Eva Tind, geboren 1974, ist Schriftstellerin und Künstlerin mit koreanischen Wurzeln. Als sie im Alter von 15 Monaten von dänischen Eltern adoptiert wurde, landete sie familiär und kulturell zwischen zwei Welten. Diese prägende Erfahrung, die mit einer intensiven Identitätssuche verbunden war, arbeitet sie in ihrem Roman "Ursprung" auf, der die Geschichte einer eigenwilligen Familie erzählt.

Ihre soeben volljährig gewordene Protagonistin Sui hat eine weltberühmte dänische Künstlerin als Mutter, Miriam, die offen zugibt, dass ihr das Kind bei der Karriere nur im Weg stehen würde. Sui wächst bei ihrem Vater auf, dem Architekten Kai, der sich mit aufrichtiger Herzlichkeit um sie kümmert. Seine koreanische Herkunft trägt dazu bei, dass auch Sui sich mitunter fremd fühlt in der dänischen Gesellschaft, aber das Wissen, von der Mutter reuelos weggegeben worden zu sein, macht ihr weit mehr zu schaffen.

Als Sui von zu Hause auszieht, gerät auch die Vater-Tochter-Beziehung aus der Balance. Kai kommt damit nicht zurecht, aber er nützt die Chance und unternimmt eine "lebensverändernde Reise zu einer utopischen Gesellschaft". Für ihn, der glaubt, dass er als Kind übers Wasser gehen konnte und heilende Kräfte verspürt, ist "Auroville" im Südosten Indiens der richtige Ort für einen Neustart. Es handelt sich dabei um das Gesellschaftsprojekt einer "universellen Stadt" im Sinne des Gurus Sri Aurobindo.

- © mare
© mare

Aber auch Sui verlässt Kopenhagen und macht sich auf die Reise: Sie besucht ihre Mutter, die sich für ein künstlerisches Projekt in einen Wald in Schweden zurückgezogen hat. Als Sui von ihr aber nicht die ersehnten Antworten bekommt, reist sie weiter auf die koreanische Insel Marado, wo sie auf der Suche nach den väterlichen Wurzeln das Matriarchat der Perlentaucherinnen kennenlernt.

Eva Tinds nicht nur geografisch weit gefächerter Familienroman zu den Themen Elternschaft, Adoption und Beziehungen erzählt abwechselnd aus der Perspektive von Sui, Kai und Miriam. Dabei changiert die Autorin sprachlich zwischen einem pointierten Duktus, der vor allem in den Dialogen für humorvolle Zwischentöne sorgt, und ausdrucksstarker Poesie, die auch die Handlung bestimmt: Sie schreibt seltsame Fügungen herbei und setzt dabei weniger auf Glaubwürdigkeit als auf magische Komponenten - etwa als die selbstbewusste, aber körperlich und psychisch schon etwas angeschlagene Künstlerin Miriam in ihrem schwedischen Waldatelier unerwartet mit ihrer eigenen Adoptionsgeschichte konfrontiert wird.

Miriam ist darüber nicht wirklich verwundert. Sie, die mittlerweile "in einer lebendigen Struktur aus Wiedergeburt und Tod lebt, um sich ihrem eigenen Tod anzunähern", wundert sich ja auch nicht darüber, dass der Geist ihres verstorbenen Ehemannes Hiroki, den sie versehentlich (?) von einem Balkongeländer geschubst hat, ständig bei ihr zu Gast ist.

Eva Tind hat mit "Ursprung" einen Roman mit spirituellen und zauberhaften Elementen geschrieben, die jedoch nicht durchgängig für Tiefgründigkeit sorgen. Wenn in Auroville Klangschalen, heilende Hände und das dritte Auge die Handlung bestimmen, wünscht man sich als der esoterischen Grenzwissenschaft weniger zugeneigte Leserin, dass die Reise des Protagonisten bald woandershin führen möge.

Dennoch lohnt sich die Auseinandersetzung mit dem Roman, denn die unterschiedlichen Erfahrungswelten und Familienformen so vorurteilslos zu beschreiben, beherrscht wohl nur eine Autorin "zwischen zwei Welten" wie Eva Tind, die für ihr literarisches Schaffen namhafte Preise erhielt. "Ursprung" ist ihr erstes auch auf Deutsch erschienenes Buch.