Als sie das erste Mal nach Berlin kam, war sie sehr jung - und Berlin sehr müde. "Es sah manchmal wie ein zahnloser Mund aus. Es hatte Gedächtnislücken. Die Hände konnten noch die Einschusslöcher aus dem Krieg an den Hauswänden tasten", erinnert sich Emine Sevgi Özdamar an ihren Besuch der geteilten Stadt im Jahr 1966. "Die Deutschlandtür ging auf, ich warf mich in einen Zug, ich liebte Abenteuer."

Damals konnte sie nicht ahnen, dass eines Tages, zehn Jahre später, die "Deutschlandtür" sich noch einmal neu und ganz weit für sie öffnen und dann gar nicht mehr schließen würde. Als Özdamar 1976 aus der Türkei nach Deutschland kam, war dies kein freies Hineingehen ins Abenteuer mehr. Es war das Weggehen aus einem politisch immer instabileren Land, in dem Gewalt hochkochte und das auf den Militärputsch von 1980 zusteuerte.

Düstere Warnungen

Genau hier setzt Emine Sevgi Özdamars hochpoetischer, weit in die Zeiten und Länder ausgreifender Roman "Ein von Schatten begrenzter Raum" ein: Auf einer türkischen Insel gegenüber von Lesbos, auf der die junge Schauspielerin vom Fischer bis zu den Krähen und zum bissigen Mosquito archaische Stimmen raunen hört, die sie von der Auswanderung nach Deutschland abzuhalten versuchen. "Es gibt keine Rückkehr", prophezeit ihr der Mosquito. "Wenn du auch zurückkehrst in einer düsteren Nacht, dein Gewissen wird vor dir in deiner Stadt Istanbul heimlich in eine Bucht fahren, ein aus bösen Schuldgefühlen gebautes Piratenschiff und listig auf dich warten."

Auch den Krähen vermag sie nichts entgegenzusetzen, wenn sie ihr schonungslos entgegenschreien: "Du wirst dich schämen. In den fremden Gassen, vor den fremden Wörtern ohne Kindheit wirst du dich schämen, denn in einer fremden Sprache haben Wörter keine Kindheit. Du wirst dich schämen, weil du dauernd ein Thema bist ... Morgens wirst du nicht mehr wie hier in deinem Bett aufwachen, sondern in den Zeitungen." Und glaube nicht, spitzen sie ihre drohenden Vorhersagen zu, dass du dort die Ophelia wirst spielen dürfen. "Auf einer deutschen Bühne ist eine türkische Frau eine Putzfrau."

- © Suhrkamp
© Suhrkamp

Es ist nur drei Jahre später, an Claus Peymanns Bochumer Theater, dass Özdamar die Vorhersage der Krähen auf ihre Art wahr machen wird: Indem sie bei den ins Stocken gekommenen Proben zu Thomas Braschs "Lieber Georg", einer spontanen Idee folgend, den Besen in die Hand nimmt und als schwangere türkische Putzfrau verkleidet auf der Bühne lebendige Verwirrung stiftet. Özdamars Impuls schrieb sich ins Stück ein: "Langhoff sagte: ‚Du spielst jetzt mit in diesem Stück.‘ Er meinte, dass dieser kalte Boden, dieses kalte Deutschland, eine türkische Putzfrau braucht."

Ähnlich entschlossen war die junge, mit Weltliteratur angefüllte junge Türkin bei ihrer Ankunft in Ost-Berlin auf den Intendanten Benno Besson zugegangen. Sie wolle das Brecht-Theater bei ihm lernen, hatte sie gesagt, und er hatte sie angenommen.

Überhaupt lernt man Emine Sevgi Özdamar, während man lesend die weiten Reisen ihres Lebens durch das Europa der 1970er und 80er Jahre mitvollzieht, als einen Menschen kennen, der direkt in der Literatur zu wohnen scheint und aus ihr heraus schöpferisch agiert. Ihre Zeichnungen während der Proben begleiten die Inszenierungen. Für Bessons "Kaukasischen Kreidekreis" in Avignon gestaltet sie Puppen, sie schreibt Poesie und Romane, sie inszeniert selbst.

In alldem bleibt Özdamar eng mit ihrer türkischen Heimat verbunden. Als Reisende zwischen Ost- und Westberlin, zwischen Deutschland, Frankreich und der Türkei, setzt sie sich den scharfen Schnittstellen Europas aus. Ihrer hochpoetischen Sprache liegt mutige Konfrontation zugrunde, nicht zuletzt mit politischer Gewalt.

Erlaubte Gewalt

"Sie klingeln an irgendwelche Türen, da wohnen sechs junge Studenten, die in der Arbeiterpartei sind, die gerade fernsehen. Sie binden ihnen die Hände, die Beine zusammen, töten, töten, töten ...", schreibt Özdamar anlässlich eines Besuches 1980 bei ihren Eltern. "Töten ist in diesem Land erlaubt, weil das große Töten ab 1915 nie zur Rede gestellt wurde. Und dass sie so frei töten konnten, hat dieses Land, die Menschen, verfaulen lassen."

Dass aber Emine Sevgi Özdamars gewichtige poetische Chronik nicht nur schwer von Trauer, von Einsamkeit und vom Bewusstsein von Verlust ist, sondern in gleicher Weise den Reichtum künstlerischen Schaffens und gemeinsamen Wirkens beschreibt wie ein großes Fest der Freiheit und Kreativität - diese enorme Spannung und Spannbreite ist es, die das Buch zu einem unvergleichlichen Werk ganz eigener Schönheit macht.