Sie haben es nur gut gemeint mit ihrem Sohn, als Bill von seinen Eltern auf eine Bootstour geschickt wurde. Von wegen Gemeinschaft erleben, sich selbst auf dem Ozean finden und so. Sie konnten ja nicht ahnen, dass die Crew zwölf Seemeilen nördlich der Kanarischen Inseln in einen Sturm geraten und dabei getrennt werden würde. Sprich: Alle bis auf Bill schaffen es ins aufblasbare Rettungsfloß, während er sich nur noch ins Beiboot retten kann und dort den Wellenbergen trotzt.

Als sich der Ozean wieder beruhigt hat, treibt er irgendwo im Nirgendwo des Atlantiks, die marokkanische Küste nicht vor Augen, aber doch irgendwie da - und er kann nur beten, dass es ihn nach Westen und nicht nach Osten ganz ins offene Meer hinaus verschlägt. Aber, so viel darf an dieser Stelle verraten werden, er wird letztlich nicht auf dem Meer sterben (das ist aber insofern keine große Überraschung, als er die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt, und das tun Tote doch eher selten in Jugendbüchern).

Und er trifft auf seiner Reise (wenn man es denn als solche bezeichnen darf) auf zwei fremde Jugendliche, deren Kulturen ihm teils völlig fremd sind. Die eine, ebenfalls eine Schiffbrüchige aus Nordafrika, braucht lange, bis sie mit ihm warm geworden ist - zieht sich allerdings auch danach immer wieder vor ihm zurück, zumindest mental - und erzählt ihm, nachdem die Sprachbarrieren halbwegs überwunden sind, arabische Märchen. Die Geschichten der Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht begleiten die beiden, während sie im Boot Meerwasser entsalzen, sich vor der heißen Sonne schützen, die letzten mitgeretteten Vorräte aufbrauchen, an einer Insel stranden (hier kommt ein bisschen Robinson Crusoe dazu) und immer wieder darum ringen, die Hoffnung doch nicht aufzugeben.

Autor Chris Vick erzählt in "Allein auf dem Meer" vom Mut der Verzweiflung, von der Einsamkeit auf See, vom Aufeinanderprallen der Kulturen und eben auch von der Schönheit der arabischen Märchen, die er nicht nur erwähnt, sondern auch selbst seitenlang zitiert. Die Handlung bringt das nicht unbedingt weiter, manchen Leser mag es sogar nerven, doch der Autor hat sich dabei schon auch etwas gedacht. Und zwar nicht nur, dass er einen Beitrag zur Volksbildung leisten möchte. Die Märchen aus Tausendundeiner Nacht können auch als Parabel für seinen Roman gesehen werden, als Klammer, die zwar nicht alles zusammenhält, aber doch einrahmt, als Metaebene, die er einfügt. Und auch wenn dem Buch ohne sie vielleicht nichts fehlen würde, so gewinnt es doch durch sie an Mehrwert.