1959 in Florenz geboren: Sandro Veronesi 
- © Photo by Associazione Amici di Piero Chiara (Cropped), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

1959 in Florenz geboren: Sandro Veronesi

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Spätestens seit Tolstois weltberühmtem Roman "Anna Karenina" wissen wir, dass alle glücklichen Familien einander gleichen, jede unglückliche Familie aber auf ihre ganz eigene Weise unglücklich ist. Und die Familie Carrera darf man durchaus auf sehr eigene Art als unglücklich bezeichnen. Die Eltern des Hauptprotagonisten Marco Carrera, Augenarzt in Rom, führen keine sonderlich innige Ehe, die Schwester Irene begeht in jungen Jahren Selbstmord, Carreras Tochter stirbt bei einem Kletterunfall, woraufhin er allein mit seiner kleinen Enkeltochter zurückbleibt.

Und auch in Sachen Ehe bzw. Liebe hat der Held kein wirklich glückliches Händchen: Wie er vom Psychoanalytiker seiner Frau Marina erfährt, verlässt sie, die ehemalige Flugbegleiterin, ihn für einen deutschen Piloten, von dem sie schwanger ist. Und die Beziehung zu Luisa, die er schon seit Kindheitstagen kennt, erschöpft sich in pathetischen Liebesbriefen und platonischer Unkörperlichkeit.

Einer der zentralen Glaubenssätze dieses Romans lautet, dass "die Form eines jeden Dings bereits in seiner ersten Erscheinungsform enthalten ist". Im Fall von Doktor Carrera ist diese erste Erscheinungsform die des titelgebenden Kolibris. Bis zu seinem 14. Lebensjahr war er sehr viel kleiner als seine Altersgenossen und wurde deshalb von seiner Mutter mit der Vogelart verglichen, bei der sich in der Tat die kleinsten Vögel überhaupt finden. Eine innerfamiliär umstrittene Hormonbehandlung ließ ihn dann innerhalb kurzer Zeit um 16 Zentimeter in die Höhe schießen.

Doch auch andere Charakteristika des Kolibris bestimmten fortan sein Leben: seine schillernde Schönheit, seine Schnelligkeit, die Marco zu einem ausgezeichneten Sportler machte, vor allem aber seine ganz eigene Beweglichkeit im Flug: "Du bist ein Kolibri, weil du wie die Kolibris deine ganze Energie dafür verwendest, auf der Stelle zu bleiben. Siebzig Flügelschläge in der Sekunde, um zu bleiben, wo du bereits bist."

Das schreibt die weit weg in Paris sitzende große Liebe Luisa in einem ihrer Briefe an Marco, und dieser Wechsel der Erzählformen ist ein besonderes Merkmal dieses Romans: Sandro Veronesi, 1959 in Florenz geboren, variiert fortlaufend zwischen allwissendem Erzählen, Briefen von und an den Helden, E-Mails oder Dialogen mit Marinas Psychoanalytiker. Überdies wird die Lebensgeschichte des Marco Carrera, die die Jahre 1960 bis 2030 umfasst, nicht in geradliniger Chronologie geschildert, sondern in ständigen Zeitsprüngen vor und zurück. Das verlangt von uns Lesenden, dieses Leben wie eine Art Puzzle zusammenzubauen.

Doch trotz - oder vielleicht gerade wegen - all dieser erzählerischen Kniffe kann man sich für die Lebensgeschichte des Augenarztes nicht so recht erwärmen. Zu blass, zu ungreifbar bleiben nicht nur der Hauptdarsteller und alle Nebenfiguren, sondern auch die seelischen und biografischen Motivationen und Prägungen, die dieses unglückliche Leben ausmachen. Zu vieles in diesem Roman bleibt bloße Behauptung, gekleidet in durchaus einnehmende Worte, zu wenig wird auf erzählerischem Wege vermittelt.