Als Frau in dieser Welt fühlt es sich oft so an, als hätten wir nur zwei Optionen: Entweder begehrt oder respektiert zu werden. Gesehen oder gehört. Wir dürfen nur sehr selten beides gleichzeitig erleben." Die britische Künstlerin und Influencerin Florence Given ist dieses Entweder-oder der weiblichen Existenz satt. Und sie ist nicht die Einzige. Florence Given möchte nicht darauf verzichten, gesehen zu werden, um Gehör zu finden. Dem US-amerikanischen Model Emily Ratajkowski geht es ähnlich: "Wird man nur auf diese Weise ernst genommen?", sinniert sie über die mediale Wandlung einer Freundin weg vom Minikleid hin zum Rollkragen: "Indem man seinen Körper verhüllt und sich kleidet, als wäre man gleich bei der englischen Königin eingeladen?"

Florence Given illustriert die Welt von Frauen mit pointierten Slogans und kräftigen Bildern. - © Illustration: Florence Given
Florence Given illustriert die Welt von Frauen mit pointierten Slogans und kräftigen Bildern. - © Illustration: Florence Given

Es ist keine neue Gratwanderung, wenn nicht gar ein bekanntes Paradoxon, das nicht nur diese beiden Frauen einfordern: Den eigenen Körper nicht verleugnen, sprich verhüllen zu müssen, und dennoch nicht länger auf ihre Körperlichkeit reduziert zu werden; die Lust an der eigenen Körperlichkeit (auch medial) zu leben - ohne dafür zum Sexualobjekt degradiert zu werden. Dass beides möglich ist, ja sein muss, steht außer Zweifel. Florence Given und Emily Ratajkowski haben Bücher geschrieben, in denen sie sich damit auseinandersetzen, wie diese neue lustvoll körperliche weibliche Stimme aussehen könnte. Beide nähern sich der Frage, was es in der von geschönten Bildern dominierten Welt der Sozialen Medien heute bedeutet, Frau zu sein.

Emily Ratajkowskis eben erschienener Essay-Band "My Body" liest sich wie eine Sammlung schonungsloser Einblicke in die sexistische Welt der glitzernden Fotoshootings und rauschenden Hollywood-Partys und ist zugleich die intime Geschichte einer Selbsterkenntnis. 2013 wurde Ratajkowski als Tänzerin in dem Musikvideo "Blurred Lines" schlagartig berühmt. Mit der Aussage, sie betrachte die darin inszenierte provokante (wie nackte) Darstellung ihres Körpers als Statement feministischen Empowerments, befeuerte die damals 21-Jährige eine hitzige Debatte über zeitgenössische Frauenbilder. Wie sehr sie ihre damaligen Aussagen bis heute beschäftigen und wie anders sie manches heute sieht, davon handeln die zwölf Essays, in denen die mittlerweile 30-jährige Mutter eines einjährigen Sohnes prägende Momente ihrer Karriere reflektiert. Es sind tief traurige und ernüchternde Einblicke in das nur scheinbar schillernde Leben einer Frau, die schonungslos mit einem System, aber auch erbarmungslos mit sich selbst abrechnet.

Emily Ratajkowski kritisiert die Machtmechanismen in der Unterhaltungsindustrie - und nimmt sich selbst nicht aus. - © afp / Angela Weiss
Emily Ratajkowski kritisiert die Machtmechanismen in der Unterhaltungsindustrie - und nimmt sich selbst nicht aus. - © afp / Angela Weiss

Ratajkowski erzählt vom Konkurrenzgedanken, der ihr früh in Hinblick auf andere Frauen eingepflanzt wurde, von der Sucht nach Anerkennung, dem Streben nach finanzieller Unabhängigkeit, von sexuellen Übergriffen und Missbrauch. Sie berichtet davon, wie es ist, ein wandelndes Werbeplakat zu sein, von fehlender Selbstfürsorge, medialem Kontrollverlust, der Distanz zum eigenen Körper, der zum bloßen Werkzeug wurde: "Nackt war ich selbstbewusst, angstfrei und stolz. Und dennoch spaltete sich ein Teil von mir ab."

My Body. Emily Ratajkowski, Penguin Verlag, 240 Seiten, 20,95 Euro
My Body. Emily Ratajkowski, Penguin Verlag, 240 Seiten, 20,95 Euro

"Ich war so süchtig nach der Aufmerksamkeit von Männern, dass ich sie sogar dann annahm, wenn sie mir in Gestalt von Respektlosigkeit zuteilwurde." Es sind bittere (Selbst-)Erkenntnisse, die Emily Ratajkowskis Buch durchziehen. Ihnen liegen Erlebnisse zugrunde, die man keiner jungen Frau wünscht. Es ist diese persönliche Mischung aus intimen Einblicken verknüpft mit einer klugen Gesellschaftskritik, die diesem Buch Kraft verleiht. Es sind vor allem Ratajkowskis Fragen an sich selbst, die es auszeichnen. Sie gehen tiefer als so manche schnelle Antwort.

Florence Givens Buch "Frauen schulden dir gar nichts", das dieser Tage auf Deutsch erscheint, ist ähnlich schonungslos, doch formal gänzlich anders aufgebaut. In der Reflexionsspirale ist Given einen, wenn nicht sogar zwei Schritte weiter gegangen. Auch sie nimmt als Ausgangspunkt ihre eigenen Erfahrungen, stellt sie jedoch nicht ins Zentrum, sondern hat daraus eine Art Ratgeber-Fibel extrahiert. Statt innere Widersprüche hat sie Lösungen parat, die sie kämpferisch entschlossen sowie nah an der Lebensrealität junger Frauen präsentiert.

Die Britin Florence Given etabliert sich aktuell als Stimme eines neuen Feminismus. - © Chloe Sheppard
Die Britin Florence Given etabliert sich aktuell als Stimme eines neuen Feminismus. - © Chloe Sheppard

Sie habe einen Leitfaden schreiben wollen, den sie selbst als junges Mädchen dringend gebraucht hätte, formuliert die 23-jährige Illustratorin ihre Intention. Knallige Bilder im Stil der 70er-Jahre und markante Sprüche der Selbstermächtigung durchziehen Givens Band: "Du selbst bist deine große Liebe", "Das Patriarchat profitiert nur davon, dass du deine Kraft nicht entfaltest!", "Was soll ich mit Krümeln? Ich will Kuchen!" oder "Kein Grund für Missgunst. Es gibt genug Platz für alle Frauen!"

Frauen schulden dir gar nichts. Florence Given, Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 14,95 Euro
Frauen schulden dir gar nichts. Florence Given, Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 14,95 Euro

Zwischen die erfrischend trotzigen Parolen hat Given praktische Ratschläge gemischt: Datingtipps in einer multimedialen Welt; Methoden, um subtilen Frauenhass zu erkennen und zu durchbrechen; das Kappen von toxischen Beziehungen, die die eigene Weiterentwicklung hemmen. Gebettet sind Givens Ratschläge - sie selbst identifiziert sich als queer - in ein Weltbild, das sich gegen jede Form von Diskriminierung stellt, für sexuelle Selbstbestimmung eintritt, sich gegen Intimrasur und die Institutionen Ehe positioniert und Frauen verspricht, alles alleine zu schaffen. Dass manches davon an der komplexen Lebensrealität vieler Frauen vorbeischießt, muss die junge Britin (noch) nicht interessieren. Sie will Mädchen Mut machen, sich (auch sexuell) selbst zu entdecken und sich anschließend die Kraft nicht nehmen zu lassen, die darin steckt.

Was Florence Given und Emily Ratajkowski trotz ihrer unterschiedlichen Zugänge und Rollen eint? Sie versuchen auf ihre Weise, die Sozialen Medien zu nutzen - auch, um anderen Frauen den Rücken zu stärken. Given - sie hat alleine auf Instagram gut 600.000 Follower - tut das mit cooler Flowerpower und ihrem Podcast "Exactly". Emily Ratajkowski, der auf Instagram knapp 29 Millionen folgen, indem sie ihren Körper mittlerweile mit etwas mehr Stoff zu Markte trägt - und mit den sexy Bikinifotos immerhin ihre eigene Bademodenlinie vermarktet. Stimmen wie die der beiden Autorinnen sind nur punktuell zu finden. Doch sie machen Mut und stiften Vertrauen in eine junge Generation von Frauen, die an einen erfrischend sinnlichen neuen Feminismus glauben. Mögen ihre Stimmen weiter gehört und nicht nur ihre Körper gesehen werden.