Der neue Roman von Sasha Filipenko heißt "Die Jagd" (Diogenes) und erzählt davon, wie es einem russischen Journalisten ergeht, der über einen Oligarchen berichtet. Vor acht Jahren erschienen, jetzt auf Deutsch übersetzt, ist der Roman aktueller denn je. Im Interview spricht der gebürtige Belarusse, der bis 2020 in St. Petersburg lebte, unter anderem beim TV-Sender Doschd gearbeitet hat und jetzt an wechselnden Orten in Westeuropa im Exil ist, über russische Politik-Ignoranz, europäische Blauäugigkeit und billige Solidarität. Das Interview wurde - wie der Roman - von Ruth Altenhofer übersetzt. 

"Wiener Zeitung": In Ihrem Buch wird ein Blogger für einen leeren Post bestraft, die Szene liest sich wie ein absurder russischer Literaturklassiker. Nun wurde kürzlich jemand in Russland bei einer Demo festgenommen, der ein leeres Schild getragen hat. Hat sich das für Sie abgezeichnet, dass die Realität die Fiktion überholen wird?

Sasha Filipenko: Ich wollte die Aufmerksamkeit darauf lenken, was passieren kann, wenn wir nicht aufpassen. Und vor acht Jahren, als das Buch erschienen ist, haben die Leute gelacht, wenn ich diese Passage vor Publikum gelesen habe. Es war nicht schwer vorherzusehen, dass es so weit kommen wird, weil man richtig zusehen konnte, wie der Kreis der Dinge, für die man bestraft wird, immer enger wurde. Es war irgendwie klar, dass man irgendwann für "nichts" bestraft werden kann.

Ihr Buch heißt "Die Jagd", auch Sie sind seit einiger Zeit immer unterwegs, auf der Flucht. Wie viel von Ihren persönlichen Erfahrungen steckt da drin?

In vielen Punkten spiegelt das Buch meine persönlichen Erfahrungen, zum Beispiel beim TV-Sender Doschd. Ich bin mit Zensur konfrontiert gewesen, als Gagschreiber, aber auch mit meinen Büchern und Theaterstücken, die nicht aufgeführt werden konnten. Meine Kollegen und ich waren oft psychischem Druck ausgesetzt, man hat versucht, uns einzuschüchtern, und das wollte ich zeigen: dass es in modernen Diktaturen etliche Methoden gibt, wie man Menschen unter Druck setzen kann, und dass es nicht bei Mord oder Verhaftung beginnt.

Auch die Familie wird einbezogen?

In meinem Leben leidet ganz stark mein Sohn darunter, dass wir nicht mehr in Russland sind, weil er jetzt schon ein Jahr lang nicht in die Schule gehen konnte. Und auch meine Frau kann ihre Arbeit nicht einfach fortführen. Es sind vor allem die "Dritten", die unter diesen Verfolgungen leiden.

Nehmen Sie es dem Westen/Europa übel, dass man - auch nach allem, was in Ihrer Heimat Belarus geschehen ist - so lange die Entwicklungen ignoriert hat?

Ich glaube, es liegt auf der Hand, dass die strengen Sanktionen, die Europa jetzt über Russland verhängt hat, schon 2014 nach der Annexion der Krim hätten passieren müssen. Europa scheint immer ein bis zwei Schritte hinterherzuhinken. Wenn das schon damals geschehen wäre, wären wir wahrscheinlich nicht in der Situation, in der wir jetzt sind. Europa versucht, rational zu handeln, aber es ist schwer, rational mit jemandem umzugehen, der die Verbindung zur Realität verloren hat. Wenn ich die europäischen Länder kritisiere, dann mache ich das übrigens nicht als ein Wir und die Anderen. Ich nehme Belarus als einen Teil Europas wahr, und es ist auch eine Kritik an uns selber. Ich verstehe schon auch, wenn Europa sagt, das ist nicht unser Krieg, wir wollen uns da nicht einmischen, das ist nicht Sache der Nato. Aber ich finde es dann seltsam - und die Ukrainer lachen zum Teil darüber -, wenn Gebäude und Sehenswürdigkeiten in den ukrainischen Nationalfarben angeleuchtet sind. Das sind Zeichen von Solidarität. Aber Solidarität ohne konkrete Hilfe bringt nichts.

Ist Europa also immer noch zu blauäugig?

Diese Angst, dass wenn die Nato sich einmischt, der Dritte Weltkrieg ausbricht, die müsste vielleicht gar nicht so groß sein. Denn schon 2015 wurde vom Nato-Mitglied Türkei aus ein russisches Flugzeug über der syrisch-türkischen Grenze abgeschossen und es ist trotzdem kein Dritter Weltkrieg ausgebrochen. Europa scheint überzeugt davon, dass Schluss ist, wenn Russland die Ukraine erobert hat. Wir wissen nicht, welche Pläne Putin hat, aber wenn man davon ausgeht, dass er eine Neuauflage der Sowjetunion will, dann könnte er sich gut und gerne auch die baltischen Staaten wieder holen. Im Endeffekt ist die Entscheidung Europas, online zuzusehen, wie die Ukraine vernichtet wird. Ich fürchte, Putin geht recht in der Annahme, dass Europa jetzt ein bis zwei Monate am Krieg in der Ukraine interessiert sein wird, so wie man sich eine gewisse Zeit für die Proteste in Belarus interessiert hat. In Belarus werden immer noch Leute unterdrückt und festgenommen, aber die Medien bringen nichts mehr darüber. Genauso wird man die Ukraine vergessen und nur mehr mit den Flüchtlingen beschäftigt sein.

Auf ukrainischen Instagram-Accounts kursieren Zahlen, dass 70 Prozent der Russen Putins Krieg unterstützen - denken Sie, diese Zahl ist plausibel?

Ich glaube, diese Zahlen muss man mit Vorsicht betrachten. Ich habe von einer Umfrage eines oppositionellen Kandidaten gehört, der hat 30.000 Leute befragen lassen und von diesen wollten 27.000 nicht antworten, als sie gehört haben, dass es um den Krieg geht. Man kann davon ausgehen, dass sehr viele gar nichts dazu sagen wollen, das ergibt natürlich ein anderes Bild. Es ist auch nicht die Frage, in welchem Verhältnis Gegner und Befürworter des Krieges stehen, sondern das Drama ist, dass Russland jetzt ein Land ist, in dem so etwas möglich ist: Dass ein Krieg geführt wird und dass verhältnismäßig wenige Leute auf die Straßen gehen. Weil sie Angst vor Repressionen haben und die Hälfte überhaupt apolitisch und der Lethargie verfallen ist. In Belarus sind während der Proteste von neun Millionen Einwohnern mehrere Millionen auf die Straße gegangen. In Russland sind es im Verhältnis zur riesengroßen Einwohnerzahl viel zu wenige.

Die Hälfte ist apolitisch: Ist das eine grundsätzliche russische Einstellung?

Das ist ein genereller Zustand. Die Leute interessieren sich nicht für Politik und es gibt auch keine Politik. Russland hat seit 20 Jahren denselben Präsidenten, der kein einziges Mal an Debatten teilgenommen hat. Es gibt Oppositionelle, die versuchen, ein Gegengewicht zu bilden, aber das ist zu wenig dafür, dass die Leute politisch aktiv werden könnten.

In einem Interview haben Sie gesagt, Russen verschließen lieber die Augen, als dass sie einen Fehler eingestehen. Macht das die Situation jetzt noch auswegloser?

Ich glaube, dass das eines der fundamentalsten Probleme der Russen ist. Natürlich ist das pauschal, aber in Russland ist es so, dass das Zugeben eines Fehlers ein Eingeständnis von Schwäche ist. Bevor man einen Fehler zugibt, hängt man sich lieber auf oder läuft davon. Das ist ganz fatal, die Menschen haben große Angst davor, einen Fehler zugeben zu müssen. Oder dass Russland einen Fehler machen könnte. Wenn man in Archiven arbeitet, so wie ich, dann sieht man, dass Hitler und Stalin viele Ähnlichkeiten hatten - diese massenhafte Vernichtung von Menschen. Ich erzähle gern die Geschichte, dass die Sowjets bei der Befreiung vom KZ Buchenwald die Bretter mitgenommen haben und dann Gulags damit gebaut haben. In der Sowjetunion gab es nie diese Reue und Vergangenheitsbewältigung von historischen Verbrechen. Weil Russland keine Fehler zugeben kann. Es gab keine Distanzierung vom Stalin-Terror. Und unter Putin kann das auch nicht passieren, weil er als KGB-Offizier ein Nachfolger dieser Maschinerie ist.

Wie sehen Sie die Zukunft des unabhängigen Journalismus in Russland?

Es ist ja schon alles abgedreht, es gibt keine unabhängigen TV-Sender und Zeitungen mehr, nur mehr "Nowaja Gaseta", und die darf auch nicht mehr verkauft werden. Auch da schreiben schon mehr Leute im Ausland als in Russland vor Ort. Es ist eine Situation wie unter Stalin Ende der 30er Jahre oder in Nazi-Deutschland. Facebook, Instagram, YouTube werden der Reihe nach abgedreht, manche funktionieren noch via VPN. Das ist ein richtiges Informationsvakuum. Es werden Partisanen sein, die Nachrichten und Informationen transportieren. Das Problem ist gar nicht unbedingt die Angst vor Verfolgung oder Zensur, sondern es fehlen die Mittel. Der unabhängige Journalismus wechselt gerade auf Telegram, weil das noch geht.

Aktionen wie das Video von Arnold Schwarzenegger zur Aufklärung der Russen: Wie finden Sie das, ist das naiv? Sinnlos? Ärgerlich?

Er hat sehr positive Reaktionen gekriegt von Menschen, die sowieso seiner Meinung sind. Mir hat gefallen, dass er über seine persönliche Geschichte spricht und es schafft, einen höflichen, wohlwollenden Ton anzuschlagen. Das ist etwas Besonderes, weil in Russland die Leute, die mit Putin-Anhängern und Kriegsbefürwortern diskutieren, längst nicht mehr höflich sein können. Schwarzenegger hat sogar für Putin noch Empathie, die wir nicht mehr aufbringen, weil wir ihn für einen Zombie halten.