Die Henne? Das Ei?

Erst der Philosoph, dann sein Diktator? Tatsächlich gibt es keine halbwegs beständige Diktatur ohne geistigen Unterbau, so absonderlich der auch sein mag. Willkürherrschaften, die sich ausschließlich auf das Charisma eines Führers stützen, sind kurzlebig.

Wobei "Philosoph" cum grano salis zu verstehen ist. Es geht in diesen Fällen weniger um die Suche nach den zentralen Erkenntnissen des Menschseins, sondern um Konstrukte, die sich Verschwörungstheorien annähern.

Im Fall Wladimir Putins sorgt unter anderem Alexander Dugin für den geistigen Unterbau. Gerhard Lechner, Russland-Experte der "Wiener Zeitung", hat Dugin bereits im Jahr 2014 als den "Einflüsterer" benannt und seinen Einfluss auf die Politik Wladimir Putins analysiert. Was sich derzeit in der Ukraine abspielt, ist ein Resultat dieser Gedankenkonstrukte, wie gleich zu sehen sein wird.

Prinzipiell kann sich eine Willkürherrschaft nur in Ausnahmefällen und nur über kurze Zeit behaupten. Das Paradebeispiel dafür ist die rund acht Jahre (25. Jänner 1971 bis Anfang April 1979) dauernde Diktatur von Idi Amin in Uganda, deren Basis ausschließlich das Charisma des Staatsoberhauptes, freilich in Kombination mit einer auf Polizei und Armee gestützten Unterdrückung war. Was dem Regime fehlte, war der darüber hinausreichende geistige Unterbau.

Mystischer Mumpitz

Einen solchen hatten sogar die Nationalsozialisten, wenngleich er ein Amalgam aus persönlichen Animositäten wie dem Antisemitismus Richard Wagners, bizarren Theorien wie der "Nordischen Metaphysik" Oskar Beckers und der okkultistischen Verirrungen eines Guido von List und Karl Maria Wiligut bis hin zu Martin Heideggers Theorien war. Heinrich Himmler begriff, dass der Nationalsozialismus nur dann von Dauer sein konnte, wenn er sich auf eine quasi-philosophische Basis gründete: So versuchte Himmler, eine solche mit der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe zu schaffen. Seiner Überzeugung nach sollte der Nationalsozialismus Politik und Religion in Einheit sein mit der Blutreinheit als zentralem Gebot.

Überhaupt mussten durch Jahrhunderte diverse Religionen die Alleinherrschaften stützen. "Von Gottes Gnaden" waren die Potentaten. Die Götter wechselten von Zeus über Jupiter, Sol Invictus, dem dreieinigen Gott der Christen und diversen anderen Göttern in anderen Teilen der Welt, aber das Prinzip war überall das Gleiche: Die Philosophie, als deren metaphysischer Teil Religion zu verstehen ist, schafft die Grundlage der Herrschaft.

Und wenn die Religion zum "Opium des Volkes" erklärt wird, tritt eben ein anderes Gedankengebäude an ihre Stelle: "Das Kapital" ersetzt die Bibel, die Schriften Lenins lösen die der Kirchenväter ab und statt dem Amen im Gebet folgt das Ja zu den Beschlüssen der Partei.

Nun hat in der Gegenwart die Postmoderne um sich gegriffen und nicht allein einen Kunst- und Kultur-Supermarkt der Stile geschaffen, sondern auch einen der politischen Ideologien. "Links" und "rechts" verschwimmen in einem Ausmaß, dass der österreichische Dichter Ernst Jandl zum politischen Propheten wird: "manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern / werch ein illtum". Der ehemalige Agent des KGB, des Geheimdienstes der Sowjetunion, erscheint mit einem Mal ultra-rechten Mitläufern als Messias, die eben noch gegen Corona-Maßnahmen demonstrierten.

Wladimir Putin - der große Korrektor all dessen, was in der Geschichte falsch gelaufen ist?

Feindbild: die Moderne

Dafür, was sich gerade abspielt, liefert der russische Philosoph und Politologe Alexander Dugin in "Das Große Erwachen" rückwirkend die Erklärung: Die Wahl von Joe Biden zum Präsidenten der USA ist der Knackpunkt. Mit ihr beginnt der "Great Reset" des falschen Liberalismus und der unter anderem von George Soros gelenkten westlichen politischen Moderne, gegen die sich unabhängige Geister mit aller Kraft, um nicht zu unterstellen: mit aller Gewalt, zur Wehr setzen müssen.

Geht es nach Dugin, so strebt der westliche Liberalismus die Schaffung des Dividuums an: "Das liberale Sein der Zukunft, auch in der Theorie, ist keinesfalls ,Individuum‘, etwas ,Unteilbares‘, sondern ein ,Dividuum‘, also etwas ,Teilbares‘, das aus austauschbaren Teilen besteht." "Der menschliche Fortschritt", schreibt Dugin, "endet in der liberalen Interpretation unausweichlich mit der Abschaffung der Menschheit."

Das Samenkorn ist ausgesät - und sprießt in Verschwörungstheorien: Die Impfung gegen das Coronavirus enthalte Chips und würde über lange Sicht zum sicheren Tod der Geimpften führen. Mit einem Mal passen Impfgegner und Putin-Befürworter zusammen: Sie treffen einander in der Angst vor dem "Great Reset".

Dugins Schriften lesen sich wie Theorien zu Putins realer Politik: Wenn Dugin den Faschismus zur real existierenden Falle erklärt, klingt Putins Behauptung in den Ohren, er führe den Krieg gegen die Ukraine auch, um dieses Land vom Nationalsozialismus zu befreien. Wenn Dugin die westliche Moderne (wörtlich) zum "Feind" erklärt, ist das die Wurzel von Putins jetzt anti-westlichem anti-modernem Kurs, den er in den ersten Jahren seiner Regierung freilich durchaus eingeschlagen hatte.

Kampf dem Liberalismus

Die Gegenpole sind laut Dugin nationale Identität und Globalismus, wobei Dugin sich für die nationale Identität ausspricht und im Globalismus den Hauptgegner ausmacht: "Im Kampf gegen alle Arten von nationaler Identität benutzen sie (die Globalisten, Anm.) einige ethnische Identitäten (z.B. Uiguren, Ukrainer), um die alternativen Pole zu destabilisieren, die nicht zu ihrer Version einer unipolaren, liberalen Welt passen." Und: "Aber die Hauptidee des Kampfes gegen den Liberalismus ist der Kampf gegen die gesamte westliche politische Moderne. Das ist der Feind. Die Vierte Politische Theorie (wobei die ersten drei Faschismus, Kommunismus und Liberalismus sind, Anm.) fordert alle zum Kampf auf."

Vorbilder für diese Vierte Politische Theorie können, meint Dugin, die nicht-westlichen Zivilisationen sein, etwa die des antiken China. Dazu gehört das Aushebeln des römischen Rechts: "Wir haben das islamische Recht, das chinesische Recht, die konfuzianische Tradition, das indische Recht und auch einige archaische Systeme der Legalität und Legitimität. Wir müssen sie alle berücksichtigen." Und: "Es gibt kein universelles Kriterium im politischen Denken, und das ist das Hauptprinzip der Vierten Politischen Theorie."

Dugin schlägt vor, die Bildung gemäß einem Kastenwesen zu ordnen mit Programmen für Intellektuelle (erste Kaste), Krieger und Aktivisten (zweite Kaste) und Bauern (dritte Kaste).

Zurück zur Erde

Schließlich soll in einem großen Zurück-zur-Erde ein Auszug aus den Städten geschehen, denn: "Es ist der einzige Weg, die Menschheit vor dieser echten Krankheit zu retten, die durch den Posthumanismus und die neue Technologie repräsentiert wird, die versucht, die menschlichen Gene zu manipulieren, uns zu transformieren, uns mit künstlichen Substanzen zu markieren, um unsere Kultur zu kontrollieren und [sie, Ergänzung, Anm.] aus unseren Adern und unseren Seelen zu löschen. Wir sollten gegen diese Globalisierung kämpfen." Der "Perversion" der Städte steht nach dem Auszug die Rückbesinnung auf die Familie gegenüber.

Das letzte Kapitel, am 27. September 2021 geschrieben, scheint dann ein Programm: "Amerika ist auf dem Rückzug. Wir müssen angreifen!"

Angesichts solcher philosophischer Exkurse stellt sich nicht die Frage Henne oder Ei, sondern Hahn oder Ei.

Denn nur aus dem Hahnenei schlüpft der Basilisk.