"Löwenherz" hätte der Vater ihn sein Leben lang gerne genannt, den Richard aus der Familie Helfer, den Bruder, der nach dem frühen Tod der Mutter und dem Rückzug des Vaters in klösterliche Gefilde fern seiner Schwestern bei einer Tante aufwuchs. In Wirklichkeit hat er ihn aber nur selten so genannt. Nicht deshalb, weil dieser Richard nicht wirklich an den idealen, tapfer-tatkräftigen Richard mit dem Löwenherzen erinnerte. Sondern weil er fürchtete, der Sohn könnte diese zärtlich gemeinte Benennung zurückweisen. "Übersetzt in Allerweltsliebessprache hieß ‚Löwenherz‘ für unseren Vater: Du bist mein Ein und Alles. Richard wollte niemandes Ein und Alles sein."

Richard brauchte die väterliche Liebe nicht. Er war seit seiner Kindheit ein Träumer, ein Eigenbrötler, ein "Schmähtandler", der sich selbst in seine Geschichten einbaute und auch daran glaubte. Als Kind litt er an der "Englischen Krankheit", die dafür sorgte, dass sein Gang fortan stets etwas Schlendernd-Schwankendes hatte und von fern ein wenig an John Wayne erinnerte. Sein Gang machte ihn besonders, er gab ihm etwas Lässiges und Souveränes. Er ging, "als ob er das Gehen erfinden würde, bei jedem Schritt neu".

Glückloses Leben

Richard hat aus dem Unglück der Krankheit ein Glück gemacht, eine Art Alleinstellungsmerkmal. Sonst aber sei er "ein Glückskind, das sich sein Unglück selbst schaffe", wie eine seiner Schwestern bemerkte. Er arbeitete als Schriftsetzer, gehörte also, wie er glaubte, zur "Avantgarde der Arbeiterklasse", übte in Wirklichkeit aber einen aussterbenden Beruf aus.

Und auch sonst war ihm das Glück nicht hold. Seine beiden größten Lieben - ein Mädchen namens Putzi, das ihm eher zufällig zuflog, und der zugelaufene Hund, den er nach dem babylonischen Sonnengott Schamasch nannte - wurden ihm auf brutale Art wieder entrissen, und die Ehe mit seiner Frau Tanja hatte nur deshalb Bestand, weil sie so fest daran glaubte. Am Ende nahm sich Richard mit dreißig Jahren das Leben.

"Ich weiß niemanden, dem das Leben so wenig wichtig war wie dem Richard." Das sagt Michael Köhlmeier, der Schriftsteller und Ehemann von Monika Helfer, und er war es auch, der ihr die Anregung zu diesem Buch gab. Mit "Die Bagage" hatte die 1947 geborene Autorin 2020 ein autobiografisches Projekt begonnen, das zu einem Riesenerfolg wurde und ein Jahr später mit "Vati" eine nicht minder vielgelesene und vielgelobte Fortsetzung fand.

- © Hanser
© Hanser

Man kann diese literarischen Hommagen an die Großeltern und die Eltern durchaus mit dem Modewort "autofiktional" bezeichnen, denn ihr Ziel ist nicht Authentizität, sondern Einfühlung, die sich durchaus auch fiktionaler Elemente bedient. Es geht nicht um umfassende Lebensbilder, sondern um Annäherungen an Lebensläufe, und daraus resultiert eine Schreibweise, die nicht geradlinig, sondern verschlungen, sprunghaft, mitunter auch assoziativ ist. Hinzu kommt eine Sprache, der es in ihrer Eigenwilligkeit auf großartige Weise gelingt, die Individualität der beschriebenen Personen ebenso sichtbar zu machen wie die Subjektivität des Blicks auf sie. Wie die Autorin selbst gesteht, war sie nach den beiden Bestsellern "eine Zeit lang sehr unruhig", bis ihr Mann ihr riet, ein drittes Buch zu schreiben, diesmal über den Bruder.

Dass eine solche Serialisierung einer einmal erprobten Schreibweise auch schiefgehen kann, dafür gibt es Beispiele zuhauf. Bei Monika Helfer erlebt man das Gegenteil: Die Bücher werden immer besser, und "Löwenherz" ist der vielleicht ergreifendste Band in dieser Trilogie. Das hat natürlich mit der liebenswerten Kauzigkeit des Bruders (der so wunderbare Wortschöpfungen wie "verschenklich" kreiert, als Gegensatz zu "verkäuflich") und mit seinem wahrlich zu Tränen rührenden Schicksal zu tun. Aber auch damit, dass die Schreibende hier das Geschriebene stärker hinterfragt, immer wieder kritisch anmerkt, ob sie ihren Bruder nicht "vermerkwürdigt" oder ihm anderweitig nicht gerecht wird.

Aus den Augen

Und nicht zuletzt ist die Eindringlichkeit vielleicht auch der Tatsache geschuldet, dass dieses Buch auf einem gewissen Schuldgefühl gründet - denn über die letzten fünf Lebensjahre weiß die Schwester so gut wie nichts zu erzählen, weil sie mit der eigenen Familie beschäftigt war und man sich einfach, ohne böse Absicht, etwas aus den Augen verloren hatte.

Ganz am Ende heißt es: "Gerade fällt mir ein Wort ein, von dem ich nicht weiß, ob es noch etwas taugt: ‚Schlafesruh‘. Es kommt in einem Kirchenlied vor. Ich nehme es für Richard, und es beruhigt mich." Dieses Buch ist der eindrückliche Versuch, einem letztlich tragischen Leben ein angemessenes Denkmal zu setzen, einen Dämon der Familiengeschichte literarisch zu besänftigen. Dass Monika Helfer das gelingt, ohne dass sie dabei auch nur im entferntesten in die Nähe irgendwelcher Beschönigungen, Verklärungen oder schlichten Erklärungsversuche gerät - das ist das Wunder dieses ebenso wundersamen wie wunderbaren Buches.