triumphe feierte und trotzdem in Niederlagen allein war. Im Berliner Pressegespräch verraten die beiden, wie es zu dem außergewöhnlichen Match kam, warum das Buch eine Liebesgeschichte ist, die vor allem seiner Frau, der ehemalige Weltklasse Tennisspielerin Ana Ivanovic geschuldet ist, und sich für manche Schriftsteller die Fußballkarriere nicht ausgeht.

"Wiener Zeitung": Herr Suter, Ihren neuen Roman widmen Sie der Fußballlegende Bastian Schweinsteiger. Wie ist denn Ihre Beziehung zum Fußball?

Martin Suter: Die aktive war relativ rasch beendet. Sie begann mit neun und endete mit zwölf. Ich war in einer Schülermannschaft. Das hing mit einem Kraftausdruck zusammen, den ich einem Mitspieler zurief. Dummerweise stand der Schiedsrichter daneben und ich flog vom Platz. Damals waren die Schiedsrichter noch pädagogisch. So habe ich trotzig gesagt, dass ich nicht wieder zurückkomme. Später war ich Fußballfan von FC Basel.

Herr Schweinsteiger, Sie haben an den Verleger des Diogenes Verlags Philipp Keel geschrieben, mit der Bitte, dass der Bestsellerautor Martin Suter eine Biografie über Sie verfasst. Warum?

Bastian Schweinsteiger: Ich war nie ein Fan davon, dass jemand eine klassische Biografie über mich schreibt, in der es dann etwa für oder gegen irgendwelche Mitspieler oder Trainer geht. Ich wollte keine Abrechnung. Das ist nicht meine Natur. Eines Tages sagte ein guter Freund zu mir, wenn einer ein Buch über dich schreiben sollte, dann gibt’s nur den Martin Suter, aber der wird das nicht machen. Aber wie ich halt so bin, habe ich gesagt, schauen wir mal, und mein Freund hat mit dem Verlag Kontakt aufgenommen. Na ja, es hat geklappt. Es ist wirklich eine große Ehre und ein Geschenk für mich.

Herr Suter, was hat Sie dazu bewogen, diesen biografischen Roman zu schreiben?

Suter: Ich wollte schon vor vielen literarischen Formen eine Verbeugung machen. Aber eine Biografie? Ich bin nach wie vor Romancier und kein Biograf. Und für mich war Voraussetzung, dass ich die künstlerische Freiheit habe, die Geschichte auszuschmücken. Aber natürlich ist nichts dazuerfunden, kein Match oder irgendein Elfmeter. Und wichtig war für mich, dass wir uns mögen und verstehen. Und als wir uns dann das erste Mal getroffen haben, dauerte es nur fünf Minuten, bis wir uns duzten. Ich habe mich immer gefreut, mit ihm und seiner Frau Ana zu reden. Wir haben sehr viel gelacht zusammen. Das ist ja schon entscheidend.

Was hat Sie am meisten als Bestsellerautor am Fußballstar beeindruckt?

Suter: Dass der Titel "Einer von Euch", den ich gewählt habe und der schnell feststand, wirklich absolut zutrifft. Er hält sich nicht für etwas Besseres oder besonders. Für mich war dieser Spruch, mit dem er sich bei seinem letzten Spiel 2018 in der Allianz Arena von seinen Fans verabschiedete, eine wunderbare These, die ich in meinem Buch beweisen wollte. Es war von Anfang an vor allem die Person, der Mensch hinter dem Fußballstar, der mich interessierte. Und Basti hat mir auch gesagt, dass für ihn das Leben an sich immer wichtig war. Ich habe deshalb auch einen Elfmeter, der eben nicht ins Tor gegangen ist und tragischerweise am Pfosten landete, als Ereignis so ins Buch aufgenommen. Mir ging es nicht um absolute Fiktion. Das hätte die ganze Geschichte verändert.

Herr Schweinsteiger, wie war es für Sie, das fertige Manuskript zu lesen?

Schweinsteiger: Ich war schwer beeindruckt. An den 340 Seiten stimmte für mich einfach alles, vielleicht war mal ein Datum nicht ganz exakt. Ich bin jetzt 37 Jahre und es gibt ein Buch von mir von Martin Suter, das empfinde ich als etwas ganz Spezielles. Ich habe mich sofort wiedererkannt. Für mich ist dieser biografische Roman eine Art Mutmacher, gerade in dieser Zeit, speziell für Kinder und Heranwachsende. Denn mir war diese Karriere auch nicht in die Wiege gelegt.

Herr Suter, was hat Ihnen beim Schreiben geholfen?

Suter: Für mich waren vor allem die Gespräche mit Bastis Vater Fred wichtig. Er hat mir viel über die Kindheit seines Sohnes erzählt und mir Jugendfotos gezeigt. Das hat mir die Möglichkeit gegeben, mich einzufühlen. Aber natürlich auch Basti selbst. Die erste Szene im Buch, diese Anekdote mit dem Eigentor, hat er mir gleich ohne Umschweife erzählt. Und das hat mir total gefallen, dass ich einen Roman über einen Fußballgott mit einem Eigentor anfangen kann und der Star nichts dagegen hat. Und es ist natürlich schon eine Art Heldensage, aber bei Helden ist nicht unbedingt wichtig, welche Niederlagen sie erlebt, sondern wie sie darauf reagiert haben.

Die Mitheldin des Buches ist Herrn Schweinsteigers Frau Ana Ivanovic. Wie kam es dazu?

Suter: Das hat damit zu tun, dass Basti mir schon relativ am Anfang mal gesagt hat, das Leben seiner Frau sei viel interessanter. Was sie erlebt hat, reiche für zwei Romane. Und ein weiterer Aspekt war, dass er meinte, er glaube nicht an Zufälle. Das war für mich irgendwie symbolisch und deshalb kommt Ana in diesem Buch von ihrer Geburt an vor, bis sich beide begegnen. Ich wollte damit symbolhaft zeigen, dass es eben kein Zufall sein kann, dass sie sich später trafen. Obwohl, Basti dem Zufall ein bisschen nachgeholfen hat.

Schweinsteiger: Frauentennis war mir damals über Steffi Graf schon ein Begriff, aber so gut kannte ich mich nicht aus, bis mir Ana auffiel. Ich habe viel mit Ana über das Buch gesprochen. Ana hat mir beigebracht, was Liebe wirklich bedeutet. Als junger Kerl sagt man schnell mal, dass man jemanden mag. Aber erst Ana hat mir gezeigt, was das wirklich heißt.

Was vermissen Sie am meisten nach dem Ende Ihrer Profi-Karriere?

Schweinsteiger: Was mir wirklich fehlt, sind die Emotionen in einem Stadion mit den Zuschauern. Ich habe immer versucht, meine Fans glücklich zu machen, den Pokal heimzubringen. Das schönste Spiel in meiner Karriere war aber damals das Abschiedsspiel in der Münchner Allianz Arena. An wen ich mich wirklich gerne erinnere, ist Jupp Heynckes. Das war die beste Zeit, die wir beim FC Bayern hatten. Er hatte einfach eine tolle Menschenführung und konnte alle Spieler gut einbinden.