Hüseyin hat sein ganzes Leben lang geschuftet. In der Metallfabrik in Deutschland, als Gastarbeiter, wie es damals hieß. Mit dem ersparten Geld hat er für seine Familie jetzt eine Wohnung in Istanbul gekauft. In einem Haus ohne Lift - wie er da täglich mit seinen von der jahrelangen Plackerei ruinierten Knochen hinaufkommen soll, hat er sich gar nicht überlegt. Muss er aber gar nicht - er stirbt nämlich quasi auf der Türschwelle der Wohnung, noch bevor er sie seiner Familie überhaupt zeigen kann. 30 Jahre war Hüseyin für die deutsche Gesellschaft kein Mensch, sondern eine Maschine - und nun ist sie halt kaputt. Mit dieser
brutalen Szene steigt Fatma Aydemir in ihren Familienroman "Dschinns" (Hanser) ein. Sie zeichnet ein vielstimmiges Panorama der Einwanderungsgesellschaft mit Ablaufdatum in den 80ern und 90ern und welche Probleme sich daraus ergaben. In einem rasanten Stil, der schon ihr gefeiertes Debüt "Ellbogen" ausmachte. Mit der "Wiener Zeitung" sprach Aydemir über die subtile Angst vor Brandanschlägen, Istanbul als ambivalenten Sehnsuchtsort und die Trauer um die Türkei.

"Wiener Zeitung": Die meisten popkulturell gebildeten Menschen kennen einen Dschinn aus dem Disney-Aladdin. Damit haben Ihre "Dschinns" aber wenig zu tun, oder?

Fatma Aydemir: Ja, der Mythos ist sehr alt, der Koran ist an Menschen und Dschinn adressiert, aber die Figur des Dschinns ist älter als der Koran. Das sind sozusagen Wesen, die unter uns leben, aber unsichtbar für uns sind. Es ist immer noch viel Aberglaube, der je nach Ort und Kontext wechselt, mit Dschinns verbunden. Zum Beispiel, dass man sich einen Dschinn einfangen kann, der dann Dinge mit einem anstellt, einen verrückt macht. Ich fand das interessant für die Geschichte dieser Familie in meinem Roman, in der sehr viel Schweigen herrscht, unsichtbare Wahrheiten immer im Raum stehen, aber nicht ausgesprochen werden.

Wie in Ihrem ersten Buch "Ellbogen" spielt auch hier Istanbul eine wichtige Rolle, eine Art Flucht-/Sehnsuchtsort, der doch nur Verderben bringt...

Ich scheine eine komplizierte Beziehung zu dieser Stadt zu haben... Es gibt schon viele Menschen, für die Istanbul ein Sehnsuchtsort ist. Es ist eine interessante, wahnsinnig alte Stadt, und gleichzeitig glaube ich, dass Istanbul bei vielen Menschen für Untergang und Verzweiflung gesorgt hat - weil es auch eine raue und schonungslose Stadt ist. Im Buch ist es ja auch ein Transitort, Hüseyin war da nur ein paar Tage auf dem Weg nach Deutschland. Weil er sich nicht an seine eigentliche Heimat, dieses Dorf, mit dem so viel Belastendes verbunden ist, zurücksehnt, träumt er von Istanbul, das er eigentlich gar nicht kennt. Es ist wie ein Versprechen auf ein besseres Leben.

Heimatgefühl ist ein sehr kompliziertes Thema. Hüseyin und seine Frau Emine leben ihr Leben in Deutschland ja wie ein Provisorium, das aber doch über einige Jahrzehnte hinweg...

Da ist auf der einen Seite das Fremdbleiben in Deutschland und auf der anderen die Entfremdung zu dem, was mal Zuhause war. Für die erste Generation der Arbeitsmigrantinnen war ein Ankommen in Deutschland gar nicht möglich, das war vertraglich als etwas Temporäres angelegt. Es gab auch keine Möglichkeit, in der Gesellschaft anzukommen, es wurde die ganze Zeit nur gearbeitet und gespart für ein späteres Leben. Und von deutscher Seite gab es keine großartigen Bemühungen, diese Leute zu integrieren. Sprachkurse waren nicht zugänglich für alle, das Leben beschränkte sich auf bestimmte Bezirke, meist um die Fabriken, weit weg vom Zentrum.

Politische Fehler, die damals gemacht wurden, wirken heute nach?

Natürlich sind viele Fehler gemacht worden damals, nicht nur während des Anwerbens, sondern auch später, als klar war, dass diese Menschen bleiben werden. Anfang der 80er hat der Staat ja versucht, sie mit Prämien zurückzuschicken, einige haben das Geld genommen und sind gegangen. Aber viele sind geblieben, und es hat sehr lange gedauert, bis politisch darauf reagiert wurde. Schon in den 80ern gab es rechtsextreme Angriffe auf Migranten und Migrantinnen und die politische Rhetorik machte sie unentwegt zu Anderen.

Wie viel davon schleppt Ihre, die Enkelgeneration, noch mit sich herum?

Einiges. Aber der Unterschied ist: Wir sind hier sozialisiert, in der deutschen Sprache und Gesellschaft, wir haben einen viel selbstverständlicheren, wenn auch immer noch erschwerteren Zugang zu Bildung, wir arbeiten teilweise in guten Jobs. Das heißt nicht, dass Deutschland nicht weniger rassistisch geworden ist, der Täter des rechtsextremen Anschlags in Hanau 2020 hat neun Menschen allein ihrem Aussehen nach als Migranten und Migrantinnen markiert und ermordet. Aber es gibt in meiner Generation mehr Bewusstsein dafür, Rassismus zu benennen und sich damit auseinanderzusetzen. In der Mehrheitsgesellschaft entsteht dagegen ein gewisses Unbehagen, es heißt oft: "Schon wieder Rassismus, ihr habt doch schon alles" - aber wir haben eben auch endlich die Sprache für diese Diskussion. Viele aus der ersten Generation hatten das nicht.

Das Misstrauen und die Angst in den eigenen vier Wänden in der Zeit der Brandanschläge in den 90ern spielt auch eine Rolle in "Dschinns".

Ich war in den 90ern ein Kind, habe also eine beschränkte Perspektive, aber das ist eine Sache, an die ich mich sehr gut erinnern kann. Dass nach den Anschlägen von Mölln, Solingen, Lübeck immer eine subtile Angst da war, dass man erleichtert war, wenn man in einem Haus lebte, wo nicht nur Ausländer wohnten, weil man sonst direkt zur Zielscheibe wurde. Es gab Brandanschläge, die nie geklärt wurden, es gibt einige Geschichten in diese Richtung. Die Brand-Szene in meinem Buch erzählt viel von der Energie dieser Zeit, die allgegenwärtige Angst. Natürlich werden die 90er sehr unterschiedlich erinnert. Etwa für Leute, die damals in der Antifa waren, war das ein schreckliches Jahrzehnt, das von sehr viel Gewalt geprägt war. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die die 90er sehr nostalgisch betrachten und meinen, man sei weniger einsam gewesen in dieser vordigitalen Welt. Das würde ich nicht sagen. Das ist bloß eine andere Form von Einsamkeit, wenn es keine Möglichkeit gibt, übers Netz Gleichgesinnte zu finden, wenn man zum Beispiel mit 15 alleine schwul auf dem Land ist und mit niemandem sprechen kann, ohne dafür beschämt und bestraft zu werden.

Im Roman fällt der Satz "Assimilation ist das Gegenteil von Geschichte" - mag das auch eine Erklärung dafür sein, dass die ersten Arbeitsmigranten und -migrantinen nicht richtig in Deutschland ankamen?

Das ist ja eine Familie, die schon in der Türkei durch eine Assimilation gegangen ist. Unterdrückung äußert sich je nach Kontext ganz unterschiedlich. In Deutschland mag die Familie darunter leiden, dass sie so abgeschieden ist und zurückgeworfen auf sich selbst ist. In der Türkei wird ihnen gesagt: Euch gibt es nicht, es gibt keine kurdische Sprache, es gibt keine Kurden, ihr seid Türken, ihr sprecht türkisch und damit Schluss. Und wenn ihr was anderes behauptet, dann ist es ein Problem.

Wie ist Ihre persönliche Beziehung zur Türkei und ihrer politischen Situation?

Bis vor sechs Jahren habe ich viel Zeit in der Türkei verbracht, ich hatte viele Freunde vor allem in Istanbul. Die sind alle weg aus der Stadt. Die, die einen Pass oder ein Visum haben, sind im Ausland, diejenigen, die diese Möglichkeiten nicht haben, sind irgendwo im Land verstreut, in kleinen Orten, wo sie ihre Ruhe haben und nicht viel Geld brauchen zum Leben. Ich würde gern etwas total Hoffnungsvolles sagen, aber ich merke mit jedem Jahr, das vergeht, dass die Situation immer nur starrer und enger wird. In den deutschsprachigen Medien ist das ja kaum mehr Thema, wie es um Menschenrechte und Meinungsfreiheit in der Türkei steht, das war ja vor ein paar Jahren noch anders. Ich habe das Gefühl, viele Leute denken, das wäre nicht mehr so schlimm, aber eigentlich hat sich alles nur noch zugespitzt. Bloß, dass wir nicht mehr hinschauen.