So kann man sich täuschen. Da dachten viele, mit dem Verschwinden der letzten Zeitzeugen und Holocaust-Überlebenden würden die NS-Herrschaft und ihre Menschheitsverbrechen immer mehr in Vergessenheit geraten oder zumindest zu so etwas wie "normaler" Geschichte werden (vergleichbar etwa dem Dreißigjährigen Krieg). Wie sollte sich angesichts dessen die Lehre vom "Nie wieder!" aufrechterhalten lassen, wenn die Schrecken der Judenverfolgung und -vernichtung nicht mehr von Menschen verkörpert werden, die sie am eigenen Leib erfahren haben?

Diese Sorgen, so scheint es, sind unbegründet. Denn eine jüngst veröffentlichte Studie der Arolsen Archives kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Die 16- bis 25-Jährigen in Deutschland haben größeres Interesse an der NS-Geschichte als ihre Elterngeneration. Und vor allem betrachten sie dieses Wissen als nützlich für die Gestaltung der Zukunft.

Auch Joséphine Popper gehört dieser Generation Z an. Und so ist sie es, die ihren Vater Serge sowie Onkel Jean und Tante Nana - das "geschichtsvergessene, ungezwungene Trio" - dazu überredet oder fast schon nötigt, gemeinsam das KZ Auschwitz zu besuchen. Die Poppers sind ungarischstämmige Juden, Sprösslinge von Holocaust-Überlebenden, und leben schon lange in Paris, doch zahlreiche ihrer Verwandten sind der Shoah zum Opfer gefallen. Und während den drei Popper-Kindern - alle so um die 60 - die jüdische Herkunft bisher reichlich egal war, befindet sich die Enkelin in einer "Identitätskrise" und will deshalb unbedingt im Vernichtungslager nach ihren Wurzeln suchen.

- © Hanser
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Der gemeinsame Besuch in Polen nimmt nur einen kleinen Teil von Yasmina Rezas neuem Roman "Serge" ein, bildet aber so etwas wie den Nukleus der Erzählung. Denn zum einen zeigt Reza mit feinem Humor die Absurditäten dieses Erinnerungstourismus auf. Das fängt schon bei der Unterkunft an. "Nur wenige Hotels stehen an Bahngleisen, die zu einem Vernichtungslager führen. Eines davon, ein kleines leeres unkrautüberwuchertes Gleis zwischen zwei Mäuerchen, führte direkt unter unserem Zimmer vorbei."

Und es setzt sich beim eigentlichen Lagerbesuch fort. Joséphine kann es kaum fassen, dass es an diesem Ort des Grauens auf den Toiletten einen Wickeltisch gibt - "Glaubst du, hier kommen Leute mit Babys her?" -, durch die ehemaligen Gaskammern schieben sich Besucher in Shorts und Blümchenkleidern, Onkel Serge schwitzt ordentlich in seinem viel zu warmen Anzug, "aber in Auschwitz werd ich mich nicht beklagen". Und überall und ständig wird fotografiert.

Zum anderen zeigt dieser Besuch wie in einem Brennglas, was dieses Buch eigentlich ist: ein Generationenroman. Die Elterngeneration, die so etwas wie eine multikulturelle Vergangenheit verkörpert, stirbt allmählich weg; deren Kinder, für die paradigmatisch der titelgebende Serge steht, sind mit eigenen Gegenwartsproblemen - Beziehungen, Beruf, Gesundheit - beschäftigt; und die Jungen suchen nach einer wie auch immer gearteten Identität für die Zukunft, die sie in ihrer Familiengeschichte zu finden hoffen.

Wohlwollend könnte man sagen, dass diese "Ortlosigkeit" der mittleren Generation sich in der formalen Gestaltung des Romans widerspiegelt. Er hat etwas Unstetes, ziellos Mäanderndes, wenn man will: Unkonzentriertes; die Charaktere bleiben ziemlich blass (besonders der Erzähler Jean, dessen Ich-Perspektive sich immer wieder mit einer allwissenden vermengt); und selbst die angeblich messerscharfen Dialoge, für die die Dramatikerin Reza ("Drei Mal Leben", "Der Gott des Gemetzels") bekannt ist, wirken mitunter seltsam bemüht und steif.

Es sind kleine Szenen, einzelne Sätze, die immer wieder aufleuchten in diesem Buch, das bei allem romanhaften Spiel mit der Erinnerungskultur zu diesem Thema nichts wirklich Substanzielles beizutragen hat. "War dieses Auschwitz wirklich nötig?", fragt Serge irgendwann, als sie wieder in Paris sind. Das ist ein wahrhaft abgründiger, schillernder Satz. Er lässt sich nur leider auch gegen den Roman selbst wenden.