Eine abgehalfterte Schlagersängerin will nicht mehr. Ein junges, von der Mutter verlassenes Mädchen hat ebenfalls genug vom Leben. Was die beiden jeweils zum Suizid treibt, ist allerdings mehr als "fed up", es ist eine Krankheit: Depression.

"Ende in Sicht" heißt der neue Roman der deutschen "Sudelheft"-Bloggerin und Journalistin Ronja von Rönne. Die Autorin weiß, wovon sie schreibt, sie machte nie ein Hehl aus ihrer Krankheit. Diese authentische Grundlage macht die Geschichte interessant. Es braucht das Hintergrundwissen aber auch, um dem Buch seinen Humor zu verzeihen - und sich selbst, beim Lesen, das Lachen. Der Witz ist teils subtil, teils brachial und oft vorhersehbar, denn man hat schon diverse Bücher mit ebendieser Geschichte gelesen: Macht einer einen tollpatschigen Selbstmordversuch und stört dabei die selbstmörderischen Kreise eines anderen. Und schon haben wir ein klassisches Buddy-Motiv und jede Möglichkeit für Slapstick. Am besten in die Form einer Roadstory gegossen. Und die ist im Fall von Ronja von Rönnes Roman nicht nur erstaunlich amüsant, sondern auch tieftraurig.

Dennoch, schade, bleibt die vertiefende Innensicht aus. Das mag daran liegen, dass die beiden Protagonistinnen vorhersehbar gezeichnet sind oder weil die Autorin auf eine Verfilmung spekuliert (die sich allerdings wirklich anbieten würde).

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Hella Licht, um die 70, war einmal wer. Als Schlagersängerin tingelt sie heute aber nur noch durch die Eröffnungsfeiern von Möbelhäusern, wo sie keiner mehr kennt. Wahrscheinlich ist der Hang zum Posieren weniger der Grund ihres Leidens als ein Symptom. Und so stellt sich Hella auch ihren Abgang vor: zuerst zum Friseur, dann ein Giftcocktail.

Provokation ist auch für die sonst so schüchterne Juli ein Mittel des Ausdrucks. Die Fünfzehnjährige erzählt ihrem alleinerziehenden Vater, dass sie auf Klassenreise fährt, und den Lehrern gaukelt sie eine Grippe vor. Dann springt sie von der (nicht sehr hohen) Autobahnbrücke. Und landet just vor Hellas klapprigem Passat, mit dem diese gerade in die Schweiz fährt. Dort will sich Hella, die sich ihr Leben lang durchgeschummelt hat, mit einem gefälschten Attest zur Sterbehilfe mogeln.

Hella verfrachtet die leicht verletzte Juli in ihren Wagen und bringt sie ins Krankenhaus, einen Ort, an dem sich beide gleichermaßen unverstanden fühlen. Und so ziehen die unfreiwilligen Buddys weiter. Dabei entwickeln sie Strategien, miteinander umzugehen und einander zur Weißglut zu treiben. Sie erfahren Momente des Glücks und der Hoffnung und erleben abseits der Krankheit auch klassische Generationskonflikte.

Ein berührender Moment ist es, als Hella im Bierzelt eines Feuerwehrfests wiedererkannt wird und noch einmal am Ruhm schnuppern darf - aber dann fällt das Mikrophon aus und sie versinkt wieder in die Bedeutungslosigkeit.

Ronja von Rönne kam 1992 in Berlin zur Welt und nahm dreiundzwanzigjährig am Bachmann-Bewerb in Klagenfurt teil. Damals sorgte ihr Beitrag für heftige Kontroversen, wie auch ihr Statement über Feminismus ("Ich bin keine Feministin, ich bin Egoistin"). Als ihr daraufhin von der "falschen" Seite applaudiert wurde, stürzte sie in eine Krise.

Rönne, die als Bloggerin und Moderatorin aktiv ist, kennt man außerdem aus dem Video zu Wandas "Bussi Baby". Von ihr erschienen bisher die Bücher "Wir kommen" im Berliner Aufbauverlag und "Heute ist leider schlecht: Beschwerden ans Leben" mit einem Auszug ihrer Kolumnen aus der "Welt am Sonntag".