Eine Entführung in das Rom der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bietet ein wiederentdeckter Roman, der nach fast fünfzig Jahren zum ersten Mal deutschsprachigen Lesern vorgestellt wird.

In "Der letzte Sommer in der Stadt" beschwor der damals 26-jährige Autor Gianfranco Calligarich das Lebensgefühl einer Generation herauf, die mit dem Pfunde ihrer Jugend noch so zu wuchern wusste, als währte es ewig: "Rom war unsere Stadt, sie duldete und umschmeichelte uns, und auch ich erkannte schließlich, dass sie trotz der Gelegenheitsjobs, trotz der Hungerwochen, trotz der feuchten, dunklen Hotelzimmer mit den vergilbten, knarrenden, wie von einer obskuren Leberkrankheit getöteten und ausgetrockneten Möbeln der einzige Ort war, an dem ich leben konnte."

Der das zu Protokoll gibt, heißt Leo Gazzara und ist der Ich-Erzähler des Romans. Für den angehenden jungen Journalisten erscheint Italiens Kapitale als die absolute Sehnsuchtsstadt. Dorthin ist er, wie auch der Autor, aus Mailand geflüchtet, das ihn in seiner Wirtschaftsbesessenheit und bourgeoisen Behäbigkeit lange genug angeödet hat. Statt provinzieller Langeweile verspricht Rom Lässigkeit, lockt mit urbaner Eleganz und ungenierter Nonchalance. In den zahllosen Bars, Restaurants und Nachtlokalen tummelt sich eine zeitverschwenderisch gestimmte Jugend, mischt sich mit Literaten und Künstlern im Aufbruch, lässt sich von Regisseuren und Schauspielern mitziehen in eine Wunderwelt des Films - es ist die hohe Zeit der römischen Cinecittà.

In diese Bohème-Atmosphäre wird Leo, der sich als Aushilfsreporter beim "Corriere dello Sport" verdingt hat, katapultiert. Er nimmt Quartier im Haus einer vorübergehend nach Übersee verpflichteten Familie. In einem alten Alfa kutschiert er regelmäßig nach Ostia, um im Meer zu baden und sich am Strand in seine Bücher zu vertiefen. Er zieht mit allerlei Freunden durch die Stadt, lässt sich nächtelang trinkend in Bars nieder und genießt das Leben in vollen Zügen. Wenn er Hunger hat, bedient er sich in den Küchen der Freunde.

Seine unstete Existenz behält er auch bei, als er bei Bekannten die ebenso schöne wie kapriziöse Adrianna kennenlernt. Sie wird seine Begleiterin, gemeinsam ziehen sie durch die berückend schöne Stadt, küssen sich schon mal flüchtig in Kircheneingängen.

Aber seine Liebesbeteuerungen weist sie entschieden zurück. Die Schlüsselstelle zeigt Callagarichs subtile Erzählkunst: ",Hör mal‘, sagte ich, ‚ich glaube, ich liebe dich.‘ ‚Oh bitte!‘, sagte sie, ‚sag das nicht!‘ Genau in dem Moment passierte etwas, ein weicher Knall und ein weiches Rollen, während die überraschte Stimme einer Frau erklang und der Rest einer Plastiktasche voller Orangen über den Gehweg kullerte." Und wenig später mahnt ihn Adrianna noch einmal: ",Sag das nie wieder‘, sagte sie dumpf, ‚versprich es mir.‘"

Grenzenlose Vergnügungslust

Wie alle unbekümmerten jungen Leute damals beschäftigen sich die Protagonisten des Romans tagein tagaus nur mit sich selbst, mit ihrer grenzenlosen Vergnügungslust, der man wundersamerweise auch ohne viel Geld nachgehen konnte. Doch der immer haltloser werdende junge Zeitungsmann kämpft vergeblich um ein Lebensglück, das ihm sein überspanntes Selbstwertgefühl verwehrt.

Der Reiz dieses vor einem halben Jahrhundert in Italien kurzfristig als Kultbuch gehandelten Romans ist die Patina, die er seither angesetzt hat. Patina kann ja, künstlerisch gesehen, etwas Schönes, Reizvolles bedeuten: gewissermaßen schillernder Grünspan. Die Patina dieses Buchs besteht in dem gut konservierten Zeitgefühl, das seinen Erzählgang beherrscht. Auch der vom Protagonisten beobachtete Abflug eines Flugzeugs ist in der erzählten Zeit von damals noch ein Erlebnis, das der Beschreibung wert ist: "Die Maschine setzte sich verspätet in Bewegung, doch schließlich steuerte sie auf die Mitte des Rollfelds zu, hielt dort an, wie um Atem zu schöpfen, fuhr kräftig los und beschleunigte, bevor sie in schönster Manier abhob und in der Sonne leuchtend immer weiter aufstieg, bis sie verschwand."

Keine Hektik, kein atemloses Gefühl, etwas verpassen zu können, erfüllt die handelnden Personen. Im Gegenteil: Die Zeit erscheint hier als unbeschränktes Geschenk, nicht als kostenpflichtige Leihgabe einer zur Planung drängenden Zukunft. Nichts scheint es mehr im Überfluss zu geben als Zeit. Die Personen bewegen sich ziellos, als gälte es nur, auf den kairos zu warten, der nach Aristoteles aus allen Möglichkeiten plötzlich die günstige Gelegenheit eröffnet.

Doch darauf zu warten, erfordert Wagemut und Wachsamkeit. Calligarichs junge Leute aber warten ahnungslos. Sie vertrödeln die Gunst der Zeitfülle, überlassen sich alkoholsüchtig ganz dem Dolcefarniente, kreisen unbesonnen nur um sich selbst.

Zeitmaschine

So verpassen auch Leo und die junge Schönheit Adrianna die Flamme der echten Begegnung. Sie wählt den Luxus, schlägt sich als ausgehaltene Beauté eines Sugardaddys auf die Seite des Reichtums, der nun in der Gesellschaft den Ton angibt. "Wie herrlich es ist, reich zu sein!", hatte sie schon früh ausgerufen. Als sie sich Leo nun doch hingibt, muss er erkennen: "Nie hatte ich so sehr gespürt, dass sie zu mir gehörte, wie in diesem Moment, als sie einem anderen gehörte. Dumm gelaufen. Ich wusste, was das hieß, nämlich dass sie nur zu mir gehören konnte, wenn sie einem anderen gehörte."

Am Ende der gescheiterten Liebesbeziehung hätte es gereicht, wenn der Held wieder einmal "die Segel setzt", wie es so oft heißt. Stattdessen musste ein Schluss her, der in seiner aufgesetzten Melodramatik die ganze fein abgestimmte Equilibristik des Romans erschreckend unkünstlerisch ins Kitschige kippen lässt und einem im Abgang beinahe den Geschmack an dem Ganzen verdirbt. Sollte es aber nicht. Das Buch verdient schon seine Leser. Nur müssen sie Lust haben, sich wie in einer Zeitmaschine ein halbes Jahrhundert zurückversetzen zu lassen. War ja auch eine schöne Zeit, damals.