Das musst Du gelesen haben! - Ja, eh. Nur: was? Und noch besser: warum?

Bei klassischer Musik (der Pop-Bereich liegt mit seiner Schnelllebigkeit anders, obwohl auch ihm Fixpunkte zugebilligt seien) ist es kaum anders: Musikfreunds Leben ohne Kenntnis von Beethovens "Neunter"? Undenkbar. Unmöglich. Was heißt "undenkbar" und "unmöglich"? Unlebbar wäre Musikfreunds Leben ohne die Kenntnis von Beethovens "Neunter".

Tatsächlich? Das ist die Frage.

Die Aufstellungen solcher Fixpunkte heißen "Kanons". Und nichts machen Literatur- und Musikkritiker, fallweise Fachzeitschriften und mitunter Zeitungen lieber, als solche Kanons aufzustellen.

Ob eine Corona-Nebenwirkung oder selbst ein grassierendes Geistesvirus: Auf YouTube fühlen sich seit einiger Zeit, neben Krethi und Plethi, auch berufene Musik- und Literaturkritiker berufen, Kanons aufzustellen. Manch ein Kreter liegt dabei recht gut, und auch manch ein Philister versetzt in entzücktes Erstaunen. Selbst Markus Gasser, der enthusiastischste Leseverführer seit der Erfindung des Buchdrucks und selbst Autor von Rang, überlegt den Wert solcher Kanons. Vorschläge erbeten.

Aber die Grundfrage bleibt doch: Was soll’s?

Nämlich: Wozu derartige Kanons? Soll doch jeder lesen, was er mag! - Oder soll, sollte, gar: muss man diverse Fixpunkte von Literatur und eventuell auch Musik absolviert haben, um sich von der Mikrobe zum Menschen erheben zu können?

Zu viele Bücher für ein Leben

Es ist ein Jammer: Es wird so viel geschrieben, dass ein paar Leben nicht ausreichen. Und wenn einem die Lebenszeit, die man gerade in H. P. Lovecrafts "Berge des Wahnsinns" investiert, dann für die letzten Kapitel von Dostojewskis "Schuld und Sühne" fehlen sollte?

Also: Was muss man gelesen haben?

Vielleicht ist die Frage ja prinzipiell falsch. Immerhin könnte es sein, dass es etwas wie einen Kanon der Literatur und der klassischen Musik gar nicht gibt, sondern dass er literaturwissenschaftlichem respektive musikwissenschaftlichem Wunschdenken entspringt.

Die Welt dreht sich doch tatsächlich weiter, selbst wenn man Goethes "Faust" nicht gelesen hat. Nur selbst ist man um ein Vergnügen ärmer.

Oder gehört der "Faust" so zur Allgemeinbildung wie die Grundrechenarten? - Ja, schon. Aber die Grundrechenarten helfen einem, beim Billa herauszufinden, welche Spaghetti die preisgünstigsten sind, während man den Alltag - den Alltag, bitteschön - ohne Goethe bestreiten kann. Unterhaltung findet manch einer schließlich auch beim "Bergdoktor". Ist halt eine Frage des Geschmacks.

Oha - das Stichwort: "Geschmack". Der Geschmack ist ein Mistviech, denn er regiert in alles hinein, was nicht durch Zahlen und Messungen objektivierbar ist.

Bestsellerlisten etwa sind zahlenbasiert: An erster Stelle steht das meistverkaufte Buch. Über dessen Qualität sagt das rein gar nichts aus. Denn dass Nele Neuhaus’ Krimi "In ewiger Freundschaft" eventuell nicht ganz das Niveau von Dantes "Göttlicher Komödie" erreicht, darf vermutet werden.

Und doch haben Kanons auch mit dem Geschmack der sogenannten breiten Masse zu tun. Es setzt sich bei literarisch interessierten Menschen (und nur solche schicken ihre Geschmacksurteile an die Kanon-Ersteller) eben doch ein gewisses Niveau durch, wenngleich auch sie mitunter auf diese "Das-muss-man-gelesen-haben"-Literatur hereinfallen, zumal, wenn sie mit pseudophilosophischen Naseweisereien daherkommt. So landen dann halt auch "Der kleine Prinz" und irgendein Roman von Paulo Coelho im Kanon.

Solange dort aber ebenso Goethes "Faust", zumindest ein Shakespeare-Drama, ein Tolstoi-Roman, ein Thomas-Mann-Roman, Homer und die Bibel vorkommen, ist die Literatur nicht verloren.

Die Bibel? - Unbedingt. Aber nicht aus religiösen Gründen. Erzählung in Form von Novellen und Kurzgeschichten, die durch einzelne Personen und historische Hintergründe verbunden sind, samt essayistischer und gedichtartiger Einschübe - das ist doch schon rein formal außerordentlich. Und wegen der Religion: Es soll Leser geben, die sich an Homer ergötzen und sich dennoch weder einem Zeus- noch einem Pallas-Athene-Kult verschrieben haben.

Halt - da ist ein Fehler in Entstehung. Zwischen den Zeilen (nein, mitten in den Zeilen) stehen da auf einmal ganz persönliche Vorschläge für einen Kanon. Dabei geht es nicht um die Frage, was in einem Kanon stehen soll, sondern ob solch ein Kanon, über einen gewissen unterhaltenden Erregungswert hinaus, sinnvoll ist.

Nur nicht Musil lesen!

Immerhin hat somit aber der Schwenk zu den persönlich aufgestellten Kanons erfolgt: Marcel Reich-Ranicki ist für seinen der Überheblichkeit geziehen worden, Dennis Scheck ebenso - nur dass er einen Anti-Kanon geliefert hat: Bücher, die man keinesfalls lesen soll.

Was eine diesmal wirklich nicht intendierte Gegenwirkung hat. Naturgemäß nämlich liest man gerade diese Bücher. Trick des Deutsch-Mittelschullehrers: "Den ,Törleß‘ vom Musil lest’s bitte nicht, die Sauereien sind noch nichts für Euch." Drei Wochen später: "Also, diskutieren wir einmal über den ,Törleß‘, ich denke, Ihr habt’s das alle gelesen." Oh ja, und ob! Ein Jammer, dass Dennis Scheck nicht Kurt Petsche als Deutschlehrer hatte. "Lesen Sie keinesfalls den ,Faust‘, Sex und Schwarze Magie haben noch nie große Literatur ergeben." - Das wär’s gewesen.

Individuelle Kanons sind freilich auch die reizvolleren: Da wagt es einer, der sich für qualifiziert hält, ein Bekenntnis abzulegen. Sag mir, was Du liest, und ich sage Dir, wer Du bist. Wäre bei einem individuellen Markus-Gasser-Kanon ein Lovecraft dabei und auch ein Stevenson und vielleicht auch ein Čapek und ein Hašek? Und (weil Kanons auch zeitbezogen sind und nicht nur die alten und uralten Sachen à la Homer, Shakespeare, Goethe, Schiller, Kafka und dergleichen enthalten sollen, können, dürfen) am Ende gar auch ein Daniel Kehlmann, ein Christoph Ransmayr, ein Robert Seethaler und eine Olga Tokarczuk?

Der Kanon als Tippliste

Ganz unter uns (und ja nicht weitersagen, bitte): Natürlich sind Kanons Quatsch. Jeder soll lesen, was er mag. Wenn einer an der Pilcher Vergnügen findet, ist das besser für das geschriebene Wort, als wenn sich ein anderer durch "Krieg und Frieden" quält, weil "Krieg und Frieden" eben dazugehört (wozu eigentlich? - Stichwort Allgemeinbildung?) und nachher für erzählende Literatur verloren ist. Literatur- oder auch Musikkanons als Kultur-Gebote sind Unfug.

Kanons können jedoch, und das ist ihr positiver Effekt, als Listen von Lesetipps verstanden werden. Denn die Verlage sieben kaum noch aus. "Gedruckt" heißt längst nicht mehr "auf den Lesewert überprüft". Druckausgaben von Books on demand und von Bezahl-Verlagen sind mittlerweile auch im Erscheinungsbild kaum noch von Verlagseditionen zu unterscheiden. Das Gustieren in der Buchhandlung kann, zumal wenn diese mehr Buch-Supermarkt als Fachgeschäft ist, Irrtümern freie Bahn lassen.

Wer aber ernsthaft Kanons als Gebote erstellt, dem kann der Lesehungrige ruhigen Gewissens mit Atheismus begegnen.