Ausnahmeregisseurin und Schriftstellerin Doris Dörrie reist leidenschaftlich. Vor der Corona-Pandemie war die Wahlmünchnerin selten länger als drei Monate in Folge zuhause. Ihr neues Buch übers Reisen mit dem Titel: "Die Heldin reist" erzählt von ihren Erfahrungen, als Frau in der Welt unterwegs zu sein. Mit der "Wiener Zeitung" sprach die 66-Jährige über die weibliche Form der Heldenreise, übers Reisen allein, Frauenbilder in unterschiedlichen Kulturen, warum es sie immer wieder hinaus in die Welt zieht und ihre Begeisterung für Japan.

"Wiener Zeitung": Frau Dörrie, was zieht Sie in die Ferne?

Doris Dörrie: Das Reisen katapultiert mich in pure Gegenwart. Da schaue ich nur noch, lausche, rieche, taste, staune. Es ist einfach sehr schwer, sich im Alltag im momentanen Augenblick aufzuhalten, weil wir natürlich ständig in Gedanken woanders sind. Besonders wenn wir Sorgen haben, sind wir nicht mehr anwesend im gegenwärtigen Augenblick, sondern irgendwo in der Vergangenheit oder der Zukunft. Und das merken wir in der momentanen schwierigen Situation zwischen Krieg und Corona sehr stark. Aber auch der schmerzhafte Augenblick ist Gegenwart, die ich wahrnehmen sollte. Das ist natürlich keine leichte Übung. Aber wenn man auf Reisen ist, wird man durch das Staunen und sich Wiedereinstellen auf die neue Situation und die übergroße Wachsamkeit mehr gezwungen in der Gegenwart zu agieren, als im vertrauten Umfeld. Da driftet man in Gedanken ständig ab. Unterwegs kann man sich das gar nicht leisten.

Ein Mann bricht auf zu einer Abenteuerreise, überwindet Hindernisse, bezwingt seine Feinde, kehrt als Held zurück. Was geschieht aber, wenn eine Frau reist? Dass eine Frau anders reist als ein Mann, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Buch.

Ja, natürlich. Wir dürfen uns eigentlich erst wirklich frei durch die Welt bewegen seit dem vergangenen Jahrhundert. Davor war es einigen wenigen Frauen vorbehalten, die als Abenteurerin, oft verkleidet als Männer, unterwegs waren. Diesen öffentlichen Raum absichtslos zu durchstreifen, ein Flaneur zu sein, das war Frauen nicht möglich. Es war ihnen sogar verboten. Deshalb ist das Reisen eine relativ neue Tätigkeit. Und es ist immer eine gefährlichere Tätigkeit als für einen Mann. Eine Frau allein, die in der Welt unterwegs ist, ist immer noch deutlich gefährdeter als ein Mann allein, außer in manchen Ländern, wie zum Beispiel in Japan. Deshalb war für mich Japan ein Eldorado des Allein-unterwegs-Seins.

Woran, glauben Sie, liegt es, dass Sie dort reisen konnten wie ein Mann?

Ich denke, weil es ein Land mit sehr niedriger Kriminalitätsrate ist. Und weil auch dort Frauen nur selten allein herumreisen, war ich oft die Einzige. Und vor allem als westliche Frau machte einen niemand an. Was wir als Frauen sonst gewöhnt sind, das passiert da nicht. Ich musste mich nicht umdrehen, wenn ich im Dunklen nach Hause ging, oder in einer Tiefgarage befürchten, dass mir jemand nachstellt. Aber natürlich gibt es auch in Japan für Frauen Geschlechtergrenzen, wie ich es in meinem Buch beschrieben habe anhand der Geschichte meiner japanischen Freundin Tatsu.

Was macht Sie beim Schreiben am glücklichsten?

Das Schreiben an sich. Das ist mein Beruf. Das ist wie bei einem Sportler. Man muss seinen Schreibmuskel eben jeden Tag trainieren wie Beinmuskeln, wenn man Marathonläufer ist. Dazu gehört Regelmäßigkeit und Disziplin. Und dass das nicht in jeder Sekunde Spaß macht und es jede Menge Hindernisse gibt, ist vollkommen klar. Nur könnte ich mir keine andere Tätigkeit vorstellen, die ich lieber machen würde als schreiben.

Außer Filme drehen?

Da gehört das Schreiben dazu. Ich schreibe meine Drehbücher selbst. Und dann kommt noch das ständige Umschreiben während des Drehs hinzu, also ein weiterer Schreibprozess. Und das empfinde ich schon als ein ungeheures Privileg, dass ich schreiben darf. Und dass es einen Verlag gibt, der meine Bücher herausbringt, und es Leute gibt, die sie lesen. Das ist etwas ganz Wunderbares, wofür ich dankbar bin.

Ihr neuer Film "Freibad" ist bereits abgedreht und startet im September.

Ja, er spielt in einem Frauenfreibad. Da geht es darum, wem gehört der weibliche Körper und wie definieren wir ihn, was hat dieser Körper anzuziehen und was nicht und was bedeutet Nacktheit und was nicht. Es dreht sich um Verhüllung, Verschleierung, wann ist eine Frau eine Frau, also jede Menge brisanter Themen. Aber das Ganze ist eine Komödie.

Apropos Verschleierung: In Ihrem Buch erzählen Sie, dass Sie als Reaktion auf die Islamophobie nach 9/11 im Niqab durch München gelaufen sind.

Es ist tatsächlich interessant, dass, wenn man es nicht zwangsweise machen muss, sondern aus freien Stücken, es als Frau sogar Vorteile bringt in einer sexualisierten Gesellschaft. Ich fühlte mich als Individuum weniger beurteilt von anderen, nicht taxiert nach einem männlichen Marktwert.

Im vergangenen halben Jahrhundert sind Frauen auf einer stürmischen Reise gewesen, die sie zwar weitergebracht hat. Wirkliche Gleichberechtigung und gleiche Bezahlung gibt es aber immer noch nicht. Wie stehen Sie zur Frauenquote?

Ich glaube, keine Frau mag die Quotenregelung gerne. Aber wenn es nicht anders geht, müssen wir in diesen sauren Apfel beißen. Ich halte es eigentlich für eine Unverschämtheit, dass wir überhaupt eine Quotenregelung brauchen, um zu einer ganz normalen Gerechtigkeit zu kommen. Schließlich sind Frauen die Hälfte der Menschheit und natürlich sollte alles gleichberechtigt sein. Aber es ist anscheinend nicht hinzukriegen. Wir haben so viele Fortschritte gemacht in den letzten hundert Jahren nur in diesem Punkt nicht. Also muss es anders erreicht werden und dazu dient vielleicht doch eine Quotenregelung, wie ich sie für den Filmbereich im Regie-Fach befürworte, um die Rolle der Frauen in der Branche zu stärken.

Sie sitzen in der Oscar-Jury und haben nach Ihrem Durchbruch mit der Kultkomödie "Männer" in der Traumfabrik Hollywood gedreht. Bereuen Sie es, nicht dortgeblieben zu sein?

Ich hatte einen Vertrag über fünf Filme. Aber nach einem hat’s mir schon gereicht und ich bin wieder zurückgekommen. Es lag auch etwas am Schreiben. Obwohl ich ziemlich gut englisch spreche, fühle ich mich, wenn ich auf Englisch schreibe, doch unsicherer als eben in meiner Muttersprache. Da ist mir etwas die Basis entzogen. Schon allein deshalb hätte ich dort nicht Filme mit meiner ureigenen Handschrift machen können wie hier. Das war mir wichtiger. Zudem ist es schwierig, den Final Cut zu bekommen.

Mit Ihrem Buch stellen Sie den Mythos der Heldenreise auf den Prüfstand, wie er auch im amerikanischen Mainstream-Kino gepflegt wird. Inzwischen sehen wir vermehrt Heldinnen auf der Leinwand. Was halten Sie davon?

Es gibt natürlich die absolute Blaupause aus den Heldenerzählungen. Filme wie "Tomb Raider", "Resident Evil" oder "Wonder Woman". Genau dasselbe Modell wird hier auf Frauen übertragen. Dabei ist auffallend, dass es meist Frauen sind, die enge Korsagen tragen und mit großen Waffen herumfuchteln. Also schon eine reine Männerfantasie.