Der Verrat an Anne Frank ist eines der großen Rätsel der Geschichte des Nationalsozialismus. Umso größer war das Aufsehen, als Vince Pankoke und Pieter van Twisk das Ergebnis ihrer Untersuchung präsentierten: Der Notar Arnold van den Bergh habe den Besatzern eine Liste übergeben, auf der auch das Versteck Anne Franks verzeichnet war.

Initiiert wurde die Untersuchung vom niederländischen Dokumentarfilmer Thijs Bayens. Ihr Leiter war Pankoke, seines Zeichens immerhin ehemaliger FBI-Ermittler. Van Twisk ist ein renommierter niederländischer Journalist, der sich nicht nur als Spezialist für Afrika einen Namen gemacht hat. Zur Untersuchung des "Cold Case" wurden modernste Techniken herangezogen, auch künstliche Intelligenz. Das Ergebnis: Mehr als 85-prozentige Wahrscheinlichkeit, sagte Pankoke in einem Interview in Zusammenhang mit dem eben zeitgleich auf Niederländisch und Englisch erschienenen Buch "Het verraad van Anne Frank" (Der Verrat an Anne Frank), dessen Autorin Rosemary Sullivan die Ergebnisse des Cold-Case-Untersuchungsteams vorstellt.

Das Opfer als Täter

Anne Franks Pass und ihre Tagebücher. Sie enthüllen wie kaum ein anderes Schriftdokument die Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus. - © apa / desk / anp / afp
Anne Franks Pass und ihre Tagebücher. Sie enthüllen wie kaum ein anderes Schriftdokument die Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus. - © apa / desk / anp / afp

Erst großes Erstaunen - das Rätsel gelöst? Dann angewiderte Zurückweisungen, eine Entschuldigung seitens des Verlags ambo anthos, Proteste jüdischer Verbände. Denn die Theorie, für die sich Pankoke starkmacht, ist in höchstem Maß problematisch und Wasser auf die Mühlen rechter Verschwörungstheoretiker und Antisemiten: Arnold van den Bergh nämlich war selbst Jude.

Der Jude als Verräter - das gehörte, basierend auf der Gestalt des Judas im Neuen Testament, schon immer zu den gängigsten antisemitischen Klischees. In der Zeit nach dem Nationalsozialismus wurde es noch stärker verbreitet als zuvor: Juden, die Juden verraten, um die eigene Haut zu retten, war nicht zuletzt auch eine Verteidigungsstrategie, um die Schuld der nationalsozialistischen Täter zu relativieren.

Der Fall Anne Frank wiederum gehört zu den bewegendsten Geschichten der nationalsozialistischen Verbrechen: Anne Frank, 1929 in Frankfurt am Main als Tochter einer jüdischen Familie geboren, lebte ab Juli 1942 mit ihren Angehörigen in einem versteckten Hinterhaus in Amsterdam. In diesem Versteck hielt sie ihre Erlebnisse und Gedanken in einem Tagebuch fest. Nach dem Verrat wurde die erst fünfzehnjährige Anne Frank zuerst in das KZ Auschwitz und von dort in das KZ Bergen-Belsen verschleppt, wo sie im Februar oder März an einer der unter den geschwächten Inhaftierten grassierenden Seuchen starb.

Der einzige Überlebende des Verstecks im Hinterhaus war Annes Vater Otto Frank. 1947 veröffentlichte er das Tagebuch seiner Tochter im niederländischen Original, 1950 erschien es erstmals in deutscher Übersetzung. Durch dieses Tagebuch und das eigene Schicksal wurde Anne Frank zur Symbolfigur, die gegen die Unmenschlichkeit des Völkermordes der Nationalsozialisten und die Auswirkungen des Antisemitismus steht.

Dieses posthume Charisma war die Triebfeder für die unablässige Suche nach dem Verräter des Verstecks.

Verdächtige, aber keine Beweise

Am genauesten untersucht wurde der Fall des Lagervorarbeiters Willem Gerard van Maaren. Van Maaren soll zufällig die Geldbörse gefunden haben, die einer der im Hinterhaus Versteckten verloren hatte, und dadurch auf die Spur gekommen sein. Van Maaren war zwar kein Antisemit, prahlte aber mit seinen Verbindungen zur Gestapo und galt unter seinen Arbeitskollegen als misstrauischer Schnüffler. 1949 wurde er allerdings von der Politieke Recherche Afdeling bedingungslos freigesprochen. Er beharrte auch weiterhin bis zu seinem Tod im Jahr 1971 auf seiner Unschuld.

Eine weitere Verdächtige war die Putzfrau Lena van Bladeren-Hartog, die in derselben Firma wie van Maaren arbeitete, aber auch ihr konnte keine Schuld nachgewiesen werden, und auch die Untersuchung des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation konnte den Verdacht nicht erhärten.

Auch der niederländische Juden-Kopfgeldjäger Anton Ahlers (1917-
2000) geriet naturgemäß in Verdacht. Solche Kopfgeldjäger verdienten zur Zeit der Besatzung mit den Verhaftungsprämien ihren Lebensunterhalt. Ahlers prahlte mit dem Verrat, aber keine der Untersuchungen konnte Beweise finden.

Unter den weiteren Verdächtigen war auch Ans van Dijk, eine Jüdin, die tatsächlich untergetauchte Juden an die Nationalsozialisten ausgeliefert hat. Nach dem Krieg war sie die einzige Frau unter 39 Personen, die wegen Verbrechen zur Kriegszeit hingerichtet wurden. Der Journalist Sytze van der Zee untersuchte den Fall, konnte aber kein sicheres Belastungsmaterial gegen sie in Sachen Anne Frank finden.

Im Dezember 2016 veröffentlichte die Stiftung, die das Anne-Frank-Haus verwaltet, eine neue Untersuchung, der zufolge das Versteck Anne Franks nicht verraten, sondern im Zuge einer Razzia gegen Schwarzhändler durchsucht worden sein könnte.

Das Untersuchungsteam um Pankoke reiht sich also ein in eine lange Reihe ähnlicher Untersuchungen. Der grundlegende Unterschied ist, dass Pankoke und sein Team auf eine bisher völlig unverdächtige und in hohem Ansehen stehende Person zeigen. Denn van den Bergh war ein Mitglied des Amsterdamer Judenrats. Basis der Hypothese ist ein anonymer Brief von 1946 an Anne Franks Vater Otto, in dem der Name des Notars genannt wird. Der Brief allerdings ist als Indiz wenig aussagekräftig, und er liegt nicht einmal im Original vor, sondern nur in einer Kopie, die das Untersuchungsteam im Amsterdamer Stadtarchiv fand.

Damit sei die ganze Untersuchung gleichsam von einem Tunnelblick beherrscht, meinten zahlreiche Kommentatoren. Die Literaturwissenschafterin Dara Horn ortete eine "Holocaust Inversion", also ein Vorgehen, bei dem Opfer zu Tätern gemacht werden.

Die Büchse der Pandora

Die schärfsten Worte fand der niederländische Schriftsteller Leon de Winter, Autor von Romanen wie "Hoffmans Hunger" und "Geronimo": In der "Neuen Zürcher Zeitung" schrieb er am 19. Jänner: "Es gibt keinen faktischen Beweis für van den Berghs Verrat. Das Buch ,The Betrayal of Anne Frank‘ schiebt die Schuld am grausamen Tod von Anne Frank einem unschuldigen Juden in die Schuhe. Das Buch selber ist ein Verbrechen."

Die Entschuldigung des Verlags und dessen Versicherung, keine zweite Auflage zu drucken, ist ehrenwert, kommt aber zu spät. Die Milch ist längst verschüttet. Der Fall wird, letzten Endes nicht nur mit den unsäglichen Behauptungen in dem Buch, sondern auch mit den Reaktionen nach der Veröffentlichung, ultrarechten Verschwörungstheoretikern und Antisemiten Nahrung geben. Die Grundfehler liegen in der Recherche und der allzu kritiklosen Veröffentlichung. Nachher konnte alles, was man unternahm, um die Büchse der Pandora wieder zu schließen, nur noch falsch sein.