August Becker ist als Pressefotograf eine Koryphäe, ja ein Star. Zwar zwingen die ökonomischen Probleme der Medienbranche auch ihn, kürzerzutreten, und er weiß nicht, wie er seinem schwulen Sohn Tim das begehrte Wirtschaftsstudium an der Harvard-Universität finanzieren soll. Sein Ruf in der Branche aber ist nach wie vor unbeschadet.

Augusts wichtigster Auftraggeber ist das liberale Magazin "Forum", seine ständige Arbeitspartnerin die Redakteurin Selma Kaltak. Selma ist in den 90er Jahren als Flüchtlingskind aus Bosnien nach Österreich gekommen. Mit Abscheu und Sorge verfolgt sie den Aufstieg des Rechtspopulisten Ulrich Popp, der mit Attacken gegen insbesondere moslemische Migranten, die "selbsternannte Elite" und unabhängige Medien mit rapid zunehmendem Erfolg auf Stimmenfang für die bevorstehende Wahl geht.

Seit Selma in einem Artikel Popps grölenden Anhängern "ausgefressene Selbstzufriedenheit", "Lust aufs Unfeine", "Hässlichkeit und Gehässigkeiten" attestiert hat, ein "Gemeines", das sich "in jeder Faser und den fettigen Strähnen" zeige, wird sie von dem Demagogen bei Wahlkampfveranstaltungen öffentlich vorgeführt, von seinen Fans bespuckt, beschimpft, im Netz bedroht.

Ein Schnappschuss

August begleitet Selma für einen Bericht zu Popps Wahlkampf-Provinztour. Dort naturgemäß auf viele Medien-Kolleginnen und -Kollegen treffend, beginnt er eine Affäre mit Marion Ettl, die als Kolumnistin in der rechten Gratis-Boulevard-Gazette "Total" als eine Art liberales Feigenblatt agiert. Da Marion den sprichwörtlichen guten Draht zu Popp hat, lernt auch August den Politiker persönlich kennen und muss sich eingestehen, dass dieser privat auch sympathische, einfühlsame Seiten offenbart und außerdem sein fotografisches Werk schätzt.

- © Suhrkamp
© Suhrkamp

"Ich wollte als Bub immer nur Fotograf werden. Das war mein Jugendtraum. Zuerst ging es nur darum, die Mädels vor die Kamera zu kriegen. Aber dann wollte ich vor allem Menschen porträtieren", sagt Popp in einigermaßen entlarvender Diktion zu August. Gerne würde er, lässt er den Fotokünstler wissen, ein Bild von ihm erwerben.

Bei einem Volksfest erwischt August den stets gute Laune zur Schau stellenden Popp mit der Kamera beim Bieranstich in genau dem Bruchteil einer Sekunde, als diesem das Gesicht entgleist, "die Augen weit aufgerissen, der Blick stier, der Mund verzogen vor Anstrengung". Doch just dieses ausdrucksstarke Bild will das "Forum" nicht am Titelblatt haben.

In seiner Enttäuschung entsinnt sich August des Angebots Popps und überschreibt diesem das Bild zur freien Verwendung. Kurz danach langt eine große Geldsumme auf seinem Konto ein - genug, um dem Sohn das Studium zu finanzieren. Als dann allerdings Popp das Bild als Sujet für eine martialische Plakatkampagne verwendet und dadurch einen riesigen Wahlerfolg einfährt, ist August in liberalen Kreisen Persona non grata und wird in sozialen Medien als Überläufer diffamiert.

Kommt hier vieles bekannt vor? Genau das ist das Problem. Tragende und abrundende dramaturgische Teile des Romans bilden einfach eins zu eins reale Figuren und Aufreger der letzten Jahre ab: Selmas Polemik gegen Popps Anhängerschaft repliziert, wie die "profil"-Journalistin Christa Zöchling FPÖ-Anhänger als "die hässlichsten Menschen Wiens" beschrieben hatte: "ungestalte unförmige Leiber, strohige, stumpfe Haare, ohne Schnitt". Nachgerade unmöglich ist, den gegen Minderheiten, Künstler und Intellektuelle hetzenden Kolumnisten mit rotem Gesicht, schulterlangem wolfsgrauen Haar und Zigarre nicht als "Krone-Postler" Michael Jeannée zu identifizieren.

Wie "Staatsaufträge und Beteiligungen an heimischen Firmen im öffentlichen Besitz" einem skrupellosen, offensichtlich aus Russland stammenden Geschäftsmann versprochen werden, haben wir alle per Videoaufzeichnung aus einer lauschigen Finca auf Ibiza nachverfolgt. Und das "neue Online-Boulevardmedium", das die Wohngegend missliebiger Journalisten bekanntgibt, ist unverkennbar das rechte Portal "Exxpress", das genau das bei "Falter"-Chefredakteur Florian Klenk getan hat.

Populisten-Klischee

Weniger eindeutig zuzuordnen ist zwar das Vorbild des Ulrich Popp, der gewisse Ähnlichkeiten mit Jörg Haider zu haben scheint, sich aber äußerlich und in biographischen Details von diesem unterscheidet. Diese leichte Unschärfe ist indes belanglos, da die Figur des rechtspopulistischen Agitators bereits zur Folklore tagespolitischer Fiktion gehört: Sie hat ihre klar umrissenen Eckpunkte, innerhalb derer aber kann beliebig variiert werden.

Viel rüdes Social-Media-Gefasel und Geschwätz aus der Medien-Szene tragen das maßgebliche Ihre dazu bei, den Roman in kolportagehafter Trivialität zu ersticken. Klischees in Debatten, die übrigens häufig und nicht zum Vorteil der sprachlichen Stringenz von der direkten Rede in den Konjunktiv abdriften, machen die Sache auch nicht besser.

"Du lebst in der Vergangenheit, Alter", lässt da Tim etwa seinen Vater wissen und wirft ihm - besonders "originell" - vor, das Internet verschlafen zu haben. Es ist unter solchen Prämissen fast schon ein lustiger Effekt, wenn in Diskussionen gebetsmühlenartig wiedergekäut wird, Popp stelle die richtigen Fragen, er habe nur die falschen Antworten.