Auch wenn der Titel danach klingen mag: Nein, der neue Journalband von Karl-Markus Gauß, "Die Jahreszeiten der Ewigkeit", ist kein Tagebuch aus den Zeiten der Pandemie. Viele andere haben uns mit Lockdown-Notaten beglückt, etwa Carolin Emcke, Marlene Streeruwitz oder Marica Bodrožić. Wobei Gauß genau genommen seinen Beitrag zu diesem Genre schon präpandemisch geleistet hat. Seine "Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer", 2019 erschienen, gab bereits einen Vorgeschmack aufs Nicht-mehr-raus-Dürfen.

Nein, Gauß’ neues Journal, das wie immer mit einem gemeinen Tagebuch nichts zu tun hat, sondern eine Selbst- und Welterkundung in unterschiedlichsten Formen (Aphorismus, Nachruf, Kurzporträt, Polemik, politischer Kommentar usw.) ist, endet 2019. Es umfasst die fünf Jahre zwischen dem 60. und dem 65. Geburtstag dieses Autors, der ob seiner Vorliebe für Kleinnationalitäten und minoritäre Sprachgruppen einmal als "Minderheiten-Gauß" tituliert wurde.

Mit feiner Klinge

Entsprechend nimmt das Älterwerden mehr Raum ein als früher. Die Jahre, die bleiben, werden nicht nur weniger, sondern vergehen auch immer schneller. Und der Mittsechziger hat nicht nur mit dem eigenen Körper zu kämpfen (Bandscheibenvorfall und - jüngst, daher hier noch nicht zur Sprache kommend - ein Herzinfarkt), sondern auch mit dem Gefühl, dieser durchdigitalisierten, dauererregten und unablässig quasselnden Welt immer fremder zu werden.

Umso angenehmer ist es, diese stets klugen, nie selbstgewissen, vor allem aber zutiefst menschenfreundlichen Beobachtungen zu lesen. Sie sind tatsächlich eine Art Antidot zur Twitterei und den Shitstorms unserer Tage, und selbst wenn Gauß polemisch wird, tut er das mit zarter böser Klinge.

- © Zsolnay
© Zsolnay

So bescheinigt er Stefanie Sargnagel "touristische Reiseprosa auf Ballermann-Niveau"; der alljährliche Nobelpreisanwärter Haruki Murakami habe ein "prekäres Talent", seinen Lesern stets "mit einem Satz auszuhelfen, den sie ins Poesiealbum von anverwandten Jugendlichen schreiben können"; und der Publizist Henryk M. Broder bietet "das jämmerliche Schauspiel eines Intellektuellen, der sich sein Denken von seinen Gegnern vorgeben lässt, von denen er sich um jeden Preis unterscheiden muss, und sei es um den der moralischen Selbstaufgabe".

Auch politisch - das Journal umfasst zeitlich immerhin die Flüchtlingskrise, Donald Trump und Sebastian Kurz samt Ibiza-Video - wird wie immer klug analysiert und feinsinnig polemisiert, und wie immer erweist sich Gauß als eigenwilliger Weltbetrachter, der weder in Schablonen denkt, noch sich in ebensolche einsortieren lässt. Wie auch bei seinen bisherigen Büchern geht man auch aus diesem klüger, nachdenklicher, weniger selbstgewiss hervor, als man hineingegangen ist.

Vignetten des Alltags

Am stärksten freilich ist Gauß wie gewohnt dort, wo er mit ein paar wenigen Strichen alltägliche Beobachtungen, ob zu Hause in Salzburg oder auf Reisen, skizziert. Etwa im oberösterreichischen Frankenmarkt bei einem Besuch im "Cafelino", wo (damals noch) viel geraucht und wenig geredet wird. Zwei älteren Frauen am Nebentisch, offenbar Mutter und Tochter, schweigen zwanzig Minuten lang, ehe sich folgender Dialog entspinnt: Als die Mutter aufschnauft und "Hach!" sagt, fragt die Tochter besorgt: "Wos’n?" Darauf die Mutter, offenbar verärgert über so viel Redseligkeit: "Nix. Goa nix."

"Die Jahreszeiten der Ewigkeit" ist ein weiterer Anbau an Gauß’ vielgestaltigem autobiographischem Projekt, das vor allem einem dient: der Selbstvergewisserung. "Ich bin nicht die Voraussetzung, sondern das Ergebnis meines Schreibens. Ich bilde mich nicht ab, sondern erschaffe mir ein Selbstbild. Mit dem ich nicht verwechselt werden möchte, aber mich selbst längst zu verwechseln begonnen habe." Fortsetzungen unbedingt erwünscht.