"Swinging London" - so nannte man die britische Hauptstadt am Ende der 1960er Jahre, im Zeitalter des Minirocks. Die Flaniermeilen modebewusster, von der Popkultur geprägter junger Leute waren die Carnaby Street im Zentrum und die King’s Road in Chelsea. Dass unweit der King’s Road, im mächtigen Swan Court Mansion, die Königin des Kriminalromans, Agatha Christie, ihre Londoner Wohnung hatte, dürften wenige gewusst haben.

An diesem Ort wurde sie im Frühjahr 1969 vom österreichischen Maler Oskar Kokoschka porträtiert, der für eine Retrospektive in der Galerie Marlborough Fine Art gerade in London weilte. Die schwedische Autorin Agneta Pleijel hat darüber nun
einen angenehm zu lesenden Roman mit dem treffenden Titel "Doppelporträt" verfasst. Darin bringt sie knappe, aber in wesentlichen Punkten doch in die Tiefe gehende Biografien beider Protagonisten unter. Man kann davon ausgehen, dass deren Gedanken und Dialoge im Buch weitestgehend der Phantasie Pleijels entstammen und es sich daher eindeutig um einen Roman handelt.

Zwei Lebensläufe

Glaubhaft ist, dass sich Agatha Christie anfangs gar nicht mit der Idee ihres Enkels Mathew Prichard und ihres zweiten Ehemanns, des Archäologen Max Mallowan, anfreunden kann, anlässlich ihres 80. Geburtstags porträtiert zu werden. Was soll sie während der sechs vereinbarten Sitzungen mit Kokoschka, den sie gar nicht kennt, reden? "Frag ihn nach Alma Mahler", rät ihr Mann, und damit ist schon eines der Hauptthemen zwischen den beiden Hauptfiguren gefunden. Nach und nach werden sie einander vieles aus ihrem Leben erzählen und manches, an das sie sich wieder erinnern, verschweigen.

- © Verlag Urachhaus
© Verlag Urachhaus

Kokoschka beginnt seine Arbeit, indem er sich ein Kinderfoto seines Modells geben lässt. Agatha Miller, die später unter dem Namen ihres ersten Mannes, Colonel Archibald Christie, bekannt wird, wird 1890 im Badeort Torquay geboren. Dort verbringt sie als "wildes Mädchen" Kindheit und Jugend. Ihrem Wohnsitz, der später verkauften und abgerissenen Villa Ashfield, trauert sie ein Leben lang nach. Vielleicht resultiert daraus ihre Neigung, die sie als vermögende Schriftstellerin ausleben kann, Landsitze zu kaufen und wie die Schauplätze ihrer Romane einzurichten. Ihre bevorzugte Sommerresidenz wird Greenway am River Dart.

Von Oskar Kokoschka, 1886 in Pöchlarn geboren und in Wien in sehr bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, gibt es keine Kinderfotos. Es hat eine Weile gedauert, ehe er sich künstlerisch als ein Hauptvertreter des Expressionismus durchgesetzt hat. Der Nationalsozialismus hat ihn zunächst nach Prag, wo er seine spätere Frau Olda kennenlernt, und noch vor dem Zweiten Weltkrieg nach England vertrieben, 1947 ist er britischer Staatsbürger geworden. Später findet er seine Heimat am Genfer See in der Schweiz.

1914, im Jahr ihrer Heirat, verändert der Ausbruch des Ersten Weltkriegs das Leben der begabten Pianistin Agatha Christie. Sie wird Krankenschwester, sammelt Erfahrungen mit Giften, die sie dann in ihren Krimis verwerten kann. 1919 kommt ihre Tochter Rosalind zur Welt, 1920 erscheint ihr erster Roman "The Mysterious Affair at Styles" (deutscher Titel: "Das fehlende Glied in der Kette") mit dem Detektiv Hercule Poirot, der wie kein anderer seine "kleinen grauen Zellen" zu verwenden versteht. Ihre zweite weltberühmte Romanfigur, die altjüngferliche Miss Marple, gibt 1930 im "Mord im Pfarrhaus" ihr Debüt.

Bis ins hohe Alter schreibt die Queen of Crime Romane, Theaterstücke (wie den Dauerbrenner "Die Mausefalle") und Kurzgeschichten (darunter die Vorlage für Billy Wilders Film-Klassiker "Zeugin der Anklage").

Agneta Pleijel ist in Schweden eine der bekanntesten Autorinnen. 
- © Goran Segeholm

Agneta Pleijel ist in Schweden eine der bekanntesten Autorinnen.

- © Goran Segeholm

Als Krimiautorin versteht sich Agatha Christie nicht als Künstlerin, ihre literarisch ambitionierteren Werke publiziert sie unter dem Namen Mary Westmacott. Zwischen ihrem Werk und ihrem Alltag zieht sie eine Trennlinie: "Kunst und Leben sind zwei verschiedene Dinge, Mr Kokoschka." Ihr Porträtist antwortet: "Kunst ist Leben, Mrs Christie. So wie Leben Kunst ist." Es scheint, dass der Maler Kokoschka wirklich viel mehr von seinem Leben in seine Werke einfließen lässt als die Romanschriftstellerin Christie.

Es geht viel um Kunst und Literatur in den Dialogen während der Porträt-Sitzungen, aber auch um die wunden Punkte im Leben der beiden. Als sie den Künstler auf seinen Umgang mit der berühmten Alma-Puppe und seinem Hausmädchen Reserl anspricht, wirft er ihr vor, sie klinge "wie eine bigotte Kleinstädterin".

Verletzungen

1926 verschwindet Agatha Christie, gerade noch für ihr Meisterwerk "The Murder of Roger Ackroyd" (deutscher Titel: "Alibi") bejubelt, für zehn Tage und quartiert sich unter dem Namen der Geliebten ihres Mannes in einem Landhotel ein. Die Suche nach ihr beschäftigt ganz England. Pleijel schildert sehr feinfühlig dieses einschneidende Ereignis in Christies Leben, das zur Scheidung führt. Nur zögernd heiratet sie 1930 den um 14 Jahre jüngeren Max Mallowan, an dessen archäologischer Arbeit sie großen Anteil nimmt.

Als das Porträt fertig ist - leider bekommt man es im Buch nicht zu Gesicht -, bleiben Kokoschka und Christie in Briefkontakt. Zu einem weiteren Treffen kommt es trotz Einladungen aus England nicht mehr. 1976 stirbt Agatha Christie in Winterbrook, einem ihrer Landsitze, vier Jahre später Oskar Kokoschka in Montreux am Genfer See.