Seit 2015 lebt und arbeitet Ganna Gnedkova in Wien als Literaturübersetzerin, Journalistin, Buchkritikerin bei Chytomo.com und Autorin. Sie stammt aus Kiew, wo auch ihre Eltern leben. Mit der "Wiener Zeitung" sprach sie über die bedrückenden Nachrichten aus der Heimat, die Situation der ukrainischen Diaspora und den Kampf um die ukrainische Identität.

"Wiener Zeitung":Ihre Eltern befinden sich in Kiew?

Ganna Gnedkova: Meine Eltern möchten nicht ausreisen, sie glauben, dass sie vor Ort helfen können. Sie versuchen, sich aufzumuntern, indem sie mir Anekdoten erzählen. Es gibt schon so eine Art von neuer Kriegsfolklore. Also Geschichten über Zivilisten, die sich unter Panzer werfen und diese damit aufhalten, oder eine der allerersten, eine sehr traurige Geschichte, stammt von der Schlangeninsel. Das, was unsere 13 Helden da gesagt haben ("Go fuck yourself, Russian Warship", Anm.), wird jetzt immer wieder von uns als Slogan verwendet, als etwas, das jetzt auch Teil unserer Identität ist. Wir schreiben einander, wenn sie nicht im Bunker sind, weil es dort keine Verbindung gibt. Sie schreiben mir meist sehr kurz, dass sie in Ordnung sind, was natürlich nicht stimmt, denn niemand ist gerade in Ordnung. Letzte Nacht habe ich kaum geschlafen, weil meine Eltern sich nicht gemeldet haben. Am Morgen haben sie sich doch gemeldet und gesagt: Heute konnten wir ausschlafen, weil Bila Zerkwa und nicht Kiew angegriffen wurde. Das ist so ein absurder Satz, aber trotzdem ist das jetzt die Realität.

Schon zwei Wochen vor dem Invasionsbeginn hatte ich das Bauchgefühl, dass die milden Sanktionen Putin nicht stoppen werden und dass die EU Putin sehr unterschätzt. Meine Eltern haben es bis zum letzten Moment nicht geglaubt. Heute haben sie gemeint, ich hatte recht und sie lagen falsch und leider nicht nur sie, sondern fast die ganze Welt.

Hat die russische Propaganda der letzten Jahre vielleicht sogar dazu geführt, dass die ukrainische Identität gestärkt wurde, was zu dem starken Widerstand jetzt führt?

Die Identität entwickelt sich manchmal auch daraus, dass man einer starken Propaganda widersteht und sich wieder und wieder definieren muss. Aber hier glaube ich das nicht, ich denke, dass die Propaganda dafür gesorgt hat, dass die Ukrainer sich gespalten fühlen, aber dieser Krieg zeigt, dass im Notfall immer zusammengehalten wird. Die Ukraine existiert schon sehr lange, was die Medien oft nicht erwähnen. Da fühle ich mich richtig unwohl, wenn ich lese, wie oft betont wird, dass die Ukraine erst seit drei Jahrzehnten als unabhängiges Land existiert, oder dass unser Präsident erst 44 Jahre alt ist. Das spielt Putin in die Hand, der zeigen möchte, dass die Ukraine von Russland, der Sowjetunion geformt wurde und der Sowjetunion ihre Existenz verdankt. Was natürlich nicht stimmt. Im Laufe der Geschichte ist es uns immer wieder gelungen, kurz unabhängig zu werden, eine gewisse Souveränität als Kosakenstaat, oder als ukrainische Volksrepublik, aber diese Entwicklung wurde sofort von den großen Reichen, die Ansprüche auf unser Territorium hatten, mit Repressionen und Holodomor (Hungersnot, Anm.) unterbrochen. Das ist schon etwas, worauf wir uns jetzt beziehen: Aus der Geschichte kann man verschiedene Schlussfolgerungen ziehen, momentan versuchen wir, etwas Optimistisches daraus zu ziehen, und zwar, dass die Ukraine immer wieder überlebt hat, als Staat oder als Identität, als es keinen Staat gab.

Haben Sie russische Freunde?

Ja, aber die meisten leben hier, nicht da, wo die Propaganda uns unmöglich gemacht hätte, uns zu verständigen. Ich stamme auch aus einer russischsprachigen Familie, die 2009 beschlossen hat, Ukrainisch zu sprechen. Das war noch vor Euromaidan, da haben auch sehr viele diese Entscheidung getroffen. Aber meine Eltern waren unter meinem Einfluss, ich habe ein russischsprachiges Gymnasium abgeschlossen und danach habe ich an der Kiew-Mohyla-Akademie zu studieren begonnen, wo ich einen ganz anderen Freundeskreis bekommen habe. Da war Ukrainisch nicht nur die Sprache, die man zweimal die Woche als Unterrichtsfach hat, alle haben Ukrainisch gesprochen. Und da habe ich automatisch beim Essen mit den Eltern zuhause Ukrainisch gesprochen und sie haben langsam angefangen, auf Ukrainisch zu antworten. Aber die Sprache sagt nichts aus über das Verständnis. Es gibt Russen, die uns zu verstehen versuchen, und es gibt Russen, mit denen wir auf Russisch kommunizieren und die nicht verstehen, warum unsere Zivilisten sich aufopfern. Ich bin jenen dankbar, die Stellung beziehen und protestieren, vor allem jenen in Russland, denn sie wissen, was auf sie zukommt. Ich weiß, welchen Preis man dafür bezahlt.

Es ist auch ein Krieg, der auf den Sozialen Medien geschieht . . .

Ich kann mein Handy auch nicht aus der Hand legen, ich verfolge alle Nachrichten. Ich habe mich kürzlich bei etwas Interessantem ertappt: Ich habe geweint und mich dabei fotografiert. Ich hab kurz vorgehabt, das zu posten, um meine Verzweiflung mit meinen Freunden zu teilen, auch denen aus der Ukraine, aber dann habe ich erkannt, dass es keine solchen Fotos von meinen Freunden gibt. Sie versuchen, so wenig über ihre Emotionen zu reden wie möglich, wahrscheinlich um die Stimmung nicht zu ruinieren, weil unsere Stimmung auch gerade eine starke Waffe ist und man soll den Glauben bewahren, dass wir diesen Krieg gewinnen.

Wie groß ist die ukrainische Community in Österreich?

Offiziell sind wir 12.000, unsere Diaspora ist in Graz, Linz, Wien. In Wien trifft man sich in der Postgasse 8, neben der einzigen ukrainischen Kirche. Wir waren nicht vorbereitet darauf, dass wir so viel Hilfe bekommen, wir nehmen keine Sachspenden mehr, weil wir kein Lager dafür haben. Medikamente und Geld werden gesammelt, wir kümmern uns um Flüchtlinge. Diese Vertriebenen warten nur auf die Möglichkeit, dass sie zurück in die Heimat können und beim Wiederaufbau der Ukraine helfen. Manche erzählen mir, dass sie die Orte der Kindheit vermissen und auf den Videos der Ruinen unserer Städte suchen, ob sie zerstört sind. Ich suche auch nach meinem Gymnasium und dem Haus, wo wir früher gewohnt haben.

Meine Freundinnen sind bis vor kurzem keine Kriegsexpertinnen gewesen, sie wussten nicht, wie man eine Waffe von der anderen unterscheidet. An den ersten Tagen des Kriegs haben mir meine Kiewer Freundinnen geschrieben: Es wird geschossen, ich hab Angst. Jetzt schreiben sie, welche Waffe genau geschossen hat, ob es eine von ukrainischer oder russischer Seite war, sie wissen jetzt, ob die Schüsse gefährlich für sie sind und ob sie sich verstecken müssen oder nicht. Der erste Tag war für uns psychologisch der schwierigste, da habe ich sehr viele Nachrichten bekommen, die wie Testamente geklungen haben. Diese Freundinnen haben mich gebeten, mich um die Verwandten zu kümmern, falls sie selbst nicht überleben. Wir haben einander ganz oft gesagt, wie sehr wir uns lieben, das hat sich schon angefühlt, als würden wir uns für immer verabschieden. Und ich habe keine Worte gefunden, um sie zu unterstützen, außer dasselbe zu sagen, was sie auch gesagt haben: Ich hab dich lieb, fühle dich umarmt, halte bitte durch.

Haben Sie Buch-Empfehlungen, die helfen, die Ukraine besser zu verstehen?

Die ukrainische Literatur ist auf dem deutschsprachigen Buchmarkt sehr präsent, oft sind Bücher als erste Sprache ins Deutsche übersetzt. Es gibt da zum Beispiel Serhij Schadans Roman "Internat", Oleksand Mykheds Interviewsammlung "Dein Blut wird die Kohle tränken" oder Oleg Senzows Tagebuch, in dem der ukrainische Regisseur und Schriftsteller den Alltag in der russischen Strafkolonie schildert, Stanislav Aseyevs Tagebuch aus dem Donezker Konzentrationslager, Katja Petrowskajas Roman "Vielleicht Esther" über den Holocaust in Babyn Jar. Ich würde auch Natalja Woroschbyts "Schlechte Straßen", ein Theaterstück, das auch verfilmt wurde, empfehlen. Mein Lieblingsbuch ist Tanja Maljartschuks "Von oben nach unten. Das Buch der Ängste", das ist aber noch in keine andere Sprache übersetzt worden. Bei den Büchern der berühmten deutschsprachigen Autorin ukrainisch-russischer Abstammung Natascha Wodin, deren Bücher sich mit der ukrainischen Vergangenheit ihrer Familie auseinandersetzen, stößt mir immer die übliche deutsche, falsche Transliteration der ukrainischen Orte auf.

Was meinen Sie?

Wir versuchen gerade, der Welt beizubringen, dass die ursprüngliche sowjetische Transliteration der Ortsnamen ins Deutsche nicht mehr stimmt. Wenn in Artikeln über die Städte, die unter Beschuss stehen, Kiew oder Dnjepr steht, ist das sehr irritierend, weil das alles Rudimente der sowjetischen Zeit sind. Ich habe schon 2017 versucht, das Thema anzusprechen, in unserer Übersetzung des Reisebuchs "Streifzüge. Ukraine" haben mein Mann Peter Marius Huemer, Christian Weise und ich die ukrainische Transliteration verwendet. Im Duden stehen beide Versionen: Kiew und die für uns richtige Kyjiw, es wäre schön, es einheitlich zu machen, auch bei anderen Begriffen: Charkiw (statt Charkow), Odesa (statt Odessa), Dnipro (statt Dnjepr). Bis vor kurzem hat man auch Weißrussland gesagt und nun sagt man Belarus. Vor einem Jahrhundert hat man noch Kleinrussland für die Ukraine verwendet. Die Begriffe ändern sich ständig, da kann man etwas flexibler werden. Das ist auch ein kleiner Kampf, nur im Kulturbereich.