Politiker soll man nicht mit Tieren vergleichen, findet Michael Köhlmeier. Was können schließlich die Viecher dafür? Dass er tierlieb ist, beweist der große Vorarlberger Literat mit seinem neuen Buch: "Dr. Melchiors lustige Tiere" ist eine Sammlung humorvoller Tiergedichte, die ein Familienwerk darstellt. Denn die Bilder zu Köhlmeiers Texten hat sein Sohn Lorenz Helfer gemalt.

Die Kooperation war Köhlmeiers Weihnachtsgeschenk an seinen Sohn, wie er im APA-Interview verrät. "Er ist Maler und schenkt uns immer Bilder. Ich hab ihm vor einigen Jahren diese hundert Vierzeiler geschenkt. Es war dann seine Idee, daraus ein Buch mit Illustrationen zu machen. Ich hatte großes Vertrauen zu ihm, dass er schon das Richtige dazu malt." Die Gedichte hat er parallel zu seinem jüngsten Roman "Matou", der übrigens ebenfalls eine heiter-ironische Liebeserklärung an Mensch und Tier ist. "Da war das zwischendurch schön. Ich wollte etwas Leichtes, etwas Heiteres machen. Ich habe ja schon so viel Schweres geschrieben", so der Autor. Ihm selbst haben es übrigens vor allem Raben und Katzen angetan. Die einen streichelt er gern, mit den anderen spricht er auf seinen Spaziergängen am Alten Rhein: "Früher flogen sie weg, jetzt bleiben sie stehen. Ich rede dann mit ihnen. Dieses Vertrauen ist etwas, das mich sehr rührt." Und selbst "Stinkekäfer", die in sein Arbeitszimmer geraten, werden behutsam durchs geöffnete Fenster wieder hinauskomplimentiert erzählt er. Weil sie ja nichts dafür können. Seine Zuneigung zum sogenannten Ungeziefer findet sich auch in Köhlmeiers neuem Buch wieder. Wobei, eigentlich ist ihm Geziefer lieber.

Künstlerisches Schaffen liegt in der Familie. Auch Michael Köhlmeiers (r.) Ehefrau Monika Helfer ist Schriftstellerin. 
- © apa / dpa / Sebastian Gollnow

Künstlerisches Schaffen liegt in der Familie. Auch Michael Köhlmeiers (r.) Ehefrau Monika Helfer ist Schriftstellerin.

- © apa / dpa / Sebastian Gollnow

Was nun den titelgebenden Dr. Melchior betrifft, so ist dieser, was auch immer sich seine Leser darunter vorstellen mögen. Köhlmeier will da die Grenzen nicht zu eng setzen. Er selbst denkt an "einen fahrenden Entertainer mit einem fiktiven Zirkus" – fiktiv deshalb, weil er Zirkus mit echten Tieren nicht so mag. In seinem Buch kommen natürlich auch Mensch-Tier-Vergleiche vor, aber keine so plumpen wie in der "korrupten Geldverschieberei", die er in den jüngst ins Gerede gekommenen Politikerumfragen sieht. "Wenn ich mir vorstelle, ich hätte dasselbe Geld für mein schmales Bändchen bekommen - aber das bekomme ich ja nicht. Dabei habe ich viel mehr Tiervergleiche drin!" Und das schon im ersten Vierzeiler: "Mir kommt die Fauna seltsam vor: Drum frag ich Doktor Melchior. Der zeigt mir alle Viecher her, als ob er selber eines wär." 

Sohn Lorenz Helfer wiederum malt - nun auch im Buch des Vaters. 
- © Nina Broell

Sohn Lorenz Helfer wiederum malt - nun auch im Buch des Vaters.

- © Nina Broell

Sein Dr. Melchior ist jedenfalls mit einer ganzen Menge Tiere unterwegs, die in hundert kurzen Gedichten vorgestellt werden, und zwar lebende wie ausgestorbene. Letztere, die Dinosaurier nämlich, haben viel mehr Aroma im "Seich" als ein Fliegenschiss, wie Köhlmeier feststellt. Wir sehen schon, es geht teilweise recht ordinär zu in seinen Reimen. Da kommt auch ein roter Pavianpenis vor oder eine Katze, die sich ihren Anus leckt. 

Aber keine Angst, er bleibt stets politisch korrekt. Und die meisten Gedichte sind auch nicht so derb, sondern einfach nur unterhaltsam. Köhlmeier vergleicht zum Beispiel die Haltung von Spatz und Walross als Haustier, erklärt, warum der Engerling so heißt, lässt einen Frosch einen Engel sehen, der in Wahrheit ein Storch ist, oder stellt fest, dass Nashörnern beim Küssen ihr Horn im Weg ist, und bewundert Stier und Affe. Und er erzählt von einem Drachen, der das Rauchen aufgegeben hat und stattdessen jetzt Raucher beißt. Und es wird auch sehr literarisch, weil nämlich auch Heinrich Heine, Bert Brecht oder Thomas Mann zu Ehren kommen.

Die Gedichte, in denen er sich auch und vor allem an den Großen und Starken abarbeitet, während ihm die Kleinen und Schwachen am Herz liegen, sind so vielfältig wie die Tierwelt selbst. Und es muss sich auch nicht immer alles ganz gerade reimen. Ein bisschen Hatschen und Hinken ist erlaubt. Gerade dias beim Dichten weit verbreitete "Reim dich oder ich schlag dich" nimmt Köhlmeier genussvoll aufs Korn, wenn er zum Beispiel darüber sinniert, ob der Hecht nur deshalb als ehrlich erscheinen, weil er sich auf echt reimt. Oder in Sibirien ein namenloses Tier erfrierien lässt. Dem Gnu wiederum schreibt er seinen kurzen Namen aufgrund seines ebensolchen Lebens zu. Er bastelt auch hingebungsvoll Wortspiele, etwa über einen Salam, der kein anderer sein will, einen Mann, der vor dem Taubenschlag darauf wartet, dass ihn eine Taube schlägt, oder Schweine, die igeln, und Igel, die schweinen. Außerdem geht er der Frage nach, wie das Bellen in die Libellen kam.

Hundert Vierzeiler von Michael Köhlmeier bedeuten hundert Gründe zum Lachen. Man sollte sie nur vorher selbst lesen, bevor man den Nachwuchs damit beglückt, sonst gibt es aunangenehme Nachfragen - aber auf jeden Fall schallendes Gelächter im Kinderzimmer. Letztlich ist es aber wohl eigentlich kein Kinderbuch, sondern durchaus an humorvolle ältere Semester gerichtet, denn auch Lorenz Helfers mehr als dreißig Tierbilder wirken sehr erwachsen. Gemeinsam mit den Kurzgedichten seines Vaters bilden sie eine lyrisch-malerische Symbiose, wie sie sonst nur die Tierwelt hervorbringt. (apa)