Gerhard Roths letzter Roman heißt "Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe". Er ist eine Reise in ein Venedig von märchenhafter Schönheit und todestrunkenen Abgründen. Fast ein Krimi ist dieser Roman. In den Buchhandlungen liegt er fast druckfrisch auf, 2021 erschienen, Hardcover. Bis zuletzt hat Gerhard Roth gearbeitet. Geschrieben. Erzählt. Am Abend des 8. Februar ist der große österreichische Autor in seiner Heimatstadt Graz gestorben.

Roth, am 24. Juni 1942 als zweites Kind eines Arztes und einer Krankenschwesternschülerin in Graz geboren, brach ein Medizinstudium ab, um als Schriftsteller zu arbeiten. Zuerst arbeitete er freilich noch als Organisationsleiter im Rechenzentrum Graz. Es war mehr als nur ein Job: 1971 veröffentlichte er mit Bernhard Lernpeiss als Ko-Autor eine Einführung in die elektronische Datenverarbeitung. 1972 trat Roth dem Forum Stadtpark bei.

1976 vollzieht Roth einen radikalen Schnitt: Er trennt sich von seiner Frau, zieht mit seiner neuen Lebensgefährtin Senta Thonhauser (die er 1995 heiratet) von Graz weg in die Südsteiermark und beginnt ein Leben als freier Schriftsteller.
Zum engsten Kreis um Gerhard Roth gehören Wolfgang Bauer, Gerhard Rühm, H. C. Artmann und Alfred Kolleritsch.
Mit Blick auf Roths eigenes Schaffen verwundert das – doch Freundschaften bedeuten nicht automatisch künstlerische Parallelen.

Vom Schreiben besessen

Während Bauer, Rühm, Artmann und Kolleritsch mit der Sprache experimentieren, geht es Roth vor allem um etwas anderes: Als einen "vom Schreiben im besten Sinne Besessenen" bezeichnet er sich selbst. Er hätte statt "Schreiben" auch "Erzählen" sagen können.
Selbstverständlich lässt sich literaturwissenschaftlich ein Roth-Hauptdarsteller konstruieren, ein Mensch, der sich abmüht, oft vergebens, und an der Welt an sich leidet. Ebenso könnte man viele von Roths Romanen dem Typus des Kriminalromans zuordnen. Doch Roth nützt dessen Versatzstücke und Handlungselemente lediglich, um seinen Erzählfluss zu legitimieren. Die Aufdeckungen von Zusammenhängen sind erst in zweiter Linie interessant.

Die Beobachtungen anfangs unerklärlicher Vorgänge und die kriminellen Taten sind bei Roth vor allem Auslöser für Reisen in Abgründe. Damit nützt Roth zwar das Modell des Kriminalromans, geht über dessen primär unterhaltende Wirkung aber weit hinaus. Nicht von ungefähr nennt er einen acht Bücher umfassenden Roman-Zyklus "Orkus", einen anderen mit sieben Büchern "Die Archive des Schweigens".

Literarisches Attentat

Roth ist ein Autor, der kontinuierlich präsent ist, der aber in der Aufmerksamkeit nie in der ersten Reihe steht. Er ist keiner der Lauten, keiner, der von seinem Verlag laut gemacht wird.

Nur ein Mal verursacht Roth einen Skandal – der aber hat sich gewaschen und führt sogar zu einer Auseinandersetzung im Parlament: Im Roman "Der See", dem ersten des "Orkus"-Zyklus wird ein Attentat auf einen populistischen Politiker verübt. Der "Hoffnungsmann" trägt deutlich die Züge des damaligen FPÖ-Obmanns Jörg Haider.
"Wenn die Demokratie in Gefahr ist, ist das Nachdenken über ein Attentat immer aktuell", argumentiert Roth, und: "Dieser Hoffnungsmann ist ein Populist, der Stimmungen ausnutzt und von den Kameradschaftsbündlern mit dem jungen Hitler verglichen wird. Dass das Attentat misslingt, ist auch kein Zufall. Es sind ja auch alle Versuche gescheitert, Hitler zu töten."

Die FPÖ richtet am 7. April 1995 eine wutschäumende Anfrage an den damaligen Kulturminister Erhard Busek. Als ob ein Kulturminister einem Autor seine Themen und einem Verlag seine Veröffentlichungen vorschreiben könnte. Die Partei geht in Roths Falle, die ursprünglich so gar nicht gemeint war, und die lautet: "Wie hältst Du es mit Bücherverboten?"

Feuilleton und Stammtisch haben wochenlang ein Thema: Darf ein Autor auf einen lebenden Politiker ein literarisches Attentat verüben? Darf das Buch, wenn sich die Anhänger des Politikers verletzt fühlen, verboten werden? Zumal Roth immer wieder mit dem Finger in den Wunden der Vergangenheit bohrt: "Die Archive des Schweigens" handeln nicht nur, aber auch vom Zuschweigen nationalsozialistischer Verbrechen und einer neuen Rechtsdrift infolge des Fehlens einer korrigierenden Erinnerungskultur.

Venedig, Schwester Wiens


In seinen letzten Romanen "Die Irrfahrt des Michael Aldrian", "Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier" und "Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe" erkundet Roth dann eigentümlich vernebelte Kriminalhandlungen in einem Venedig, das in seiner Todesseligkeit die Schwesterstadt von Roths Wien in "Die Stadt" wird.

Roths Stimme, bildgewaltig, atmosphäredicht und psychologisch präzise, ist für immer verstummt. Es wird nicht lange dauern zu erkennen, dass Österreich in ihm einen der bedeutendsten und, ja, es gehört dazu: spannendsten Erzähler der Literatur nach 1945 hatte: Gerhard Roths Werk wird bleiben.