Eine Wölfin, die in ein Rudel hineingeboren wird und ihren Platz im Gefüge der Waldtiere findet, und ein kleiner Seehund, der mit den Verbrechen der Menschheit an den Meeren konfrontiert wird: Das sind die beiden Hauptdarsteller der vorerst zwei Bücher aus der neuen "Lebensraum"-Reihe des Loewe Verlags, anhand deren Vanessa Walder und Antonia Michaelis erzählen, wie es in der Natur zugeht. Simone M. Ceccarelli und Verena Körting steuern ausdruckstarke Illustrationen bei.

Weil es personalisierte Geschichten sind, in denen die beiden Protaginisten sich so ihre Gedanken machen über sich, die Tiere rundherum und eben auch die Menschen, ist ein gewisses Maß an Vermenschlichung unumgänglich. Die beiden Autorinnen haben sie aber sehr sparsam dosiert. Die Intention ist klar und geht auch auf: In "Das geheime Leben der Tiere - Die weiße Wölfin" geht es in erster Linie darum, die sozialen Strukturen zu zeigen, in denen freilebende Wolfsrudel funktionieren. Und in "Das geheime Leben der Tiere -Minik - Aufbruch ins weite Meer" steht im Vordergrund, was wir der Natur so alles antun und welche Folgen das für die Ozeane hat: Schmieröl von Schiffen, an dem Vögel verenden; der Klimawandel, der die Meere zu warm macht; Lärm, der Wale irritiert - mit all dem wird der kleine Seehund Minik konfrontiert, der an der Küste der Ostsee Bekanntschaft mit den Menschen und ihrer Technik macht.

Das Ganze ist jeweils aus Sicht der Tiere geschrieben, die natürlich keinen Schimmer davon haben, was ein Auto, ein Schiffskran oder Plastikmüll ist. Und das macht die beiden Bücher - vor allem "Minik" - so spannend: Vanessa Walder und noch mehr Antonia Michaelis führt ihren Lesern schonungslos vor Augen, was falsch läuft in der Nutzung der Natur durch den Menschen und konfrontiert sie damit, wie das auf die Tiere (ein)wirkt, die dem verständnis- und ratlos gegenüberstehen. In Zwischentexten wird in "Minik" jeweils erklärt, was der kleine Seehund da gerade erlebt und gesehen hat, von der brandaktuellen Pipeline Nord Stream 2 bis zum schon lange bestehenden Problem von Schiffsmotoren und Blaualgen durch Überdüngung. Aber es gibt Hoffnung: Neben den Umweltzestörern kommen auch die Umweltschützer vor, als leuchtende Beispiele, denen es nachzueifern gilt. Ein Einsatz, den die Autorin durchaus honoriert.

Bei Vanessa Waldner hingegen ist die Natur, in der sich  die titelgebene weiße Wölfin bewegt, noch weitgehend unberührt. Wie einst in Käthe Recheis' "Wolfsaga" treffen hier verschiedene Rudel und auch einzelne Wölfe aufeinander und auf ihre Beute, und eher en passant wird das Sozialleben dieser majestätischen Tiere geschildert. Der Mensch kommt nur ganz am Schluss vor - und, das ist der einzige Kritikpunkt: Auch wenn dieses Ende leider sehr authentisch ist, hätte die Autorin es besser ausgespart. Die eiserne Regel, dass Kinderbücher immer gut enden sollten, zu brechen, kam nämlich im Lesetest gar nicht gut an. Fazit: "Das Buch ist wirklich toll - aber ich hasse es jetzt, weil es so böse endet."

Aber da beide "Lebensraum"-Reihen als Band 1 deklariert sind, kann zumindest Antonia Michaelis' Minik-Geschichte noch weitergehen. Und Vanessa Walder hat in der potenziellen Fortsetzung der Saga um das Rudel der weißen Wölfin die Chance, ihre beleidigten Leser wieder zu versöhnen . . .