Die gute Nachricht zuerst: Für Freitag ist Prachtwetter angekündigt. Da kann man draußen sein, spazierengehen oder ernsthaft wandern, Rad fahren oder ganz einfach auf einer Parkbank sitzen und den Vögeln zuschauen beim - also bei dem zuschauen, was sie jetzt so machen, die Vögel im Frühling. Heißt: Man kann den internationalen J.R.R.-Tolkien-Tag vernünftig nutzen, also ohne J.R.R. Tolkien zu lesen. J.R.R. Tolkien ist etwas für Winterabende am Kamin, die man freilich auch mit Nüsseknacken und Kartenspielen verbringen kann. Es gibt keinen einzigen Grund, ein Buch von J.R.R. Tolkien zur Hand zu nehmen. Nur, um darin auch zu lesen, dafür gibt es noch weniger Gründe als gar keinen.

Aber . . .

Ja, wenn da nicht dieses Aber wäre. Dieses verflixte Wort, das selbst einem Fantasy-Verächter in Einzelfällen dazwischenkommt und sich gerade dann flohhaft im Ohr einnistet, wenn man wieder einmal den Kafka heraussucht.

Halt’ die Schnauze, du Aber!

Fantasy-Welten

Ja, gewiss: Tolkien war nicht der Erste. Da gab es andere Fantasy-Autoren. Schon einmal Terence Hanbury Whites Roman-Pentalogie "Der König auf Camelot" gelesen? Das war die Basis für Walt Disneys Zeichentrickfilm "Die Hexe und der Zauberer" (auch "Merlin und Mim").

Oder H. P. Lovecraft? - Ja, tatsächlich, der Horrorautor hat sich mit der "Traumsuche nach dem unbekannten Kadath" als Fantasy-Pionier positioniert. Und dann wären da noch William Hope Hodgson mit "Nachtland" und Robert E. Howard mit den "Conan"- und "Kull"-Erzählungen.

Vor allem aber ist da Lord Dunsany, der aus den gälischen Volkserzählungen eine Welt aus selbstgesponnen Sagen und Mythen entwickelt hat. Er hat grandiose schwarzhumorige Kriminalgeschichten geschrieben, gesammelt in "Smetters erzählt Mordgeschichten" und "Jorkens borgt sich einen Whiskey", und ein paar seiner Erzählungen, die nämlich, die Jorge Luis Borges herausgegeben hat und die dadurch größeren Bekanntheitsgrad erlangt haben, gehören eher ins Horrorgenre. Das meiste seines Schaffens aber ist Fantasy - und eine, die Tolkien offenbar gut gekannt hat.

Und da ist noch lange keine Rede von den trefflich aber ergebnisfrei umstrittenen Überschneidungen: Was gehört zum Horrorgenre, was zur Fantasy? Science Fiction oder Fantasy? Historischer Roman oder Fantasy?

Weil halt die Definition der Fantasy genauso trefflich aber ergebnisfrei umstrittenen ist: Fantasy ist, wenn mythenhafte Geschichten in erfundenen Ländern angesiedelt werden.

Was aber, käme ein Autor auf die Idee, in Wien einen Drachen anzusiedeln, der nur mit der in der Schatzkammer der Hofburg aufbewahrten heiligen Lanze (Inventarnummer XIII, 19) besiegt werden kann, und das ausschließlich von einer bestimmten Fiakerkutscherin, die eine Ururur-usw.-Enkelin des Lieben Augustin ist?

Fantasy, eindeutig. - Obwohl das Land nicht erfunden und der Mythos nur ein Randelement wäre? Ach, ganz vergessen: Die Handlung spielt im Jahr 2083, und die Fiakerpferde sind tierschutzhalber Roboterpferde. Und jetzt? Immer noch Fantasy oder eher Science Fiction?

Soll sich doch das deutsche Feuilleton seine Schubladen darüber zerbrechen!

Feldzug gegen Genre-Literatur

Das hat ohnedies genug angerichtet mit seinem Feldzug gegen Genreliteratur, das deutsche Feuilleton! Und das seit mehr als 200 Jahren. Kant ist schuld, Immanuel Kant, mit seiner Philosophie der Aufklärung, die er auch der Literatur überstülpte: Notwendig muss sie sein, ein Ziel muss sie verfolgen, den Menschen soll sie bessern, ihm die Welt erklären. Gut ist nur, was vernünftig ist.

Das ganze Vergnügen, die ganze Lust am Lesen ist der deutschsprachigen Literatur von den freudlosen Kantianern ausgetrieben worden. Keine Abenteuer, weg mit Grusel, mit Spuk und Gespenstern. In weiterer Folge ist selbst Liebe nur gut, wenn sie in eine zweckmäßige Ehe mündet oder scheitert, alles andere ist Kitsch.

J.R.R. Tolkien löste den beispiel losen Boom der Fantasy-Literatur aus. - © apa / Klett-Cotta Verlag
J.R.R. Tolkien löste den beispiel losen Boom der Fantasy-Literatur aus. - © apa / Klett-Cotta Verlag

Heute erlebt man in der Kritik die Ausläufer: Literatur ist nur bedeutend, wenn der Leser sie sich erarbeiten muss. Spannung ist verdächtig, Fabulieren kommt einem Vergehen an Buchstaben und Beistrichen gleich. Ein arbeitsloser Arbeiter in Bottrop, der über die NS-Vergangenheit seines Vaters sinniert - das sei die deutsche Literatur. Und ohne Schmuck sei sie, bar der Adverbien, bar der Adjektive.

Und dann kommt Tolkien.

Kein Deutscher. Als solcher hätte er keine Chance gehabt, wie das Beispiel des Romans "Die Kinder der Finsternis" zeigt, in dem Wolf von Niebelschütz weit ausholend geschichtliches Mittelalter mit seiner Phantasie mischt. Zugegeben, Michael Ende hatte mit der "Unendlichen Geschichte" einen - berechtigten - Erfolg.) Engländer war Tolkien, und als solcher der Spannung verdächtig. Die von jenseits des Kanals haben immerhin einen Robert Louis Stevenson gehabt, man stelle sich vor: "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde", und das zu Theodor-Fontane-Zeiten.

Aber es war, als die Übersetzung des "Herrn der Ringe" 1970 herauskam, genau dieses Leselustfutter, nach dem man gegiert hatte. Das Kopfkino. Tolkien veränderte die Literaturszene. Nach ihm war auch im englischsprachigen Raum alles anders. Die Nischenliteratur wurde zum Mainstream, und schließlich wedelte Harry Potter mit seinem Zauberstab.

Das große Naserümpfen der Kritiker im deutschsprachigen Raum versteht sich von selbst. Aber ein ganzes Genre - alles nur Mist?

Gute Literatur kann man immer auch anders verstehen, als Reclams Romanführer meint, man kann sie gleichsam gegen den Strich lesen. Dostojewskis "Schuld und Sühne" ist auch ein Psychothriller, Stevensons "Schatzinsel" auch ein Roman über das Erwachsenwerden, Jules Vernes "Zwei Jahre Ferien" auch ein Roman über Zivilisation.

Des "Herren" Schichten

Demgemäß ist "Der Herr der Ringe" auch ein Roman über die Sprache selbst. Er ist auch ein Roman über eine friedliche Gesellschaft, die von einer Diktatur bedrängt wird. Das Modell für Tolkiens "Auenland" ist Südengland, "Mordor" entspricht NS-Deutschland. Den Gegensatz überhöht Tolkien unter Zuhilfenahme von Richard Wagners "Ring des Nibelungen" und diverser germanischer Heldensagen, ins Mythische.

Gehen einem die Zwerge, Riesenspinnen und Zaubertricks auf die Nerven? Gegenfrage: Welches andere Buch nervt nicht hie und da, aber man liest es doch mit größten Vergnügen?

Tolkien ist nicht nur der "Herr der Ringe": Sein "Hobbit", leider ver-verfilmt, ist ein spannendes Kinderbuch, und seine anderen Geschichten kolorieren das "Herr der Ringe"-Universum, das man als erstaunliche Gesamtleistung anerkennen muss - auch dann, wenn man es selbst weniger mit Elben, Trollen und Orks hält.

Auf der Parkbank sitzen und, statt den Vögeln zuzuschauen, was sie so treiben im frühen Frühling, Tolkien lesen - das hat doch was! Und schon ist man mittendrin. In Mittelerde. Lassen Sie sich das Vergnügen nicht von freudlosen Trollen verderben!