Über Sehnsüchte zu schreiben ist oft schwieriger, als man meint. Von solchen, zeitlos gedacht, erzählt "Wolkenkuckucksland", der neue Roman des amerikanischen Autors Anthony Doerr (Jahrgang 1973). Er versucht sich darin an einer die Jahrhunderte überwölbenden Geschichte, in der die Jungen mehr zu sagen haben als Alte, die ihre eigene Erfahrungsberichterstattung gern überschätzen.

"Wolkenkuckucksland" findet, soweit wir wissen, erstmalig in einer Komödie des griechischen Dichters Aristophanes Erwähnung, wo es als Wunschvorstellung in Dienst genommen wird, der die Menschen nachhängen, wenn es über sie kommt. Der Ort, den sie damit verbinden, kann nur zeit- und raumlos sein; die gewöhnliche Sehnsucht hält sich, so scheint es, an eine Zeile neueren Liedguts, die da lautet: "Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein."

Insgesamt sind es in "Wolkenkuckucksland", inmitten reichhaltiger Schilderungen, die es nicht bis ins reale Nirgendwo schaffen, eigentlich nur fünf Personen, mit denen wir es, wiederkehrend, zu tun bekommen: Anna lebt im Konstantinopel des 15. Jahrhunderts und wird, ebenso wie Omeir, ein gutmütiger Junge, Zeuge der Belagerung durch die Sarazenen.

In die unmittelbare Gegenwart geht es, als Seymour auftaucht, der in Doerrs Heimatstaat Idaho einen Anschlag auf eine an sich harmlose Bibliothek plant, die nun herhalten soll, um einmal mehr auf die irreparable Umweltzerstörung aufmerksam zu machen, der wir, ungeachtet aller bisher paraphierten Abkommen, ausgesetzt bleiben.

- © C.H. Beck
© C.H. Beck

Und in ebendieser Bibliothek probt der 86-jährige Kriegsveteran Zeno Ninis eine schon länger geplante Schüleraufführung von "Wolkenkuckucksland", die gut gemeint ist, aber vermutlich auch nichts mehr bringt.

Schließlich gibt es aber doch noch den großen und nicht abgesicherten Sprung in eine ferne Zukunft, in deren Mittelpunkt das Mädchen Konstance steht, das in einem "Generationenraumschiff" aufwächst. Dort geht es vergleichsweise friedlich zu, bis eine Seuche ausbricht, die alle außer Konstance dahinrafft.

Wie all das, unterhalb des gewöhnlichen Zeitablaufs, zusammengeführt wird, ist kunstvoll komponiert und lässt staunen, macht aber auch, ohne den Kreisgang der Bewunderung zu verlassen, ratlos. "Wolkenkuckucksland" ist nicht unbedingt Doerrs bestes Buch, was der Autor, dem wir beeindruckende Werke wie "Winklers Traum vom Wasser" (2005), "Der Muschelsammler" (2007) und "Alles Licht, das wir nicht sehen" (2014) verdanken, vermutlich anders sieht.

In einem Interview spricht er nicht ohne Stolz davon, dass er "mit dem Leser spiele" - eine Formulierung, die Unbehagen weckt, denn der Leser, das unbekannt-launische Wesen, will womöglich gar nicht mitspielen, sondern sich, nach guter alter Sitte, in einen Erzählstrom einhausen, der rücksichtsvoll mit ihm umgeht, spärliche Freiheiten lässt und Pausen zu schätzen weiß.

"Wolkenkuckucksland" macht da nicht recht mit; es ist vergleichsweise streng getaktet, obwohl das große Panorama, dem Doerr zuarbeitet, eigentlich auch in kleineren Größen zu haben wäre. Die Wahrheit nämlich, der Sehnsucht anverwandelt, kennt noch immer die unmittelbare Überzeugungskraft, an der man nicht mehr mit nachgestellten Interpretationen übergriffig werden muss:

"Sie blinzelt, der Planet dreht sich ein Stückchen weiter. Hinter ihrem kleinen Garten, hinter der Stadt verwirbelt ein Windstoß die Wellenkämme. Der Junge hebt den Zeigefinger und stößt damit auf die Seite. Konstance räuspert sich. ‚Und die Geschichte, die ich zu erzählen habe, ist so lächerlich, so unglaublich, dass du nie auch nur ein Wort davon glauben wirst, und doch‘, sie stupst ihm gegen die Nasenspitze, ‚ist sie wahr.‘"

Weniger kann mehr sein, gerade im Areal der Sehnsucht. Man sollte neugierig bleiben "auf die Stimmen, die da kommen sollen" (Rilke), aber bitte nicht übertreiben, denn dann könnte es ganz schnell wieder vorbei sein.