Stolz herrscht das Krokodil Ben über seinen Billabong, wie die Ureinwohner Australiens die dortigen Sümpfe nennen. Ben ist der Herrscher des Wasserlochs, der Billabongkönig. Doch dann gerät seine Welt aus den Fugen, weil sie ein kleiner Vogel aushebelt, ein Krokodilwächter nämlich. Diese gefiederten Geschöpfe haben eine wichtige Funktion: Sie halten die Mäuler der Krokodile sauber. Und besagter Krokodilwächter namens Kaukasius, der beste seines Fachs, befreit Ben von einer Gräte, die so feststeckt, dass das Zannfleisch entzündet ist. Die verzweifelte Lage des Krokodils, das sich selbst nicht Linderung verschaffen kann, nutzt Kaukasius schamlos aus. Ben muss nämlich als Gegenleistung losziehen und für Kaukasius einen anderen Krokodilwächter namens Roger umbringen, der angeblich noch besser als er sein soll. Das ist infam, weil Krokodile nämlich grundsätzlich keinem Krokodilwächter etwas zuleide tun, das würde gegen das eherne Gesetz ihrer Symbiose verstoßen.

Und was tut Ben? Er tut nicht, was ihm befohlen wurde, sondern verschont Roger. Und das hat fatale Folgen für ihn. Denn Kaukasius kann diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen und bestraft Ben mithilfe der anderen Krokodile, die auf den kleinen Vogel hören. Aber sie sind nicht die einzigen, die Ben zu schaffen machen, denn plötzlich tauchen auch Fremdlinge auf, die das Revier für sich beanspruchen. Und es wird offenbar: Sie sind Teil einer großangelegten Invasion, eines Rachefeldzuges, den Roger gegen Kaukasius durchführt, und aus dem sich eine wahrhaft epische Schlacht im Billabong entwickelt, die weit über die beiden Arten hinausgeht. Auch viele andere Tiere werden in den Kampf verwickelt.

Wie es ausgeht, wird an dieser Stelle nicht verraten, nur so viel: Autor Matthias Kröners hat eine Moral in seine Geschichte eingebaut, die es in sich hat. Sein "Billabongkönig" ist ein durchaus aggressives Kinderbuch, das nicht mit - freilich kindgerecht inszenierter - Gewalt geizt. Und gleichzeitig auf einer sehr subtilen Ebene extrem perfide ist. Denn irgendwann ist der Moment da, an dem man sich dabei ertappt, dass man zumindest überlegt, ob Ben nicht doch besser Roger hätte fressen sollen.

Und vor allem ist es - abgesehen von Ben, dem eindeutigen Helden dieser Geschichte - sehr schwer festzumachen, wer nun gut oder böse ist in diesem epischen Sumpfmärchen. Beide, Roger und auch Kaukasius, haben ihre je eigenen, durchaus nachvollziehbaren Motive. Aber vielleicht sind sie auch einfach beide böse. Und was ist mit den Krokodilen, die auf dieser oder jener Seite stehen? Mit den Affen, die Ben erst einsperren und dann wieder befreien? Auch hier ist die Frage nach Gut und Böse keine einfache.

Im Kleinen eines australischen Wasserlochs exerziert Matthias Kröner durch, wie im Großen unserer Menschenwelt Kriege entstehen. Und er diskutiert auch durch, was Macht ausmacht. Wer hat sie und warum? Spoiler: Am Ende ist es noch ein ganz anderes kleines Tier, das ganz viel Macht hat, und zwar genug, um Ben zu helfen, das Ganze zu einem guten Ausgang zu bringen.

Alleine lassen sollte man Kinder mit dem Buch eher nicht, ideal ist vielleicht sogar ein begleitendes Vorlesen. Denn auch wenn die Geschichte leicht verständlich und unterhaltsam erzählt ist, spielt sich auf der Metabene doch sehr viel ab, das man besser gemeinsam bespricht. Matthias Kröners Tierbuch ist jedenfalls ein wunderbares und beeindruckendes Lehrstück über unsere Menschenwelt.