Es beginnt damit, dass Sarah ihren Springer ungeschützt stehen lässt. Dabei spielt das Mädchen mit 12 Jahren bereits wesentlich besser Schach als ihr Vater, der Paläontologe Zach Wells. Als sich Sarah am Abend des selben Tages ungeschickt in den Finger schneidet, beginnen Zach, der seine Tochter innig liebt, und seine Frau Meg, Sarahs Mutter, die in einer nicht näher bezeichneten Institution Literatur unterrichtet und selbst Gedichte schreibt, deren Verlesung sie scherzhaft als Sanktion bei unbotmäßigem Verhalten androht, sich Sorgen zu machen. Weil sich auch Sarahs Sehvermögen verschlechtert und sie offensichtlich für Augenblicke der Welt entgleitet, suchen Zach und Meg medizinische Hilfe.

Schlimme Diagnose

Das Mädchen wird von verschiedenen Ärzten untersucht. Am Ende erhalten die Eltern von einer Neurologin den niederschmetternden Befund, Sarah leide am Batten-Syndrom, einer tödlichen Demenz-Erkrankung. "Mit der Zeit würde meine Tochter unter immer schlimmeren Anfällen leiden, ihr Sehvermögen würde schließlich völlig versagen, ihre sprachlichen und motorischen Fähigkeiten würden immer mehr nachlassen und schwinden, sie würde unter geistigen Behinderungen leiden; sie würde dement werden. Ich würde sie verlieren, noch ehe sie tot war", räsoniert Zach, aus dessen Ich-Perspektive die Geschichte erzählt wird, in schonungsloser Klarsicht.

Während Zach, der mit der Familie im pittoresken Altadena im Los Angeles County lebt, auf dem Campus seiner Arbeit nachzugehen versucht, vollzieht sich Sarahs Verfall in zunächst noch scheinbar überschaubaren Maßen. Fast unvermittelt ist dann aber der Punkt erreicht, wo die An- und Ausfälle die Grenzen alltäglicher Kontrollierbarkeit durchbrechen: Sarah macht sich in die Hose, verwechselt ihren Vater mit einem ominösen Wesen namens "Daniel", bedroht ihre Mutter, verletzt sich selbst mit einem Messer schwer. In der Schule wenden sich ihre Freunde von ihr ab und irgendwann ist es unvermeidlich, dass Sarah in ein Heim muss.

- © Carl Hanser Verlag
© Carl Hanser Verlag

Naturgemäß ist Zachs Ehe mit Meg, die er mehr schätzt als liebt, einem schweren Belastungstest ausgesetzt. Neben dem Leiden (mit) der Tochter und unerfreulichen Vorgängen auf dem Campus - eine ihm nahestehende Kollegin hat Suizid begangen -, gibt es aber noch etwas, das Zach beschäftigt: Als er bei eBay eine Jacke bestellte, fand er darin einen Zettel vor, auf dem auf Spanisch um Hilfe gebeten wurde.

Als er sich weitere Kleidungsstücke schicken lässt und weitere spanischsprachige Botschaften vorfindet, die klar auf eine Notlage hinweisen, recherchiert Zach das Aufgabepostamt. Es liegt in einem Ort in New Mexico. Ohne Meg davon zu informieren, fährt Zach dorthin - flüchtet also vor der Überforderung durch die familiäre Situation, um ohne den geringsten konkreten Plan jemandem Unbekannten zu Hilfe zu eilen.

Man begegnet in "Erschütterung", im Original von 2020 nach einem beliebten Gesellschaftsspiel "Telephone" betitelt und in den USA in drei Fassungen mit unterschiedlichem Ausgang erschienen, etlichen vertrauten personellen und dramaturgischen Determinanten aus dem Schaffen Percival Everetts:

Einem Ich-Erzähler mit einem prestigeträchtigen (wenn auch nicht üppig entlohnten) Beruf und eher defizitärer Selbstachtung, die sich zum Beispiel in fast roboterhaft deskribierten Aufzählungen nicht wirklich wesentlicher biographischer und äußerer Merkmale manifestiert ("Vor dem Studium war ich bei den Marines"; "Ich ließ mich nie tätowieren").

Der Zersetzung seiner Lebensroutine, in der er es sich bei allem Ungenügen mit sich selbst durchaus gemütlich eingerichtet hatte, durch ein tragisches Ereignis.

Einem fundamentalen Misstrauen gegen Beständigkeit und vermeintliche Sicherheiten.

Einem Unwillen, gesellschaftlichen Erwartungsreflexen zu genügen: Wie die meisten von Everetts afroamerikanischen Protagonisten lehnt Zach Wells es ab, sich explizit in Rassenfragen zu engagieren. Als ihm zwei schwarze Studenten nahelegen, bei einer Protestveranstaltung auf dem Campus einen Vortrag zu halten, dass Farbige systematisch an Lehrtätigkeiten gehindert würden, antwortet Zach: "Es kann durchaus sein, dass ich wegen rassistischer Bewilligungsgremien etliche Zuschüsse nicht bekommen habe. Ich weiß es einfach nicht. Ich krieche in Höhlen, finde Fossilien und bestimme sie dann. Ich bin Naturwissenschaftler."

Sparsamer Humor

Dass Everett, einer der profiliertesten und originellsten US-amerikanischen Gegenwartsautoren, hier mit seinem sarkastischen Humor - dem schon einmal eine Persiflage auf schwarze Ghetto-Literatur oder ein Roman-Protagonist namens Nicht Sidney Poitier entsprungen sind -, vergleichsweise sehr sparsam umgeht, ist einerseits schade, fügt sich andererseits aber unvermeidlich in die wahrhaft tiefe und solchermaßen ziemlich witzresistente Tragik des Handlungsverlaufs.

Wie Zach in der Kinderklinik, in der er Sarahs niederschmetternde Diagnose zu hören bekommen wird, vor einem der "Aquarien voller lächelnder Fische" einen übergroßen Segelflosser anstarrt, "der zurückzustarren beschloss", mutet an wie ein skurriles Abdriften vor der ultimativen Erschütterung.