War womöglich der Busfahrer schuld, der nicht auf die auf der Straße liegende Schlange geachtet und sie überfahren hat? Sodass sie an diesem Tag im Mai 1976 tot auf der Straße lag und es aussah, als wäre da ein Riss im Asphalt. Es war eine Schwarze Carbon, und es heißt, wenn es ein Schlangenweibchen war, das die Eier noch nicht abgelegt hatte, bringe das Unglück. Denn dann "krieche die männliche Schlange durchs Dorf und suche nach den Schuldigen".

Oder war es die Riba Faronika, eine sagenhafte Meerjungfrau, die einst von einem von Gott geworfenen Sandkorn getroffen wurde? Sie liegt seither "tief am Boden des Meeres im Schlaf, doch von Zeit zu Zeit zuckt einer ihrer Fischschwänze im Traum, und Teile der Erde verschieben sich".

Dunkler Klang

Es war jedenfalls ein seltsamer Tag im norditalienischen Friaul, im Tal des Tagliamento, im Schatten des Monte Canin. Die Sonne brannte ungewöhnlich stechend, die Tiere waren unruhig, die Vögel hingegen eigenartig still; ein Schatten lag über den Schneefeldern des Canin, "ein kurzer, kalter Windstoß folgt, und der Schatten verschwindet, als werde die Hand weggezogen". Dann kam das Geräusch, der Rombo, der sich jedem hier ins Gedächtnis eingeschrieben hat und von jedem doch anders wahrgenommen wurde. "Summend, surrend, grollend, murmelnd, donnernd, polternd, rauschend, sausend, kollernd, pfeifend, dröhnend, brüllend. Und so weiter. Immer jedoch dunkel."

- © Suhrkamp
© Suhrkamp

Und dann, um 20.59 Uhr, bebte die Erde. 56 Sekunden dauerte das Hauptbeben. Danach waren fast 1.000 Menschen in der betroffenen Region tot, Zehntausende hatten ihr Obdach verloren, ganze Orte lagen in Trümmern, und was dieses Beben nicht zerstört hatte, das erledigten dann die beiden schweren Erschütterungen ein paar Monate später. Sogar der prächtige Dom von Venzone war nunmehr, im September 1976, nur noch ein Steinhaufen.

Esther Kinsky hat diesem Ereignis jetzt ein eindrucksvolles literarisches Denkmal gesetzt, das dem Gedächtnis der Landschaft ebenso nachspürt wie dem der Menschen, die in ihr leben. Es ist, wie immer bei ihr, "eine brüchige Erzählung aus angedeuteten, von der Zeit verschlüsselten Bildern, die vom Erinnern als Aufgabe handeln". Für einen Auszug daraus erhielt sie 2020 den erstmals vergebenen W.-G.-Sebald-Literaturpreis. Schon 2018 wurde ihr der Preis der Leipziger Buchmesse zugesprochen, nämlich für ihr Buch "Hain", und dessen Gattungsbezeichnung könnte auch das jüngste Werk zieren: "Geländeroman".

Doch anders als im Vorgänger kommen die Menschen in diesem "Gelände" deutlich stärker zu Wort. In wechselnden Stimmen erzählen sieben von ihnen, wie sie das große Beben und die Zeit danach erlebt haben. Sie erzählen von ihrem Leben, das schon vor dem Maitag 1976 aufs Engste mit der Natur und der Landschaft ringsum verbunden war und durch das sich schon vorher Risse und Furchen zogen. Anders auch als in "Hain" verschwindet die Erzählerin fast vollständig hinter diesen Stimmen, aber auch hinter den Beschreibungen einer Natur, die hier unzuverlässige "Zeugenschaft" ablegt "in der Sprache von Vergangenheit, Verschiebungen, Verlagerungen".

Wenige Tage nach dem Beben im Mai 1976. - © afp / picturedesk.com
Wenige Tage nach dem Beben im Mai 1976. - © afp / picturedesk.com

In der deutschsprachigen Literatur gibt es momentan niemanden, der dem "Gelände" eine derart reiche, eindringliche und zugleich ungeheuer präzise Sprache zu verleihen weiß wie die 1956 geborene Esther Kinsky. Das mag damit zu tun haben, dass das Fundament ihres Schreibens die Lyrik ist. Doch mehr noch dürfte es der Tatsache geschuldet sein, dass die Autorin eine so umfassende Vorstellung von Natur hat, die weit über das herkömmliche Nature Writing hinausgeht.

Blick in die Tiefe

Natur und Landschaft sind bei ihr immer "durchgearbeitet", sei es durch den Menschen (am beeindruckendsten im 2014 erschienenen Roman "Am Fluss") oder durch erdgeschichtliche Vorgänge - Wetter, Erosion, Erdbeben. Kinskys Blick geht immer in die Tiefe, ist nie sentimentalisch-naiv und enthält sich romantischer, zivilisationskritischer Naturverklärung. Da ist dann von "Geröllknurren" die Rede, Almen sind "ein Trugbild der Lieblichkeit" und Felsen "Verwehrer des Horizonts". In "Rombo" erhalten zudem eingehende Schilderungen der Tier- und Pflanzenwelt viel Raum.

Der Dom von Venzone wurde übrigens in mühevoller Kleinarbeit wieder aufgebaut - freilich nicht so, als sei nichts geschehen. "Brüche, Verschiebungen, Versehrungen blieben sichtbar, Lücken unvertuscht. Jede solche Spur sollte dem Gedächtnis der Zerstörung dienen, die dem Neuaufbau vorangegangen war." Auch dieser Roman ist ein "Schichten von Worten": meisterhafte Sprach-Arbeit am Gedächtnis eines Geländes, das 56 Sekunden in ein Vorher und ein Nachher spalteten.