H. P. Lovecraft war eine Kanaille. Einer der maßstabsetzenden Autoren der dunklen Phantastik, zugegeben, aber eine Kanaille. Und was für eine!

Die neue kommentierte Gesamtausgabe seines erzählerischen Werks im Verlag Fischer Tor wird nicht müde, auf die charakterlichen Defekte des Autors hinzuweisen, die sich in seinen Geschichten spiegeln: Fremdenfeindlichkeit, Abneigung gegen Juden und gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe. Mit einem Wort (oder genauer mit deren zwei): ein Rassist.

Und erst diese Ausdrücke der Menschenverachtung in den Tagebüchern: Da werden Shirley Jackson, die Autorin von "Spuk in Hill House" und ihr Ehemann, der Literaturkritiker Stanley Edgar Hyman, als "ekelerregende Juden" ("les juifs dégoûtant"; sic!) beschimpft; die Schoah wird zum "Semicaust", weil es Hitler und seinem Regime nicht gelang, die angestrebten elf Millionen Juden zu ermorden, sondern "nur" sechs. Weiter: der Holocaust zur "Holocaust Inc.", also zum Geschäft erklärt; zum Spaß eine KZ-Nummer mit Kugelschreiber auf die Brust geschrieben; behauptet, Israel wolle einen neuen Holocaust provozieren, weil das Geld bringe.

Ungleichbehandlungen

Das alles jedoch war nicht Lovecraft, der 1937 starb und keine Ahnung von der industriellen Judenvernichtung haben konnte. Von "ekelerregenden Juden" über "Semicaust" bis zur Täter-Opfer-Umkehr waren es Auslassungen der gefeierten Thriller-Autorin Patricia Highsmith, die ab 1963 in Italien, Frankreich und der Schweiz lebte und um die Verbrechen des Nationalsozialismus wissen musste.

Es geht nicht darum, Moralgericht zu halten über Lovecraft und High-
smith. Die Frage, die gestellt werden muss, ist grundsätzlicher: Weshalb erfahren Autorinnen und Autoren eine derart eklatante Ungleichbehandlung in Biografien und Kommentaren? Lovecraft und Highsmith dienen nur als Beispiele.

Im Fall Highsmith sieht das etwa so aus, dass der Diogenes-Verlag ihre "Tage- und Notizbücher" säubert: ". . . in wenigen extremeren Fällen empfanden wir es aber als unsere redaktionelle Pflicht, ihr eine Bühne zu verweigern, so wie wir auch gehandelt hätten, als sie noch lebte." Natürlich: Es ist ein Auswahlband - aber über die Intention sagt auch die Art der Auswahl etwas aus.

Manuel Müller weist in der "Neuen Zürcher Zeitung" auf editorische Umdeutungen hin ("juifs dégoûtant" wird kommentarlos zu einem lapidaren "ekehaft" ohne Bezug zu Juden abgeschwächt). Im Vorwort steht: "Wir haben uns entschieden, zugunsten der Lesbarkeit die Vielzahl an Kürzungen nicht kenntlich zu machen". Das bedeutet, so zu tun, als wären die Aufzeichnungen ein fortlaufender Text; was weiter bedeutet, keine Vermutung zu nähren, der Verlag habe irgendwelche Ungeheuerlichkeiten Highsmiths für ihren Anhängern unzumutbar gefunden. Editorisch sauber ist das nicht.

Zumal man bei solch einer Vorgehensweise nicht darum herumkommt, eine Absicht hinter den Beschönigungen zu vermuten: Soll nur ja nicht am Denkmalsockel gekratzt werden, auf den weite Kreise lesbischer Feministinnen Patricia Highsmith gestellt haben? Jedenfalls ist es eine Umkehrung eines Zeitgeistes, der selbst Klassiker wie William Shakespeare, Heinrich von Kleist, Charles Dickens und Joseph Conrad so lange auf Rassismen untersucht, bis er welche findet.

Lovecraft hingegen lässt sich mit all seinen teils unsympathischen, teils bizarren Abneigungen, trotz seiner kurzen Lebensdauer von knapp mehr als sechsundvierzigeinhalb Jahren, als Idealzerrbild des "alten weißen Mannes" inszenieren. Dazu passt, ihm inhaltliche Inkonsistenz und stilistisches Unvermögen vorzuwerfen.

Opfer der Stil-Knigge

Sogar rein literarisch wären, um bei den beiden Beispielen zu bleiben, andere Positionen möglich: Ist High-
smiths traditionelle Erzählweise in einem verwässerten Ernest-Hemingway-Idiom tatsächlich überlegen, wenn man auf der Seite Lovecrafts relativ früh Paradebeispiele für unzuverlässiges Erzählen findet, eine Technik, die seitens der Literaturgeschichte als große Errungenschaft der Moderne gewertet wird?

Beide Erzähltechniken sind legitim. Ohnedies scheint es nachgerade absurd, Autoren über den Kamm eines Stil-Knigge zu scheren, der sich aus willkürlichen Annahmen speist, etwa dem Adjektiv-Adverb-Verbot. "Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung rundum getrieben würde. . ." - spätestens hier würde das heutige deutschsprachige Feuilleton den Autor des Unvermögens zeihen, was dieser freilich als seinen ihm eben eigenen Stil verteidigen würde. Und recht hätte Franz Kafka damit.

Der Unterschied ist freilich, um zu den Beispielen Lovecraft und Highsmith zurückzufinden, dass Highsmith als Stilistin so hoch im Kurs steht, wie Lovecraft als Stilist kleingeredet wird.

Ungleichbehandlung auch hier: In einem glatten Stil geht weniger schief als in einem, der die Übersteigerung anstrebt. Man wird bei Johannes Mario Simmel weniger sprachliche Fehlleistungen finden als bei Hanns Henny Jahnn; wer deshalb aber Simmel zum besseren Stilisten erklärt, sollte einen Deutschkurs besuchen.

Sag’ mir, was Du liest . . .

Man könnte die Untersuchung anhand anderer Beispiele weiterführen: Jorge Luis Borges, Anhänger der Militärdiktatur in Argentinien; Knut Hamsun, norwegischer NS-Proponent; Louis Ferdinand Céline, seine französische Parallelerscheinung, Gabriele D’Annunzio, Ideenspender Benito Mussolinis. Wer aber erwähnt die Nähe von Anna Seghers zum DDR-Regime, wer die enge Freundschaft zwischen Gabriel Garcia Marquez und Fidel Castro?

Natürlich sind da keine literarischen Verschwörerzirkel am Werk. Doch vorauseilenden Gehorsam mag man orten: Mag es prickelnd sein, alles herauszerren, was einen Lovecraft, einen Hamsun, einen Céline in ein schiefes Licht rückt und ihren Anhängern ein schlechtes Gewissen macht nach dem Motto: "Sag’ mir, was Du liest, und ich sage Dir, wer Du bist", steht es auf einem anderen Blatt, Heiligen ihren Schein zu nehmen. So erfahren Autorinnen und Autoren wie Patricia Highsmith oder Rudolf Steiner eine Nachsicht, die bei Hamsun oder eben auch Lovecraft undenkbar wäre. Peter Handke polarisiert wenigstens als Heiliger seiner Gemeinde und als Buhmann der Ungläubigen.

Aber wenn’s, ob Heiligsprechung, ob Verdammnis, als Leseanreiz dient? - Es muss ja nicht unbedingt eine Highsmith sein.