Zwischen dem 28. September und dem 14. November 2000 saß der alte Dichter mehrmals in seiner Wiener Wohnung vor der Kamera und unterhielt sich mit seiner Tochter Emily Artmann und seiner Nichte Katharina Copony. Der Film, der dabei entstand, war 2001 unter dem Titel "der wackelatlas - jagen und sammeln mit H.C. Artmann" im Fernsehen und in manchen Kinos zu sehen.

Er zeigt einen offenkundig kranken Mann, dem zwar gelegentlich die Stimme versagt, der aber witzig und wortreich über seine Breitenseer Kindheit, den Zweiten Weltkrieg, sein Schreiben und manches andere redet. Es springt ins Auge, dass er sich mit Tochter und Nichte gut versteht und dass ihm die Gespräche Freude machen. Dieser Film ist auch das letzte Lebenszeugnis des 1921 geborenen Dichters: Am
4. Dezember 2000 starb H.C. Artmann.

- © Ritter Verlag
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Im Ritter Verlag ist nun eine Transkription des ungeschnittenen Materials als Buch erschienen. Hier kann man teilhaben an der unerschöpflichen Phantasie dieses vielstimmigen Wortspielers, dem es nach eigener Aussage "auf den Wecker" geht, dass er in Wien meist auf seine Dialektgedichte reduziert wird.

Beim Lesen fällt als Erstes auf, dass Artmann kein disziplinierter Interviewpartner ist. Er schweift ab und spinnt Nebensächlichkeiten assoziativ weiter. Er redet zum Beispiel gern darüber, welche Zigarettensorten als "Beuschlreißer" bezeichnet werden dürfen, aber poetologischen Fragen weicht er eher aus. In jungen Jahren, sagt er, habe er sich als Surrealisten gesehen, fügt aber sofort hinzu: "Ich weiß auch nicht warum."

Und auf Emilys Frage: "Was ist denn für dich ein Künstler, ein echter?", antwortet er zunächst mit einem berühmten Schiller-Zitat: "Künstler? Ernst ist das Leben und heiter die Kunst", unterläuft aber sofort das hochkulturelle Niveau: "oder waun a hund des haxl hebt, is es des zeichn, dass auf drei fiass ea steht."

Da die Tochter sich nicht ablenken lässt, zieht er sich nach einigem Hin und Her mit dem Eingeständnis aus der Affäre: "Wenn mir eine Kunst gelingt, bin ich froh. Aber ich kann sie nicht erklären, nicht darstellen."

Man sieht also, Artmann verweigert sich der theoretischen Reflexion, die für viele andere Künstler der Avantgarde so wichtig ist. Er kombiniert seinen immensen Vorrat an sprachlichen Wendungen ständig neu und entzieht dabei jeder eindeutigen Erklärung die Grundlage. Einmal ersetzt er das abstrakte Wort "Unglück" durch den anschaulichen Begriff "Unstern". Aber damit es nicht zu tragisch weitergeht, formuliert er sogleich mit einem "Augenzwinseln": "Dieser Tag war durch einen Unstern gesegnet."

Neben solch schönen Sätzen enthält der sehr zu empfehlende Band noch die Umrisse von Italien, England und anderen Ländern, die Artmann mit geschlossenen Augen zu zeichnen und in einem "wackelatlas" zu sammeln pflegte.