Österreich feiert Franz Grillparzer nicht. Zum 150. Todestag herrscht ein großes Übergehen und Übersehen. Gerade die Josefstadt zeigt seine "Medea" als wär’s ein Stück von Federico García Lorca - aber immerhin. Wenigstens das. Und, berechtigter Einwand, es gibt ja noch eine zweite Jahreshälfte, also die Saison 2022/2023. Da kann’s noch allerhand geben an Grillparzer. Wird es? - Der Traum ohne Erleben.

Unmittelbar nach Kriegsende war das anders, da stand Grillparzer unverrückbar als der Dichter der österreichischen Nation fest.

Weg von Deutschland

Abheben von der deutschen Kultur war angesagt. Sollen die doch weiter ihren Goethe und Schiller pflegen, kann man mitmachen, sind schließlich Autoren der deutschen Sprache, aber man braucht zwecks kultureller Grenzziehung nach Westen doch auch einen eigenen. Da kam der schillernde Pseudo-Shakespeare gerade recht. "Es ist ein gutes Land" - das hörte man gerne in der Inszenierung als erstes Opfer des eigenen Landsmanns.

Nein, nein und wieder nein, protestierte der einflussreiche Kritiker Hans Weigel, nicht Grillparzer sei als Nationaldichter geeignet, sondern Johann Nepomuk Nestroy. Dass Weigel Nestroy-Stücke aufführungstauglich bearbeitete: Ein Schelm, der da an Tantiemenzuwachs denkt.

Dennoch lag Weigel mit seinem mulmigen Gefühl bei Grillparzer so falsch nicht. Denn zwischen seinen giftigen Kritikenzeilen stand die nur expressis verbis unausgesprochene Frage, was ein Dichter braucht, um sozusagen Nationaldichter zu sein, namentlich ein österreichischer.

Nationverbindend muss sein Werk sein, noch besser nationale Identität stiftend, indem er die spezifische Sprache der Nation festschreibt.

William Shakespeare etwa führte Großbritannien aus der Lancester-Nacht ins Tudor-Licht und schrieb die Bedeutung seiner Nation überzeitlich und über die Grenzen der Literatur hinaus fest. Eine ähnliche Bedeutung haben Miguel de Cervantes für Spanien und Dante Alighieri für Italien. Russlands Nationaldichter sind Alexander Puschkin und Nikolai Gogol: Puschkin kanonisierte die an der französischen Eleganz orientierte Schriftsprache, Gogol den quasi-mündlichen Erzähltonfall. Besonderes Glück hatte die ehemalige DDR mit Bertolt Brecht, einem Dichtungsgiganten von Goethe-Schiller-Rang.

Das Streben nach literarischer Nationstiftung initiierte auch Possen, die freilich zeigten, welche Bedeutung das Thema hatte, solange, speziell im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, die Nationalitätenfrage brannte: Das mittelalterliche Igorlied, 1795 entdeckt, ist für Russland ungefähr so bedeutend, wie es die "Aeneis" des Vergil für das antike Rom oder das Nibelungenlied für ein verbindendes Nationalgefühl unter den deutschen Fürstentümern des 19. Jahrhunderts war - nur, dass dieses "Igorlied" möglicherweise eine neuzeitliche Fälschung ist. Ein ähnlicher Fall ist die finnische Kalevala: 2.000 Jahre sollen die Lieder alt sein - was zweifellos für die Inhalte gilt. Doch aufgeschrieben hat sie Elias Lönnrot erst 1835.

Das aber nur am Rand - oder eigentlich nicht, denn es beleuchtet die Möglichkeiten der Kulturnation Österreich, sich nach 1945 von Deutschland abzusetzen: Was tun, wenn man eine gemeinsame Sprache, aber nicht einmal eine nationalliterarische Fälschung hat? Wobei eine solche gut gepasst hätte zur Nation, die auf dem gefälschten Privilegium majus gründet.

Grillparzer konnte man als austriacischen Shakespeare inthronisieren: "König Ottokars Glück und Ende" und "Ein Bruderzwist in Habsburg" als Königsdramen, "Libussa" als Sagendrama à la "Macbeth", "Die Jüdin von Toledo" als Schwester des "Kaufmanns von Venedig", beide Autoren haben Antike-, beide Märchendramen geschrieben: Schon war Shakespeare eingekleidet in Rot-Weiß-Rot.

Nestroy statt Grillparzer

Doch ach: Es geht sich, bei allem Verdienst Grillparzers um die Psychologisierung vermeintlich ferner Gestalten wie Medea, kaum ein Shakespearlein aus, und ob eine bühnen- wie sprachschwache Britennachahmung als österreichische Nationaldichtung taugt - das bezweifelte Weigel. Sein Konzept war: Nicht österreichische Themen müsse ein österreichischer Nationaldichter wählen, sondern er müsse gleichsam österreichisch schreiben.

Zwei Möglichkeiten boten sich Weigel an. Er wählte Johann Nepomuk Nestroy, der freilich sehr für Wien und die Auseinandersetzung mit dem Überwachungsstaat Metternichs steht. In der Nachkriegszeit war das allerdings durchaus relevant. Unter anderen Umständen wäre Weigels Wahl vielleicht doch auf den eher gesamt-österreichischen und überzeitlicheren Ferdinand Raimund gefallen. Karl Schönherr hingegen mutete den Kulturpolitik-Beflissenen der Nachkriegszeit zu tirolerisch-regional an. Von Blut-und-Boden hatte man genug, und wenn es noch so bühnenwirksam ist.

Und ein Dramatiker musste es sein, denn das auf den staatlichen und städtischen Bühnen deklamierte Wort zählt mehr als das im Lehnstuhl sitzend gelesene, das, offen gestanden, auch fehlte, wollte man Victor Hugo, Herman Melville, Lew Tolstoi oder Fjodor Dostojewski als Messlatte anlegen. Und Adalbert Stifter? Eben. . . Peter Rosegger hat kein "Schuld und Sühne" und Marie von Ebner-Eschenbach keine "Anna Karenina". Zur Not hätte man das Prager Genie Franz Kafka mit schlawinerndem Altösterreichertum eingemeinden können - aber der Autor von "Schloss" und "Strafkolonie" als Nationalschriftsteller?

Tauziehen um die Trias

So blieb es bei der klassischen Trias mit Tauziehen in die drei Richtungen: Grillparzer, Nestroy und ein bisschen Raimund. Wer wen als Nationaldichter sehen wollte, wurde seitens der Theater, der Kritiker und der Kulturpolitiker individuell beantwortet. Fest stand indessen der Grundkonsens: Nur einer der drei kam als österreichischer Nationaldichter in Frage.

Ohnedies änderte sich der Zeitgeschmack: Heute sind Nestroy und Raimund vor allem Autoren für die Freiluft-Sommertheater, Grillparzer schafft es hin und wieder mit der "Medea" auf eine Bühne, ist jedoch zur Randerscheinung des Repertoires geschrumpft. Nestroy hat immerhin Nachwirkungen bei Autoren wie Ferdinand Schmalz und Franzobel.

Der Kampf um einen österreichischen Nationaldichter aber ist mit zunehmender Internationalität obsolet geworden. Und wenn, dann wäre es einer, der es um keinen Preis hätte sein wollen, und der es sozusagen ex negativo ist. Denn Österreich als abscheulichstes Land unter allen abscheulichen Ländern zu preisen, ist auch eine Österreich-Feier. Thomas Bernhard als österreichischer Nationaldichter? - Gut für Österreich. Bernhard würde es aushalten. Naturgemäß.